ArchivDeutsches Ärzteblatt37/2003Primärprävention kardialer Erkrankungen: Schlusswort

MEDIZIN: Diskussion

Primärprävention kardialer Erkrankungen: Schlusswort

Dtsch Arztebl 2003; 100(37): A-2388

Löllgen, Herbert

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LNSLNS Herr Kollege Frank hält die evidenzbasierte Datenlage noch nicht für ausreichend gesichert. Auf die Problematik der Evidenzgrade wurde aber im Beitrag eingegangen, nach gängiger Einteilung ergibt sich ein Evidenzgrad 2a oder 2b. Studien zum Thema körperliche Aktivität können keinen höheren Evidenzgrad erreichen, da randomisiert doppelblinde Studien mit regelmäßigem Training naturgemäß nicht möglich sind. Andererseits gelten prospektive, kontrollierte Kohortenstudien, hier mit Beobachtungszeiten bis zu 25 Jahren und an über 400 000 Personen als epidemiologisch ausreichend zuverlässig und aussagekräftig (1). Die zitierten Studien (2) sind in Zeitschriften mit einer „peer review“- Begutachtung publiziert. Zeitschriften wie N Engl J Med, Lancet, Circulation oder JACC gelten gemeinhin als seriös und die darin publizierten Arbeiten als wissenschaftlich solide und selten spekulativ. Die Phase der „Spekulation“ zum Thema Prävention und körperliche Aktivität ist inzwischen absolut überwunden, dabei sei auf das von Herrn Kollegen Frank zitierte Sonderheft ausdrücklich verwiesen. Veranlagung oder Genetik in der Langlebigkeit spielen eine Rolle, darauf wurde hingewiesen. Man hätte es gerne gesehen, wenn Herr Dr. Frank seine pauschalen Anmerkungen in der wissenschaftlich üblichen Weise belegt hätte.
Einige Korrekturen: Die Sportwissenschaft, entstanden aus der Sportmedizin, ist der Teil der Wissenschaft, der sich vorwiegend mit Didaktik, Pädagogik oder Trainingslehre beschäftigt. Die Sportmedizin als Teil der Medizin beschäftigt sich hingegen mit medizinischen Fragen der Bewegung oder Inaktivität und dies seit 91 (!) Jahren. Ein Hinweis, der Volkswirtschaft entstehe ein finanzieller Schaden, findet sich in meinem Beitrag nicht, ebensowenig wurden Korrelationen berechnet, hier mag eine Verwechslung vorliegen.
Wie im Schlussabsatz erwähnt, ist eine Lebensverlängerung durch körperliche Aktivität weniger bedeutsam als die Verbesserung der Lebensqualität, vor allem beim leider sehr häufig „unbeweglichen“ älteren Menschen. Wer ältere Menschen im Rollstuhl im Altersheim sieht, wer
die krankmachende „Bettruhe“ in unseren Akutkrankenhäusern beobachtet, der wünscht sich schon, auch ohne randomisiert kontrollierte Studien mehr Bewegung in den Altersheimen oder Krankenhäusern mithilfe von Sportlehrern oder Krankengymnasten. Mitarbeiter, die heute häufig – paradoxerweise – aus Kostengründen eingespart werden. Herr Dr. Lorenz gibt eine wichtige Ergänzung, dies kann uneingeschränkt befürwortet werden.
Herr Kollege Ulmer rennt offene Türen mit seinen Vorschlägen ein, seit den 30er-Jahren werden Vorsorgeuntersuchungen für Sporttreibende durchgeführt und angeboten. Empfehlungen hierzu liegen vor (3). Leider haben Politiker aus Spargründen langjährig bewährte Modelle in Berlin und Hessen beendet. Jeder Sportler kann sich untersuchen lassen, muss dies aber selber bezahlen (Kosten entsprechen in etwa einer dreifachen Tankfüllung). Kollege Ulmer sollte sein Schreiben daher sofort an die politischen Instanzen in Berlin weiterleiten (Anschrift beim Unterzeichner). Nebenbei: Die Zahlen aus der Siskovick-Arbeit sind so leider falsch dargestellt, nachzulesen in der Originalarbeit.
Auch mit einer noch so gründlichen und apparativ aufwendigen Vorsorgeuntersuchung kann ein Risiko nicht zu 100 Prozent ausgeschlossen werden. Das Leben an sich ist (leider) mit einem Restrisiko verbunden. Die wichtigsten Maßnahmen zur Erkennung kardiovaskulärer Risiken vor dem Sport sind eine sorgfältige Anamnese (familiäre Belastung, eigene Anamnese und sportliche Vorgeschichte) und die klinische Untersuchung. Damit lässt sich die Mehrzahl aller Gefährdeten erkennen. Aber, wer nimmt sich angesichts der „High-Tech-Medizin“ noch dafür die Zeit?
Zum guten Schluss: Der Unterzeichner bekennt, dass er lieber mit 86 Jahren beim Joggen an einem sonnigen Herbsttag plötzlich tot umfallen möchte als mit 93 Jahren im Rollstuhl vor dem laufenden Fernseher dahinzudämmern.

Literatur
1. Concato J, Shah N, Horwitz RI: Randomized controlled
trials, observational studies and hierarchy of research
designs. N Engl J Med 2000; 342: 1887–1892.
2. Löllgen H: Primärprävention kardialer Erkrankungen. Dtsch Arztebl 2003; 100: A-987–996 [Heft 15].
3. Löllgen H: Ärztliche Untersuchung und körperliche Aktivität. In: Samitz G, Mensink GBM (eds.): Körperliche
Aktivität in Prävention und Therapie. München: Marseille Verlag 2002.

Prof. Dr. med. Herbert Löllgen
Medizinische Klinik
Sana-Klinikum Remscheid GmbH
Bürgerstraße 211
42859 Remscheid

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