ArchivDeutsches Ärzteblatt PP9/2003Kassenärzte: Wechselfieber mindert die ambulante Vergütung

POLITIK

Kassenärzte: Wechselfieber mindert die ambulante Vergütung

PP 2, Ausgabe September 2003, Seite 392

Flintrop, Jens

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LNSLNS Durch die Mitgliederwanderung in günstigere Krankenkassen geht der Gesetzlichen Kran­ken­ver­siche­rung viel Geld verloren.

Von 1997 bis 2002 sind fast vier Millionen gesetzlich Krankenversicherte von den Orts- und Ersatzkrankenkassen in die häufig günstigeren Betriebskrankenkassen (BKKen) gewechselt. Dieses im Sinne des Wettbewerbs zwischen den Krankenkassen gewollte Verhalten der Versicherten entzieht der Gesetzlichen Kran­ken­ver­siche­rung viel Geld.
Die Krankenkassen überweisen pro Quartal eine einmalige Kopfpauschale an die Kassenärztlichen Vereinigungen (KVen). Mit dieser Summe müssen alle anfallenden medizinischen Leistungen bezahlt werden, auch die der mitversicherten Familienangehörigen. Die Höhe des Pauschalbetrags ist aber je nach Krankenkasse sehr unterschiedlich. Viele BKKen überweisen eine vergleichsweise niedrige Summe.
„In den neuen Bundesländern zahlten die Ersatzkassen im vergangenen Jahr rund 390 Euro je Mitglied, die Betriebskrankenkassen im Schnitt etwa 330 Euro“, erläutert Dr. med. Manfred Richter-Reichhelm, Vorsitzender der KBV. In der Behandlung machten die Ärzte aber keinen Unterschied. Richter-Reichhelm: „Das Budget für Versicherte in Billigkrankenkassen ist schnell verbraucht – diese Patienten behandeln wir dann umsonst.“
Nach Berechnungen der Kassenärztlichen Bundesvereinigung gingen der Gesetzlichen Kran­ken­ver­siche­rung im Jahr 2002 etwa 213 Millionen Euro infolge des Wechselfiebers der Versicherten verloren. In den alten Bundesländern verzeichneten die Kassenärztlichen Vereinigungen durch die Wanderbewegung in Billigkassen einen Honorarverlust von 179 Millionen Euro. In den neuen Bundesländern entzogen die Wechsel dem System 34,6 Millionen Euro.
Die Kopfpauschalen lösten 1985 ein System ab, das überwiegend eine Einzelleistungsvergütung vorsah (feste Preise). Die heute gültigen Kopfpauschalen wurden mit dem Gesundheitsstrukturgesetz 1992 unter Horst Seehofer festgesetzt. Für ihre Höhen bei der Einführung 1993 wurden die Leistungsausgaben der Kassen für die ambulante ärztliche Behandlung von 1991 (West) und dem 2. Halbjahr 1992 (Ost) herangezogen. Die unterschiedlichen Mitgliederstrukturen der Krankenkassen zu Beginn der 90er-Jahre – lange vor Einführung der Wahlfreiheit der Versicherten – spiegelten sich in unterschiedlichen Höhen der Kopfpauschale je Krankenkasse wider. Heute haben sich die Mitgliederstrukturen der Krankenkassen deutlich verändert – die Relationen der Kopfpauschalen aber nicht.
Um auf die Problematik aufmerksam zu machen, hat die KV Hamburg eine Kampagne gestartet. Den Hamburger Kassenärzten wird Material zur Verfügung gestellt, mit denen sie ihren Patienten die Zusammenhänge erläutern können. Informationen im Internet: www.billigwirdteuer.de. Jens Flintrop
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