ArchivDeutsches Ärzteblatt PP9/2003Begutachtung psychotraumatisierter Flüchtlinge: Konflikt mit ärztlich-ethischen Belangen

POLITIK

Begutachtung psychotraumatisierter Flüchtlinge: Konflikt mit ärztlich-ethischen Belangen

PP 2, Ausgabe September 2003, Seite 394

Gierlichs, Hans Wolfgang

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LNSLNS Die Innenministerkonferenz beschloss Ende 2002, Ärzte vermehrt in die Abschiebung von Asylbewerbern einzubinden. Sie sollen dabei ihre Begutachtung auf die Frage der Reisetauglichkeit beschränken. Auf die Ärztekammern soll eingewirkt werden, ihre Skrupel aufzugeben.

Die verschärfte Asylgesetzgebung der vergangenen Jahren hat dazu geführt, dass vermehrt körperlich kranke und psychisch traumatisierte Flüchtlinge abgeschoben wurden. Etwa zeitgleich verbreiteten sich Kennt-
nisse über traumabedingte psychische Krankheitsbilder in der Ärzteschaft und führten zu einer Sensibilisierung für dieses Thema. Ärzte weigerten sich zunehmend, „Reisefähigkeitsbescheinigungen“ auszustellen oder suizidale Flüchtlinge bei der Abschiebung zu begleiten (9). Ärztetage beschäftigen sich seit 1996 mit dem Thema und fordern: „Die Abschiebung darf nicht zum erneuten Trauma werden“ (1996) oder „Abschiebehilfe durch Ärzte in Form von Flugbegleitung, zwangsweiser Verabreichung von Psychopharmaka oder Ausstellung einer ,Reisefähigkeitsbescheinigung‘ unter Missachtung fachärztlich festgestellter Abschiebehindernisse wie zum Beispiel in Behandlung stehende Traumatisierungen sind mit in der ärztlichen Berufsordnung verankerten ethischen Grundsätzen nicht vereinbar“(1999). Im Jahr 2001 forderte der Deutsche Ärztetag die Bundesregierung auf, Flüchtlingen/Asylbewerbern mit traumatisch bedingten Gesundheitsstörungen ein unbefristetes Aufenthalts- und Bleiberecht zu erteilen.
Beunruhigt von dieser Entwicklung, setzten die Innenminister zunächst eine Arbeitsgruppe „Rückführung“ ein, die das Verhalten der Ärzteschaft kritisierte und forderte, die Voraussetzungen für einen zentralisierten Einsatz von „bedarfsgerecht qualifizierten“ Ärzten mit einem „bundeseinheitlichen Standard für die Feststellung der Flugreisetauglichkeit“ zu schaffen. Im Dezember 2002 beschlossen die Innenminister, die Ärzteschaft für dieses Projekt zu erwärmen und sie aufzufordern, ihre Ärztetagsbeschlüsse aufzuweichen. Aktueller Anlass war die politische Entscheidung, einen großen Teil der Flüchtlinge aus Bürgerkriegsgebieten wie Bosnien und Kosovo, die in den letzten Jahren – unter anderem krankheitsbedingt – eine Aussetzung der Abschiebung (Duldung) erhielten, zügig abzuschieben.
Diese Personen seien schließlich zuvor im Verlauf des Asylverfahrens auf Gesundheitsstörungen ausreichend untersucht worden. Ärzte sollen sich daher vor der Abschiebung darauf beschränken, die Flugreisetauglichkeit zu prüfen.
Vorwurf der Gefälligkeitsgutachten
Die Brisanz dieser verkürzten ärztlichen Untersuchung auf Reise- oder Flugreisetauglichkeit am Ende eines Asylverfahrens wird deutlich, wenn man den Ablauf des Asylverfahrens näher beleuchtet. Die Asylbewerber müssen ein bis drei Tage nach einer oft äußerst gefährlichen Flucht in einer Erstanhörung beim Bundesamt für die Anerkennung ausländischer Flüchtlinge detailliert und widerspruchsfrei ihre Asylgründe vortragen. Dies ist für die meisten von ihnen, vor allem aber für traumatisierte Flüchtlinge, eine nicht zu leistende Anforderung (1, 3). Aufgrund ihrer traumabedingten Gedächtnis- und Konzentrationsstörungen, ihrer Sprachlosigkeit und Vermeidung (wichtigstes Symptom der Post Traumatic Stress Disorder) sind ihre Berichte lückenhaft. Sie leben häufig in einer Welt, in der Jahreszahlen keine Bedeutung haben, und geben diese dann widersprüchlich und ungenau an. Aufgrund von Scham und kulturellen Besonderheiten bringen vor allem unbegleitete minderjährige Jugendliche sowie Frauen und Männer nach erlebter sexualisierter Gewalt ehr- und schamverletzende traumatische Erlebnisse nicht vor (5). Übersetzungsschwierigkeiten können zu widersprüchlichen Angaben führen. In all diesen Fällen werden die Asylanträge ohne ärztlich-psychologische Untersuchung der Flüchtlinge frühzeitig abgelehnt. Auch in den meist folgenden Widerspruchsverfahren, in denen die Flüchtlinge häufig erst zu einem sehr späten Zeitpunkt über ihre traumatisierenden Erfahrungen sprechen, sind Untersuchungen oder Begutachtungen nicht vorgesehen. Die meisten Flüchtlinge scheitern daher vor Gericht und erhalten nur selten ein Bleiberecht aufgrund krankheitsbedingter Abschiebehindernisse (Abschiebungsschutz nach § 53 Absatz 6 AuslG). Wenn sie aufgrund ihrer Beschwerden ärztliche oder psychologische Hilfe suchen, zeigt es sich, dass viele Kollegen mit der Diagnostik oder Behandlung ihrer Störungen überfordert sind und sie nicht erkennen. Die psychosozialen Zentren für Flüchtlinge und Folteropfer sind wegen zu geringer Kapazitäten überlastet und können nur in Einzelfällen Behandlung oder Begutachtung anbieten.
Abschiebung von Asylsuchenden auf dem Frankfurter Flughafen: Der Deutsche Ärztetag lehnte 1999 Abschiebehilfe durch Ärzte in Form von Reisefähigkeitsbescheinigungen ab. Foto: KNA
Abschiebung von Asylsuchenden auf dem Frankfurter Flughafen: Der Deutsche Ärztetag lehnte 1999 Abschiebehilfe durch Ärzte in Form von Reisefähigkeitsbescheinigungen ab. Foto: KNA
Das geltende Asylverfahren ist nicht geeignet, traumatisierte Flüchtlinge frühzeitig zu erkennen, ihnen den erforderlichen Schutz zu bieten und sie einer angemessenen psychotherapeutischen Behandlung in einem stabilen und sicheren Umfeld zuzuführen. Es bewirkt vielmehr eine hohe Rate von Ablehnungen bei kranken Asylbewerbern, die nun ohne eine sorgfältige Abklärung als „gesund“ gelten und von Abschiebung bedroht sind. Dies führt zu einer Aktivierung des traumatischen Prozesses, die Flüchtlinge werden vermehrt von Albträumen gequält, ihre Symptomatik verstärkt sich, sie werden häufig suizidal. Eine adäquate ärztliche Behandlung ist wegen fehlender Therapieplätze und der eingeschränkten Versorgung aufgrund des Asylbewerberleistungsgesetzes auch zu diesem Zeitpunkt nicht möglich.
Vor ihrer endgültigen Abschiebung werden sie noch ein letztes Mal ärztlich untersucht. Auch wenn krankheitsbestätigende Atteste vorhanden sind, soll sich diese Untersuchung auf Weisung der Innenminister und Ausländerbehörden auf „Flugreisetauglichkeit“ beschränken. Es ist nicht vorgesehen, dass die beauftragten Ärzte unter Hinzuziehung aller bisherigen Asyl- und Krankenunterlagen den gesamten Gesundheitszustand und die Behandlungsbedürftigkeit überprüfen. Sie sollen lediglich bestätigen, ob der kranke Flüchtling den Flug bis zum Zielflughafen übersteht und ob er dabei gegebenenfalls ärztliche Begleitung und Sedierung benötigt. Welche gesundheitlichen Folgen die zwangsweise Abschiebung und die Konfrontation mit dem Ort der erlebten Traumatisierung für einen traumatisierten Menschen hat, ist nicht die Frage, ebenso wenig die Überlebensfähigkeit im Zielland. Betroffen sind hierbei die Grundrechte auf Leben und körperliche Unversehrtheit. Eine solche Instrumentalisierung bringt Ärzte in Konflikte mit ihrem beruflichen und ärztlich-ethischen Auftrag, Schaden von ihren Patienten abzuwenden.
Die aktuelle Diskussion dreht sich vor allem um drei Fragen.
- Politiker, Richter und Behördenvertreter behaupten, Traumatisierungen würden zu häufig vorgetragen und von Ärzten und Psychologen in Gefälligkeitsgutachten bestätigt.
- Sie behaupten ferner, traumatisierte Menschen könnten in ihre Herkunftsländer abgeschoben und dort ähnlich wie andere Erkrankte behandelt werden, sobald in einigen Teilen dieses Landes eine gewisse Ruhe wieder hergestellt sei.
- Sie gehen schließlich davon aus, dass psychische Traumatisierungen sich von Ärzten/Psychologen nicht eindeutig feststellen lassen.
Internationale wissenschaftliche Untersuchungen gehen davon aus, dass 20 bis 70 Prozent der Flüchtlinge, die vor kriegerischen Auseinandersetzungen geflohen sind, unter psychisch reaktiven Traumastörungen leiden (4, 8). In Deutschland leben mehr als eine Million Kriegsflüchtlinge, es wäre also mit mindestens 200 000 traumatisierten Flüchtlingen zu rechnen. Eine entsprechende Zahl ist von Behörden und Gerichten nicht annähernd anerkannt worden.
Zur zweiten Annahme haben die wichtigsten wissenschaftlichen psychiatrisch-psychotherapeutischen Fachgesellschaften Deutschlands in einer gemeinsamen Stellungnahme festgestellt, dass Traumatisierte von Abschiebungen existenziell bedroht werden und in ihren Herkunftsländern nicht behandelt werden können.*
Außerdem lassen sich Traumastörungen durchaus wissenschaftlich nachweisen, wenn die Untersucher entsprechend qualifiziert sind (1, 2, 6). Ohne spezielle Kenntnisse kann es schwierig sein, psychisch reaktive Traumastörungen zu erkennen oder auszuschließen. Zur Verbesserung des Kenntnisstandes von trauma- und kulturspezifischen Krankheitsbildern bei Flüchtlingen und Folterüberlebenden werden in letzter Zeit zunehmend Fortbildungsveranstaltungen von der Bundes­ärzte­kammer und verschiedenen Lan­des­ärz­te­kam­mern angeboten. Ihnen liegen „Standards zur Begutachtung psychisch reaktiver Traumafolgen (in aufenthaltsrechtlichen Verfahren)“ zugrunde. Im Rahmen des 10. Fortbildungsseminars der Bundes­ärzte­kammer in Würzburg ist vorgesehen, unter anderem kulturspezifische Besonderheiten und die Arbeit mit Dolmetschern zu vermitteln.
Die Ärzteschaft hofft, auf der Basis der hier skizzierten wissenschaftlichen Erkenntnisse zu einem sachlichen Dialog mit der Politik zu gelangen, in dem die fachliche und ethische Unabhängigkeit der Ärzteschaft geachtet wird. Dr. med. Hans Wolfgang Gierlichs
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1.
„Traumatisierte Flüchtlinge“, Asylpraxis, Band 9, Bundesamt für die Anerkennung ausländ. Flüchtlinge 2002.
2.
Birck A: Echte und vorgetäuschte Posttraumatische Belastungsstörungen, Psychotraumatologie 2002; 26.
3.
Birck A: Traumatisierte Flüchtlinge: Wie glaubhaft sind ihre Aussagen? Asanger 2002.
4.
Flatten G. et al.: Posttraumatische Belastungsstörung. Leitlinie und Quellentext. Schattauer 2001.
5.
Das Traum – eine Prägung für das ganze Leben. Gesundheitsforum der SZ vom 28./29.Juni 2003; 40.
6.
Gierlichs HW: Psychologische Gutachten: Wissen über Traumata mangelhaft. Dtsch Ärztebl 2002; 99: A-2148 [Heft 33]. VOLLTEXT
7.
Keilson H: Sequentielle Traumatisierung bei Kindern. Enke 1979.
8.
Kessler RC, Sonnega A, Bromet E, Hughes M, Nelson CB: Posttraumatic stress disorder in the National Comorbidity Survey. Archives of General Psychiatry 1995; 52: 1048–1060.
9.
Korzilius H.: Begutachtung von Asylbewerbern: Zwischen Staatsraison und Patientenwohl, Dtsch Ärztebl 2000; 97: A-1580 [Heft 23]. VOLLTEXT
1. „Traumatisierte Flüchtlinge“, Asylpraxis, Band 9, Bundesamt für die Anerkennung ausländ. Flüchtlinge 2002.
2. Birck A: Echte und vorgetäuschte Posttraumatische Belastungsstörungen, Psychotraumatologie 2002; 26.
3. Birck A: Traumatisierte Flüchtlinge: Wie glaubhaft sind ihre Aussagen? Asanger 2002.
4. Flatten G. et al.: Posttraumatische Belastungsstörung. Leitlinie und Quellentext. Schattauer 2001.
5. Das Traum – eine Prägung für das ganze Leben. Gesundheitsforum der SZ vom 28./29.Juni 2003; 40.
6. Gierlichs HW: Psychologische Gutachten: Wissen über Traumata mangelhaft. Dtsch Ärztebl 2002; 99: A-2148 [Heft 33]. VOLLTEXT
7. Keilson H: Sequentielle Traumatisierung bei Kindern. Enke 1979.
8. Kessler RC, Sonnega A, Bromet E, Hughes M, Nelson CB: Posttraumatic stress disorder in the National Comorbidity Survey. Archives of General Psychiatry 1995; 52: 1048–1060.
9. Korzilius H.: Begutachtung von Asylbewerbern: Zwischen Staatsraison und Patientenwohl, Dtsch Ärztebl 2000; 97: A-1580 [Heft 23]. VOLLTEXT

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