ArchivDeutsches Ärzteblatt PP9/2003„Absolute Überbetonung von Leistung“

POLITIK: Das Interview

„Absolute Überbetonung von Leistung“

PP 2, Ausgabe September 2003, Seite 400

Bühring, Petra

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Foto: privat
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Die Psychologische Psychotherapeutin Heidrun Wendel hat zunehmend Ärztinnen – und deren Lebenspartner – in ihrer Praxis, die unter den Anforderungen des Arztberufes leiden.

Deutsches Ärtzeblatt: Sie haben viele Ärztinnen unter Ihren Patienten, die aufgrund der Belastungen in ihrem Beruf Ihre Hilfe suchen. Was sind deren Hauptprobleme?
Heidrun Wendel: Bei den Ärztinnen häufen sich Essstörungen. Ich habe sehr übergewichtige, aber auch magersüchtige Frauen in Therapie. Bei den übergewichtigen Frauen habe ich das Gefühl, dass sie sehr viel in sich reinfressen – im wahrsten Sinne des Wortes – also Probleme, die sie im Alltag nicht bewältigen können. Die Diskrepanz zwischen dem, was sie anderen erzählen und dem, wie sie tatsächlich leben, ist sehr groß. Sie sind unzufrieden in der Partnerschaft und der Familiengestaltung, haben eine gestörte oder fehlende Sexualität.
Gleichzeitig erlebe ich Ärztinnen, die im Trubel des Berufsalltags das Essen vergessen oder besser: sich vergessen. Das heißt, sie beginnen den Tag ohne Frühstück, rauchen viel, trinken Unmengen Kaffee, nehmen mittags schnell was auf die Hand. Abends kommen sie mit ausgebranntem Magen nach Hause – der Kühlschrank ist leer, weil sie es nicht geschafft haben einzukaufen. Dann ist wieder Fastfood angesagt. Diesen Frauen ist meist gar nicht bewusst, was sie ihrem Körper antun.

DÄ: Suchen auch Ärzte Ihre Hilfe?
Wendel: Nein, es sind hauptsächlich Frauen. In letzter Zeit kommen aber häufig die Partner von Ärztinnen zu mir, die sehr unzufrieden sind, weil sie das Gefühl haben, sehr wenig von ihren Partnerinnen mitzubekommen. Sie erleben ihre Frauen meist ausgebrannt: Nach vielen Stunden Schichtdienst kommen sie nach Hause, sind völlig erledigt, können nur noch schlafen. Die Frauen müssen psychisch und körperlich bis zum nächsten Dienst wieder aufgebaut werden. Die Partner erleben das als fremdbestimmtes Leben, sie haben das Gefühl, allein zu zweit zu sein. Das Pflegen von Freundschaften ist nicht möglich, gemeinsame Hobbys sind ebensowenig möglich.

DÄ: Was halten Sie von der Aussage des Präsidenten der Bundes­ärzte­kammer auf dem letzten Deutschen Ärztetag: „Für viele ist es immer noch eine Berufung, Arzt zu sein. Sie gehen der Profession mit Leib und Seele nach.“
Wendel: Da ist viel Wahres dran. Das Engagement, das Ärzte für ihren Beruf aufbringen, können sie nicht gleichermaßen für ihre Beziehung aufbringen und auch nicht für ihre Kinder. Noch schwieriger ist es, ein guter Freund oder guter Nachbar zu sein, der soziale Kontakte pflegt. Viele vernachlässigen auch die körperliche Pflege. Ich habe viele Ärztinnen in Therapie, die sich gehen lassen – die nicht mal mehr zur eigenen Körperpflege kommen. Viele greifen auch häufig zu Drogen wie Aufputschmittel, Zigaretten und Kaffee. Bis zu fünf Aspirin am Tag sind bei einigen normal, um dem Schlafdefizit entgegenzuwirken.

DÄ: Sehen die Betroffenen dies als behandlungsbedürftiges Problem an?
Wendel: Es gibt eine erschreckende Mischung aus Verleugnung, Verdrängung und Selbsterkenntnis. Gleichzeitig ist das Gefühl vorhanden, nach außen hin so tun zu müssen, als ob sie alles im Griff hätten, gesundheitlich fit sind, weil sie der Gesundheit anderer dienen. Viele geraten in eine Sackgasse, trauen sich nicht, Partner, Freunden oder Kollegen von ihren Problemen zu erzählen. Ich beobachte ein verstecktes, einsames Leben bei vielen Ärztinnen, bis sie das
Gefühl haben, dass es so nicht weiter-
gehen kann und sich ein Leidensdruck einstellt – der die Voraussetzung für eine Therapie ist.

DÄ: Welche Möglichkeiten der therapeutischen Intervention gibt es?
Wendel: Ich unterstütze die Ärztinnen zunächst in der Wahrnehmung ihres Leids. Die meisten glauben zu Anfang, sich alles nur einzubilden, eigentlich alles schaffen zu müssen. Sie meinen, es ginge ihnen gut, denn sie haben einen Partner, Kinder und ein finanzielles Auskommen. Gleichzeitig relativieren sie das eigene Leiden angesichts des Leids ihrer Patienten.
Ich unterstütze die Betroffenen, sich selber zu helfen, Ansätze zu finden, mit denen Erfolgserlebnisse schnell spürbar werden. Das sind beispielsweise organisatorische Dinge wie: sich einmal
in der Woche einen Babysitter nehmen, um wieder Zweisamkeit in der Partnerschaft zu erleben. Oder sich eine Biokiste mit Gemüse einmal in der Woche liefern zu lassen, wenn sie nicht regelmäßig einkaufen können. Es sind oft alltägliche praktische Dinge, die aber bei den gebildeten Ärztinnen oft nicht ausgebildet sind. Das ist zunächst die schnelle Kurzhilfe.

DÄ: Und dann?
Wendel: Ich schaue dann, warum die Frauen so leben. Das kann zum Beispiel damit zu tun haben, dass sie stark verin
nerlicht haben, sich anstrengen zu
müssen, perfekt zu sein, keine Fehler machen zu dürfen. Ich versuche, herauszufinden, woher die absolute Überbetonung von Leistung kommt. Häufig leisten Ärztinnen sehr viel, haben aber trotzdem ein geringes Selbstwertgefühl. Ein Grund ist, dass sie Liebe einfach ihrer selbst wegen, häufig als Kind nicht erlebt haben. Bei der Gestaltung ihrer beruflichen Situation, bei Partnerschaft und Freundschaften haben sie die Idee, viel Leistung bringen zu müssen, um überhaupt geliebt zu werden und Anerkennung zu bekommen.
Das sind häufig alte Muster, Gefühle nicht wahrzunehmen oder nicht zu äußern. Dann ist es wichtig, tiefenpsychologisch nach den Ursachen zu schauen: Welche Überlebensstrategien wurden früher ergriffen, um zu überleben? Was war damals notwendig, für das es heute andere Gestaltungsmöglichkeiten gibt?

DÄ: Raten Sie angestellten Ärztinnen, von ihren Arbeitgebern mehr Rechte einzufordern, zum Beispiel ein Recht auf Privatleben, Recht auf geregelte Arbeitszeiten?
Wendel: Ich rate eher wenig. Wichtig ist, beim eigenen Selbstverständnis anzufangen. Um auf die Strukturen einzuwirken, ist politische Arbeit notwendig. Wichtig ist, die eigene Haltung stark zu machen, zu spüren, was man braucht. Wenn ich diese Haltung anderen und mir selber gegenüber einnehme, kann ich mehr verändern und bewegen, als wenn ich es infrage stelle. Das heißt, wenn ich selber nicht weiß, ob es mir gut gehen darf, kann ich auch von anderen nicht erwarten, dass sie darauf Rücksicht nehmen.

DÄ: Wie gehen Sie bei den Lebenspartnern von Ärztinnen vor?
Wendel: Mein Ansatz bei Partnern ist, sie ernst zu nehmen in ihrem Leid. Ich stärke sie in ihrer Selbstständigkeit. Wenn die Männer enttäuscht und frustriert zu mir kommen, weiß ich, dass sie einer Illusionen erlegen sind. In dem Sinne, dass die Partnerin für die Befriedigung all ihrer Bedürfnisse zuständig sein soll. Ich ermuntere diese Klienten, zu mehr Selbstständigkeit, beispielsweise, eigene Hobbys wieder aufzunehmen. Oder, wenn durch die Wechselschicht der Partnerin der Freundeskreis vernachlässigt wurde, eigenständig Freundschaften zu pflegen. Das hat oft auch Synergieeffekte auf die Partnerin.
DÄ-Fragen: Petra Bühring
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