ArchivDeutsches Ärzteblatt PP9/2003Arbeitsmediziner und Mobbing: Sensibilisieren, aufklären und vermitteln

THEMEN DER ZEIT

Arbeitsmediziner und Mobbing: Sensibilisieren, aufklären und vermitteln

PP 2, Ausgabe September 2003, Seite 403

Bühring, Petra

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Mobbing im Krankenhaus war das Titelthema in Heft 12/2001.
Mobbing im Krankenhaus war das Titelthema in Heft 12/2001.
Betriebsärzte werden immer häufiger mit dem Phänomen Mobbing konfrontiert. Sie sollten ihre Vertrauensposition
nutzen und zwischen den Betroffenen moderieren.

Die psychomentalen Belastungsfaktoren wie Stress, angespanntes Arbeitsklima oder Konflikte unter den Mitarbeitern nehmen in einer immer komplexer werdenden Arbeitswelt zu. Zusätzliche Arbeit durch Personalabbau in den Unternehmen und die Angst, den eigenen Arbeitsplatz zu verlieren, können als Gründe dafür ausgemacht werden. Betriebsärzte werden immer häufiger mit den gesundheitlichen Auswirkungen des Phänomens Mobbing konfrontiert. Eine Fragebogen-Studie bei mehr als 600 Betriebsärzten ergab, dass sich 92 Prozent als Ansprechpartner für psychosoziale Fragen sehen und 70 Prozent als Konfliktvermittler in diesem Zusammenhang (1). Jedoch fühlen sich viele Betriebsärzte nicht ausreichend auf den Umgang mit dem sensiblen Thema vorbereitet, denn 75 bis 80 Prozent der Befragten wünschten sich Schulungsmaterial und Informationsveranstaltungen. Diese Zahlen stellte Dr. med. Gert Schilling, leitender Betriebsarzt am Universitätsklinikum Bonn, bei der Tagung „Arbeitsmedizin 2003 – Psychische Belastungen und Mobbing am Arbeitsplatz“ vor, die die Technische Akademie Wuppertal e.V. (TAW) vom 9. bis 10. Juli in Köln veranstaltete.
Obwohl Betriebsärzte so häufig mit Mobbingkonflikten konfrontiert werden, „wird ihre Zuständigkeit in der Öffentlichkeit kaum beachtet oder wahrgenommen“, erklärte Schilling. Dieses Manko lastete er zum Teil den Arbeitsmedizinern selbst an, die sich in Publikationen und bei Tagungen nur sehr selten zu psychosozialen Fragen äußern würden. Die Tagung der TAW sollte nun dazu beitragen, einerseits die Betriebsärzte fortzubilden und andererseits ihre praktischen Erfahrungen in die Entwicklung von Konzepten und Handlungsstrategien zum Arbeitsschutz einfließen zu lassen.
Laut Mobbingstudie der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA) aus dem Jahr 2002 sind derzeit 2,7 Prozent der Arbeitnehmer von Mobbing betroffen (2). In Auftrag gegeben habe der Bund die repräsentative Umfrage, um dem „inflationär verwendeten Begriff Konkretes entgegenzusetzen“, erklärte Dr. Beate Beerman vom Fachbereich Strategie und Grundsatzfragen der BAuA. Nach ihrer Definition liegt Mobbing vor, wenn jemand „am Arbeitsplatz häufig über einen längeren Zeitraum schikaniert, drangsaliert oder benachteiligt und ausgegrenzt wird“. Betroffen sind vor allem Frauen, deren Mobbingrisiko um 75 Prozent höher ist. Beermann wies jedoch darauf hin, dass noch untersucht werden muss, ob dieses höhere Risiko tatsächlich am Geschlecht oder aber an den besonderen Beschäftigungsverhältnissen von Frauen (Teilzeitarbeit, Doppelbelastung) liegt. Ein erhöhtes Risiko, gemobbt zu werden, haben auch junge Arbeitnehmer unter 25 Jahren und ältere über 55 Jahre. Die am häufigsten genannten feindseligen Verhaltensweisen beziehen sich auf die soziale Kommunikation. Dazu gehören das Verbreiten von Unwahrheiten, zum Beispiel jemandem zu unterstellen, alkoholabhängig oder psychisch krank zu sein (61,8 Prozent). Gleich darauf folgt die falsche Bewertung der Arbeitsleistung sowie Sticheln und Hänseln (siehe Grafik).
Erschreckend ist, dass aus Sicht der Betroffenen Führungskräfte – die eigentlich mit ihrem Führungsstil innerbetriebliche Konflikte beeinflussen können – in 50 Prozent der Fälle an der sozialen Ausgrenzung beteiligt waren. In 38 Prozent der Fälle ging das Mobbing ausschließlich vom Vorgesetzten und dabei meist vom direkten Vorgesetzten aus. Der „durchschnittliche Mobber“ ist laut Mobbingstudie Führungskraft, männlich, zwischen 45 und 60 Jahre alt und länger betriebszugehörig. Die Gründe für das Fehlverhalten sieht die Psychologin Beermann vor allem in deren Hilflosigkeit und „ungünstigen Stressbewältigungsstrategien“.
Die gesundheitlichen Folgen der krassesten Form der sozialen Ausgrenzung sind beträchtlich. 44 Prozent der Befragten in der Mobbingstudie, deren Fall abgeschlossen war, wurden danach krank. Davon erkrankte knapp die Hälfte für länger als sechs Wochen. 18,6 Prozent der nicht abgeschlossenen Fälle haben infolge des Mobbings eine Kur angetreten, jeder Sechste ließ sich stationär behandeln, und ein Drittel nahm therapeutische Hilfe in Anspruch. Die Betroffenen führen ein breites Spektrum an Krankheitsbildern auf das Mobbing zurück: Schlafstörungen, Kopfschmerzen, Migräneanfälle, Atemnot, Lähmungserscheinungen, Neurodermitis bis hin zu schweren chronischen Erkrankungen wie Depressionen, Erkrankungen im Magen- und Darmbereich sowie Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Krebs.
Bei der Diskussion der Tagungsteilnehmer wurde deutlich, dass es häufig nicht einfach ist zu sagen, ob der schwierige, psychisch eventuell auffällige, Arbeitnehmer das Mobbingverhalten von Kollegen und Vorgesetzten „provoziert“ oder ob das soziale Fehlverhalten der Mobber den Betroffenen schwierig erscheinen lässt oder möglicherweise eine psychische Erkrankung auslöst. Immerhin räumten 98,7 Prozent der Betroffenen negative Auswirkungen auf ihr Arbeits- und Leistungsverhalten infolge des Mobbings ein, wie Demotivation, Misstrauen, Nervosität, Verunsicherung und sozialen Rückzug. Dies kann auch leicht als eigentümliches, „unliebsames“ Verhalten ausgelegt werden. Andererseits sieht auch die Psychologin Beermann einen „Zusammenhang zwischen Persönlichkeitsstruktur und Mobbing“. Doch endgültig ließe sich die Frage „was ist Henne und was ist Ei“ kaum beantworten. Kommt es zu arbeitsrechtlichen Auseinandersetzungen, sei es sehr schwierig, Mobbing nachzuweisen, betonte Ministerialrat Hans-Peter Viethen, Bundesministerium für Wirtschaft und Arbeit: „Meist werden die Vorwürfe von der Gegenseite angezweifelt und auf andere Belastungen zurückgeführt.“ Auch sei es nicht einfach, Mobbing gegen Verhalten, „über das geredet werden muss“, abzugrenzen, betonte der Arbeitsrechtler. Er verwies darauf, dass die Gemobbten keine sozialrechtlichen Ansprüche geltend machen könnten. Weder aus der gesetzlichen Unfallversicherung, da Mobbing keine Berufskrankheit ist, noch nach dem Opferentschädigungsgetz, da dies nur bei tätlichen Angriffen greift. Viethen sieht keinen gesetzgeberischen Handlungsbedarf für ein eigenes „Mobbing-Schutzgesetz“, wie es beispielsweise in Frankreich existiert: „Man kann nicht alles arbeitsrechtlich regeln.“
Arbeitnehmer in sozialen Berufen haben das höchste Mobbing-Risiko, gefolgt von Verkaufspersonal sowie Bank- und Versicherungsfachleuten. Auch Angestellte in Krankenhäusern sind besonders häufig von Mobbing betroffen. Jens Flintrop berichtete in der Titelgeschichte des Deuschen Ärzteblattes „Mit Bauchschmerzen zum Dienst“ (Heft 12/2001) ausführlich über die besonderen Probleme von gemobbten Ärzten im Krankenhaus. Schilling, Betriebsarzt am Universitätsklinikum Bonn, wird sehr häufig von Ärzten aufgesucht, die sich gemobbt fühlen. Seiner Erfahrung nach sind ältere Oberärzte besonders betroffen. Sie sind fachlich versiert, haben viel Erfahrung und sind meist unkündbar. „Der junge Chefarzt sieht im Oberarzt oft den Konkurrenten“, sagt Schilling. Kompetenz lässt sich durch eine Machtposition kaltstellen. Zum Beispiel, indem der Unerwünschte von schwierigen Operationen ausgeschlossen wird oder ihm unterfordernde Aufgaben zugeteilt werden.
Der Betriebsarzt sollte grundsätzlich jeden Mobbingfall ernst nehmen und ein Gespräch in „ruhiger vertrauensvoller Atmosphäre führen“, empfiehlt Schilling. Manches kann sich auch als Meinungsverschiedenheit herausstellen. Um eine Mobbing-Situation beurteilen zu können, ist es wichtig, die Mobbing begünstigenden Faktoren zu kennen. Diese sind:
- Schlechtes Arbeitsklima
- Defizite im Führungsverhalten
- Stress und Arbeitsdruck
- Unklare Arbeitsorganisation
- Intransparenz von Entscheidungen
- Angst vor Arbeitsplatzverlust.
Je mehr dieser Faktoren vorhanden sind, desto eher kann es dazu kommen, dass sich einige Mitarbeiter oder Vorgesetze einen „Sündenbock“ suchen, an dem der angestaute Frust ausgelassen wird. Die wichtigste Rolle spielen dabei die Vorgesetzen – auch indem sie wegschauen und das Mobbing zulassen. Schilling empfiehlt Betroffenen dringend, ein „Mobbing-Tagebuch“ zu führen, da die Anschuldigungen meist angezweifelt werden. Ohne Zustimmung des Betriebsrates oder der Geschäftsführung sollte der Betriebsarzt allerdings keine Mobbing-Initiative beginnen – dies werde mit Misstrauen betrachtet.
Ebenso wichtig wie die Betreuung der Mobbing-Opfer ist die Prävention. Die Mobbing-Studie zeigte, welche betrieblichen Faktoren Mobbing eher unwahrscheinlich machen: Es sind klare arbeitsorganisatorische Strukturen, festgelegte Aufgaben und Verantwortlichkeiten sowie transparente Entscheidungsprozesse. Viel zu tun ist nach Ansicht von Beate Beermann noch hinsichtlich des Führungsstils deutscher Vorgesetzter: „Sie loben wenig, geben wenig Rückmeldung und bieten den Mitarbeitern selten Zukunftsperspektiven an.“ Abhilfe schaffen können Schulungen, in denen Mitarbeiterführung, Kommunikation, Motivierung und Konfliktmanagement trainiert werden. Schließlich ist ein gutes Arbeitsklima der beste Schutz vor sozialem Fehlverhalten.
Der Betriebsarzt kann bei Mobbing-Konflikten seine Vertrauensposition nutzen und zwischen Mobbern und Gemobbten vermitteln. Er sollte die Verantwortlichen im Unternehmen für das Phänomen sensibilisieren und aufklären. Zum Beispiel durch eigene Vorträge oder indem Fachreferenten eingeladen werden. Aufgrund des Vertrauens, das ihm entgegengebracht wird, kann er eventuell beginnende Mobbingprozesse früher als andere erkennen und in manchen Fällen vielleicht viel Leid verhindern.
Petra Bühring
Literatur
1. Hasselhorn HM, Michaelis M, Bosselmann T, Scheuch K, Hofmann F: Psychosoziale Aspekte bei betriebsärztlicher Tätigkeit. Zentralblatt Arbeitsmedizin 2002; 52: 154–162.
2. Meschkutat B, Stackelbeck M, Langenhoff G: Der Mobbing-Report – Repräsentativstudie für die Bundesrepublik Deutschland. Forschungsbericht 951 der Schriftenreihe der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin. Bremerhaven: Wirtschaftsverlag NW 2002.
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