ArchivDeutsches Ärzteblatt PP9/2003Medizin hinter Gittern: „Abzuschließen vergisst man hier nicht“

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Medizin hinter Gittern: „Abzuschließen vergisst man hier nicht“

PP 2, Ausgabe September 2003, Seite 405

Merten, Martina

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Kann unangenehmen Dingen als Ärztin im Justizvollzug nicht aus dem Weg gehen: Dr. med. Barbara Nieszery Foto: Frank Pubantz
Kann unangenehmen Dingen als Ärztin im Justizvollzug nicht aus dem Weg gehen: Dr. med. Barbara Nieszery Foto: Frank Pubantz
Die Anforderungen, die der Alltag an die ärztliche Tätigkeit hinter Gefängnismauern stellt, sind hoch. Das Deutsche
Ärzteblatt hat zwei Ärztinnen bei ihrer Arbeit im Justizvollzug und im Maßregelvollzug begleitet.

Schönen Dienst noch!“ Freundlich grüßend verabschiedet sich ein Wärter von seinem Kollegen, der noch die nächsten Stunden die Eingangspforte überwachen muss. Der nickt und lehnt sich, nachdem er einen weiteren prüfenden Blick auf den Eingangsbereich geworfen hat, gemütlich in seinem Stuhl zurück. Die mit bunten Blumen bepflanzte Rasenfläche vor dem weißen, großen Gebäude neben der Pforte ist menschenleer, die Sonne scheint. Erst auf den zweiten Blick wird deutlich, dass auf dem 270 000 Quadratmeter großen Gelände Menschen untergebracht sind, die nach dem Gesetz über den Vollzug der Freiheitsstrafe und der freiheitsentziehenden Maßregeln der Besserung und Sicherung (StVollzG) eine „Straftat“ begegangen haben – die nach § 2 StVollzG „resozialisiert“ werden sollen, wobei der Schutz der Bevölkerung vor dem Straftäter durch Sicherheitsverwahrung im Vordergrund steht. Denn erst nachdem das weiße Verwaltungsgebäude hinter einem liegt, wird er sichtbar: ein etwa acht Meter hoher Sicherheitszaun, der die 587 Insassen der Bützower Justizvollzugsanstalt (JVA) von der Außenwelt abschirmt – diese vor ihnen sichert. Ebenso wie es die zahlreichen Gitterstäbe vor den Fenstern des alten Backsteingebäudes tun sollen, hinter denen neugierige Augenpaare hervorblicken.
Seit 1997 arbeitet Dr. med. Barbara Nieszery als leitende Medizinaldirektorin in der JVA Bützow – der größten und einzigen JVA in Mecklenburg-Vorpommern mit einer eigenen stationären Krankenabteilung. Sie ist hier mit Menschen konfrontiert, die entweder geraubt, betrogen, vergewaltigt oder sogar gemordet haben. Das Feld dessen, wofür Nieszery zuständig ist, ist weit: Beinahe täglich melden sich Häftlinge zur Sprechstunde an, meist wegen leichter Gesundheits- und Befindlichkeitsstörungen wie Durchfall, Bronchitis, Schwächeanfällen oder afebrilen Infekten. Regelmäßig kämen aber auch Häftlinge zu ihr, die an unheilbaren Erkrankungen, Tuberkulose oder Psychosen leiden, HIV-positiv sind oder einen Herzinfarkt hatten, erklärt sie auf dem Weg zu ihrem Büro. Manchmal ginge es auch um Drogen- oder Alkoholprobleme, und die Häftlinge wüssten einfach nicht mehr weiter, wollten reden. „Sie wissen eben, dass der Arzt eine Schweigepflicht hat, wissen, dass ich immer ein offenes Ohr für sie habe.“ In der Regel fänden zwischen 40 und 50 Arztbegegnungen am Tag statt. Darüber hinaus muss Nieszery alle Häftlinge zu Beginn und zum Ende der Haft medizinisch untersuchen, ebenso wie vor einem möglichen Arbeitsbeginn während der Haft. Hinzu kommen Ausfahrten zu Ärzten, die sie genehmigen muss, Akutbehandlungen, Notdienste, tägliche Rundgänge durch die einzelnen Trakte und Dokumentationen der Krankendaten und -verläufe.
Grundsätzlich mag Nieszery das, was sie tut, bevorzugt ihre jetzige Tätigkeit gegenüber der vorherigen Arbeit in eigener Praxis. Der Zeitaufwand, sagt sie, sei hier geringer, die Arbeitszeiten gegenüber denen in einer eigenen Praxis weitaus geregelter. Und das sei mit Kind ein nicht zu unterschätzender Aspekt. Außerdem wäre der damalige Abrechnungsaufwand so hoch gewesen, dass sie hier in der JVA nichts vermisse. Nicht zuletzt habe ihre Tätigkeit in einer Gerichtsmedizin schon früh ihr Interesse an Täterprofilen geweckt. Und die Arbeit dort sei ein guter Test hinsichtlich ihrer jetzigen Arbeit gewesen. Schnell habe sich herausgestellt, dass sie psychisch stabil genug ist, mit schwierigen Situationen umzugehen. Dass sie unter Bedingungen arbeiten kann, die manchmal mit denen eines Arztes, der auf einer Bohrinsel tätig wäre, vergleichbar sind.
Sicherheitsmaßnahmen zum Schutz der Bevölkerung spielen sowohl im Justizvollzug als auch im Maßregelvollzug eine große Rolle. Die Aufnahme zeigt eines der Gebäude des Hamburger Maßregelvollzugs.
Sicherheitsmaßnahmen zum Schutz der Bevölkerung spielen sowohl im Justizvollzug als auch im Maßregelvollzug eine große Rolle. Die Aufnahme zeigt eines der Gebäude des Hamburger Maßregelvollzugs.
Dass Nieszery bei all ihren Tätigkeiten neben der Rolle der Ärztin für viele Häftlinge auch die der Vertrauten, der Psychologin und der Mutter einnimmt, belegt ein Rundgang mit ihr durch das Gebäude. Vor beinahe jeder Tür, die sie mithilfe eines Generalschlüssels auf- oder zuschließt, werden ihr Grüße entgegengebracht, der ein oder andere versucht ihr etwas zuzuflüstern oder winkt sie heran. So natürlich geht sie mit den Inhaftierten um, dass man ihr selbst bei einem Mann wie Klaus G.* nicht anmerkt, dass Nieszery einem mehrfachen Mörder in die Augen schaut. „Professionalität“ nennt sie das selbst, ohne die man hier handlungsunfähig wäre.
Klaus G. ist einer der langjährigsten Häftlinge in der JVA Bützow, seit mehr als 20 Jahren sitzt er nun schon hier ein. Weitere Jahre stehen ihm bevor. Er versteht sich als Beschützer der neuen, jüngeren Häftlinge, erbost sich sichtlich darüber, wenn man einen Neuankömmling „einfach so“ als „Kinderficker“ beschimpft. Nieszery hört ihm eine Weile geduldig zu, gibt ihm dann aber zu verstehen, dass sie weiter muss, sie sich aber um sein Anliegen kümmern werde. Klack, die Tür fällt ins Schloss, der Schlüssel wird mehrfach umgedreht. Klaus’ Kopf klemmt zwischen den Gitterstäben, seine Blicke verfolgen uns noch lange. „Ich werde mich wohl nie daran gewöhnen können, eine Tür abzuschließen, hinter der sich ein Mensch befindet.“ Nieszery schaut ernst auf die Gitterstäbe. Dennoch scheint es so, als sei das ständige Auf- und Zuschließen der zierlichen Italienerin in Fleisch und Blut übergegangen.
Seit einiger Zeit wird die leitende Anstaltsärztin von zwei weiteren Ärzten unterstützt, die mit ihr im Wechsel die erkrankten Häftlinge betreuen. 15 nebenamtlich tätige Ärzte kommen ein- bis zweimal wöchentlich für speziellere Untersuchungen; in besonderen Fällen können aber auch so genannte „Ausfahrten“ zu anderen Ärzten oder in Krankenhäuser vorgenommen werden. Damit befindet sich die JVA Bützow, verglichen mit anderen JVAs in Deutschland, personaltechnisch mittlerweile in einer privilegierten Situation. Denn viele der Anstalten, so Nieszery, müssten mit einem hauptamtlich tätigen Arzt auskommen oder seien gar auf Ärzte von außen angewiesen. Insgesamt sind nach Angaben des Bundesministeriums für Justiz 295 Ärzte hauptamtlich in deutschen JVAs tätig; 2002 wurden 60 742 Personen inhaftiert.
Nieszery und ihren beiden Kollegen stehen 14 Krankenpfleger und -schwestern zur Seite, die sich auf den ambulanten Bereich und die Bettenstation verteilen. „Die meisten, die stationär aufgenommen werden, sind wegen Entgiftungen hier, im Durchschnitt etwa 15 Personen monatlich“, so Nieszery. Zusammen mit den Häftlingen aus den restlichen JVAs in Mecklenburg, für dessen stationäre Versorgung die JVA Bützow mit zuständig ist, fänden auf das Jahr hochgerechnet etwa 500 Behandlungen statt. Viele Häftlinge seien auch abhängig von Betäubungsmitteln, litten an chronischen psychischen Erkrankungen oder hätten versucht, sich das Leben zu nehmen. Dies alles mache etwa 70 Prozent der Erkrankungen auf der Bettenstation aus.
„Man muss geduldig sein.“ Catrin Mautner, Ärztin in der Forensischen Psychiatrie Hamburg Fotos (2): Martina Merten
„Man muss geduldig sein.“ Catrin Mautner, Ärztin in der Forensischen Psychiatrie Hamburg Fotos (2): Martina Merten
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Bei einem Rundgang durch die Bettenstation gesteht Nieszery mit einem Blick auf den Flur und die Patientenzimmer, dass „doch alles sehr alt und einfach hier drin“ sei. Meist teilen sich zwei bis drei Personen ein Krankenzimmer, die Toilette steht mitten im Raum. In manchen Zimmern lässt sich ein Vorhang davor ziehen, geduscht wird im Sammelraum. „Anstrengender als im Krankenhaus“, so eine der beiden Schwestern, die für die stationäre Abteilung zuständig sind, sei die Arbeit hier im Vollzug. „Anstrengender, weil die Antennen immer überall sein müssen.“ Außerdem werde man von vielen Patienten nur ausgenutzt, weil jeder, der freundlich zu ihr sei, sich davon irgendeinen Vorteil für seine Haft erhoffe. Während die Schwester das erzählt, blickt sie immer wieder auf einen der beiden Monitore, die die einzelnen Krankenzimmer überwachen. Besonders wichtig ist dabei der Raum für „gefährliche Kranke“. Ein alter Schrank steht hinten links in der Ecke dieses Raumes, vorne ist eine Einbuchtung im Boden – die Toilette. An der linken und rechten Außenkante einer schmalen Holzpritsche mitten im Zimmer sind Fixierhaken angebracht. Eine Videokamera hängt an der Decke. „Wir haben hier zwar keine Personen vom Schlag eines Hannibal Lecter, aber man muss schon aufpassen.“ Nieszery lacht. Ein Lachen, das ihr keine 30 Sekunden später vergehen soll.
„Tot?“ Nieszery schaut ihren Kollegen Horst Eckart, der über den Stationsflur gerannt kommt und ihr hektisch etwas ins Ohr flüstert, entsetzt an. Eckart, Sanitätsdienstleiter der JVA Bützow, hat Nieszery soeben die Botschaft überbracht, dass sich ein Häftling das Leben genommen hat. „Ja, Hirntod.“ In seinem Gesicht spiegelt sich Sorge. Es sei der erste Suizidversuch seit ziemlich langer Zeit, fügt er beinahe entschuldigend hinzu. „Wenn sich jemand umbringen will, dann tut er es sowieso, sei es mit einem Bettlaken, einem Gürtel oder mit seiner Unterhose“, sagt Nieszery. Nein, dies ist sicherlich kein „normales“ Arbeitsumfeld, ebenso wenig wie Dr. Barbara Nieszery eine „normale“ Ärztin ist.
Es sei ein Häftling aus der Untersuchungshaft gewesen, einer, der gerade einmal ein Vierteljahr in der JVA untergebracht gewesen sei. Ein Sexualstraftäter, so Nieszery. „Da kommt noch eine ganze Menge Arbeit auf uns zu.“ Sie verzieht das Gesicht. Zündet sich eine Zigarette an. Die Justiz müsse ausführlich über den Vorgang informiert werden, es würden Nachforschungen angestellt, Fragen kämen und und und. Lieber wäre es der kleinen, resoluten Frau Ende vierzig wohl gewesen, dieser Teil der Arbeit als Anstaltsärztin wäre nicht zum Vorschein gekommen.
Der Alltag an diesem Donnerstag endet damit, dass sich ein Krankenwagen in Anfahrt auf die JVA befindet, in dem ein Häftling mit Platz- und Schürfwunden sitzt. „Der hatte gerade seinen ersten Urlaubstag, hat sich betrunken und randaliert“, erklärt ein Wächter der Ärztin. „Wir brauchen jemanden für die Notversorgung.“ Nieszery verdreht die Augen. „Das wird eine lange Nacht.“ Müde sieht sie aus, geschafft. Einen erheblichen Vorteil habe ihre Arbeit, ergänzt sie noch: Sie sei auf jeden Fall geduldiger geworden. Denn schließlich werde man täglich mit Situationen konfrontiert, denen man nicht ausweichen könne. Wie auf einer Bohrinsel . . .
Als Ärztin im Maßregelvollzug
Einer Insel gleicht auch Abteilung VI des Hamburger Klinikums Nord Heidberg-Ochsenzoll. Knapp 200 psychisch kranke Straftäter wurden als Maßregel der „Besserung und Sicherung“ in diese forensische Psychiatrie eingewiesen. Das Gericht stufte sie im Sinne des Strafgesetzbuches (StGB) aufgrund ihrer Erkrankungen gemäß §§ 20, 21 StGB als schuldfähig oder minderschuldfähig ein. Keinem von ihnen sollte es gelingen, diese „Insel“ so schnell wieder zu verlassen. Denn auch hier sind die Gebäude umgeben von hohen Mauern mit angebrachten Sicherheitszäunen, sind die Fenster und Trakte vergittert. Der Weg in die Abteilung VI führt durch eine Sicherheitsschleuse.
„Herr K., hören Sie noch Stimmen“? Catrin Mautner schaut den Mittdreißiger freundlich, aber bestimmt an. Die 31-jährige Ärztin arbeitet im Rahmen ihrer Facharztausbildung für Psychiatrie und Psychotherapie seit knapp zwei Jahren als Assistenzärztin in Abteilung VI. In Jogginghose sitzt K. ihr gegenüber, freut sich sichtlich über das Gespräch, das von Sicherheitspersonal beobachtet wird. Er rutscht unruhig auf seinem Stuhl hin und her. „Nein, höre ich nicht.“ Stefan K. hat, seinen eigenen Angaben nach im Affekt, einen Menschen getötet, ist als psychotisch eingestuft worden und bekommt Medikamente, über deren Dosierung nachgedacht werden soll. Vor kurzem machte er einer Frau, die er nur dem Bild nach kannte, einen Heiratsantrag. „Was ist denn dabei?“ fragt er Mautner todernst, er möge nun einmal gerne Frauen, Zigaretten und Kaffee. „Sehen Sie, Herr K., und das finden wir besonders.“
Kunsttherapie im Hamburger Maßregelvollzug: ein Bild eines psychisch kranken Häftlings Repro: Martina Merten
Kunsttherapie im Hamburger Maßregelvollzug: ein Bild eines psychisch kranken Häftlings Repro: Martina Merten
Besonders sind die Menschen, die in den Hamburger Maßregelvollzug (MRV) eingewiesen wurden. Besonders ist auch die Abteilung VI für Psychiatrie und Psychotherapie am Klinikum Nord. Freundliche Bilder hängen an den Wänden, eine der Stationen gleicht einem Blumenmeer. Auf dem Weg zu Mautners Arbeitszimmer bleibt der Blick an einem der Außengärten hängen – Enten hocken um den Teich herum. Fast idyllisch wirkt das Ganze, besonders bei Sonnenschein. „Manchmal lassen besonders psychisch Erkrankte ihre Aggressionen auch an den Enten aus – sie haben dann keine Beine mehr.“ Stille. Die Bilder an den Wänden, erklärt Mautner weiter, stammten von den Patienten selber, manche gingen in die Kunsttherapie. Und die Blumen auf Station 7 sollen für eine freundliche Atmosphäre sorgen, denn auf Station 7 seien Personen mit besonders schweren Persönlichkeitsstörungen untergebracht. Personen wie Thomas H., aus den Medien als „Heidemörder“ bekannt. Während die junge Ärztin erzählt, wirkt sie konzentriert und angespannt. Nicht nur Stefan K. steht für heute auf dem Programm, sondern noch einige andere Patienten von den Stationen 5 und 7, für die sie von Anfang an zuständig war. „Die Hoffnungslosigkeit vieler Patienten stellt sich irgendwann auch für einen selber dar, man misst sich schließlich an den eigenen Therapieerfolgen, und die sind gering.“ Lange, so Mautner, könne man diese Arbeit nicht machen, auch wenn die bis auf wenige Ausnahmen geregelten Arbeitszeiten sehr familienfreundlich seien. Nach einigem Nachdenken ergänzt sie noch: „Spannend ist natürlich auch, die Menschen in ihrer Gänze betrachten zu können, also medizinisch, soziologisch, rechtlich und psychologisch.“ Und man habe als Ärztin in einem Maßregelvollzug ausreichend Zeit, Entwicklungen der Patienten mitzuerleben. Auch wenn die Nachteile der Arbeit genau mit diesem Zeitfaktor einhergingen . . .
Beim Erzählen schließt die Ärztin mit einem großen Generalschlüssel, den sie ebenso wie Nieszery immer bei sich trägt, die Tür zu Station 5 auf, um sie sofort wieder zuzuschließen. Auf die Frage, ob sie das Abschließen der Türen denn niemals vergesse, schüttelt Mautner nur amüsiert den Kopf: „Abzuschließen vergisst man hier nicht.“ Ein kleines, viereckiges Gerät klemmt am Hosenbund der Ärztin, darf niemals fehlen: der Pieper. Kommt es zu Handgreiflichkeiten oder sonstigen Besonderheiten, ruft ein Knopfdruck auf das Gerät das Sicherheitspersonal zu Hilfe.
Auf Station 5 befinden sich Frauen und Männer, deren Vollzug entweder verstärkt gelockert werden soll oder die akut aufgenommen werden. Es ist die einzige gemischtgeschlechtliche Station von insgesamt zehn. Hier unterhält sich Mautner mit dem Pflegepersonal über tägliche Vorfälle, spricht Besonderheiten ab und dokumentiert Gespräche mit Patienten. Die Zeit ist knapp, da nebenbei noch Besprechungen und Therapiegespräche stattfinden. Bei Mautners nächstem Gespräch soll sie prüfen, ob der Vollzug bei einer Patientin gelockert werden kann. Weil die Dauer des Maßregelvollzugs im Gegensatz zum Justizvollzug nicht von vornherein zeitlich befristet ist, sind solche Gespräche notwendig, um anhand der Therapiefortschritte über mögliche Lockerungen zu entscheiden. Sabine L. leidet, erzählt Mautner, unter Verfolgungswahn. Vor kurzem habe sie behauptet, sie sei auf der Station vergewaltigt worden. Obwohl längere Zeit für das Gespräch angesetzt war, dauert es keine fünf Minuten. Nein, Frau L. wollte nicht reden, so Mautner gegenüber der Psychologin, die mit im Aufenthaltsraum sitzt. Es sehe nicht danach aus, als könne man an der Dosierung der Medikamente etwas ändern. Es herrscht für einen langen Augenblick Stille im Stationsraum, die Psychologin kaut lustlos auf ihrem Brötchen.
„Die meisten von ihnen sind aufgrund ihres Krankheitsbilds nicht in der Lage, mehr als zwei Stunden täglich zu arbeiten.“ Mautner scheint sich zu sammeln. Es seien eben keine Belastungen möglich, weil die Krankheiten so belasteten. Krankheiten wie Psychosen, affektive Störungen oder Süchte, die oftmals eng miteinander zusammenhingen oder sich gegenseitig bedingten. Wenn die Patienten es schaffen, gehen sie täglich dreieinhalb Stunden vormittags und zwei Stunden nachmittags in die Arbeitstherapie; je nach Motivation können sie zwischen Kunsttherapie, Ergotherapie und Arbeitstherapie (unter anderem Beschäftigung in Druckerei, Buchbinderei, Tischlerei und Wäscherei) wählen. Jeweils auf dem Hin- sowie auf dem Rückweg werden sie vom Sicherheitspersonal abgescannt – Vorsicht ist oberstes Gebot. Je nach Art der Erkrankung fällt die Sicherung stärker oder schwächer aus, aber auch die Therapiemaßnahmen versteht man als innere Sicherheitsmaßnahme. Bei jemandem wie Thomas H. kann der Sicherheitsstandard nicht hoch genug sein. H., für den Mautner unter anderem zuständig ist, hat mehrere Frauen brutal vergewaltigt und ermordet. Nachdem ihm vor einigen Jahren mithilfe einer damals auf seiner Station tätigen Psychologin die Flucht gelang, wird er heute besonders gesichert untergebracht. Jeder Schritt des 37-Jährigen, den er außerhalb seiner Station tut, wird von ein bis zwei Sicherheitskräften bewacht.
Sicherheit ist eines der Hauptthemen im Hamburger Maßregelvollzug, eines der Themen, um die es auch auf der anschließenden Stationsbesprechung am frühen Nachmittag geht. So wird zum Beispiel über die Frage diskutiert, ob Patient A das Kontaktzimmer zum gemeinsamen Abendessen mit dem Freund nutzen darf oder ob Patient B eine neue CD haben kann. Vorsichtsmaßnahmen müssen getroffen, Eventualitäten durchgesprochen werden. Am späten Nachmittag steht ein letztes Therapiegespräch auf dem Programm. Anschließend geht es nach Hause, Mautners Sohn wartet. Und mit ihm die Rückkehr in die Normalität. Alles andere, das betonen sowohl Nieszery als auch Mautner, muss man mit dem Abschließen der letzten Tür hinter sich lassen können. Ansonsten könne man diesen Beruf nicht ausüben. Die Insel würde sonst zu klein. Martina Merten

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