ArchivDeutsches Ärzteblatt PP9/2003Ost-West-Vergleich: Ostdeutsche psychisch robuster

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Ost-West-Vergleich: Ostdeutsche psychisch robuster

PP 2, Ausgabe September 2003, Seite 409

Bühring, Petra

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LNSLNS Entgegen der landläufigen Meinung kommen fast alle psychischen Störungen im Westen häufiger vor, ergab eine Studie. Im Osten ist dagegen die Versorgungslage schlechter.

Die häufig geäußerte Meinung, dass psychische Erkrankungen in den neuen Bundesländern häufiger auftreten, ist wissenschaftlich nicht haltbar. Vielmehr zeigt sich im Westen bei fast allen Krankheits- und Störungsbildern eine geringe, jedoch signifikante Häufung. Zu diesem Ergebnis kommen Dr. Frank Jacobi, Dr. Jürgen Hoyer und Prof. Dr. Hans-Ulrich Wittchen, Klinische Psychologie und Psychotherapie der Technischen Universität Dresden, die auf der Grundlage des Bundesgesundheitssurveys (1998/99) erstmals die seelische Gesundheit differenziert nach alten und neuen Bundesländern analysiert haben. „Die tief greifenden sozialen und ökonomischen Veränderungen in den neuen Bundesländern könnten Belastungsfaktoren für die Entstehung und Aufrechterhaltung psychischer Störungen, besonders der Depression, darstellen“, erklärt Jacobi das Ausgangs-
interesse. Untersucht wurden die Lebenszeit- und Zwölfmonatsprävalenz der häufigsten psychischen Störungen, die gesundheitsbezogene Lebensqualität, die Art der psychischen Beschwerden sowie die Zufriedenheit in anderen Lebensbereichen. Zugrunde gelegt wurden Daten aus dem Bundesgesundheitssurvey von 4 181 Bundesbürgern aus Ost und West.
Entgegen häufiger Annahmen und auch in der Literatur publizierter Ergebnisse stellt die Studie fest: In fast allen untersuchten Aspekten ist es um die seelische Gesundheit der Bundesbürger im Osten besser bestellt als im Westen. Lediglich von Panikstörungen und spezifischen Phobien sind die Menschen in den neuen Bundeslän-
dern stärker betroffen, jedoch nur in geringem Maße. Gravierende Unterschiede ergeben sich jedoch zum Beispiel bei affektiven Störungen (Zwölf-monatsprävalenz 12,6 Prozent der Befragten West zu 9,3 Prozent Ost), insbesondere der unipolaren Depression (11,5 zu 8,3 Prozent), bei Alkoholabhängigkeit (3,7 zu 2 Prozent), bei somatoformen Störungen (11,6 zu 8,6 Prozent) und möglichen psychotischen Störungen (2,8 zu 1,7 Prozent): Hier liegt der Westen eindeutig vorn, in vielen anderen Diagnosebereichen nur knapp. Oft haben Patienten nicht nur eine, sondern mehrere psychische Erkrankungen. Auch hier führt der Westen: Mindestens eine aller untersuchten Störungen tritt im Westen bei 32 Prozent auf, bei den Ost-Bürgern hingegen nur bei 28 Prozent; drei und mehr Störungen zugleich weisen 20 Prozent im Westen und 15,9 Prozent im Osten auf. Die gesundheitsbezogene Lebensqualität wurde im Osten als besser eingeschätzt, die allgemeine Lebenszufriedenheit hingegen im Westen. Hier äußerten sich die Bürger in Ostdeutschland vor allem in den Bereichen Arbeitssituation und finanzielle Lage unzufriedener.
Mehr soziale Unterstützung im Osten
„Insgesamt widerspricht der Befund der Annahme, dass die ökonomisch nach wie vor besseren Bedingungen im Westen einen Schutzfaktor gegen psychische Störungen darstellen“, erläutert Studienautor Jacobi. „Auf der individuellen Ebene, auf der sich letztlich psychische Störungen manifestieren, wirken die Einwohner der neuen Bundesländer sogar eher robuster.“ Eine globale Erklärung könnte nach Einschätzung von Jacobi darin liegen, dass die personalen Variablen für psychische Morbidität weniger durch Makrobedingungen ökonomischer oder politischer Art, sondern im sozialen Nahbereich – etwa in Familie und Schule – vermittelt werden. Die Variablen im Bereich sozialer Unterstützung könnten im Osten günstiger ausgeprägt sein beziehungsweise Konkurrenz, Neid und die Neigung zum sozialen Vergleich seien dort vielleicht doch noch weniger charakteristisch. Jacobi: „Keinesfalls darf aber das Ergebnis Anlass dazu geben, die Versorgungslage bei diesen Störungen als ausreichend zu betrachten. Nach wie vor liegt hier eine markante Unterversorgung vor. Die Behandlungsquote bei psychischen Störungen beträgt nur 30 Prozent im Vergleich zu 38 Prozent im Westen, wie wir in einer anderen Studie nachweisen konnten.“
Diese und weitere Ergebnisse werden auf dem Kongress „Psychosoziale Versorgung in der Medizin“ im September in Hamburg diskutiert. Petra Bühring


Der Kongress „Psychosoziale Versorgung in der Medizin“ ist der erste in Deutschland, der sich mit allen Aspekten der psychosozialen Medizin befasst – insbesondere mit ihrer Rolle und Priorität in der gesundheitlichen Versorgung insgesamt. Teilnehmen werden rund 30 Fachgesellschaften aus allen Bereichen der psychosozialen Forschung und Versorgung wie Psychiatrie, Psychosomatik, Psychologie, Frauenheilkunde, Sexualforschung, Rehabilitationswissenschaften, Kardiologie, Schmerzforschung, Onkologie, Dermatologie, Allgemein- und Familienmedizin. Die Idee zu diesem Kongress wurde von der Arbeitsgruppe der Psychosozialen Fachgesellschaften in der Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften (AWMF) entwickelt. Mit dem Kongress soll eine verbesserte Abstimmung und Vernetzung der Aktivitäten der Gesellschaften erreicht werden und so der Einfluss auf die Gesundheitspolitik gestärkt werden, erklärt der Organisator, Prof. Dr. med. Dr. Uwe Koch, Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf, das Ziel der Veranstaltung.
Der Kongress findet vom 28. bis 30. September am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf statt. Informationen zum Kongressprogramm im Internet unter www.psychosozialemedizin2003.de und beim Kongressbüro unter der Telefonnummer 0 40/4 28 03-39 95
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