ArchivDeutsches Ärzteblatt PP9/2003TK-Modell: Reformerischer Rückschritt

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TK-Modell: Reformerischer Rückschritt

PP 2, Ausgabe September 2003, Seite 412

Brudy, Gustav J.

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LNSLNS Diesem TK-Modell haften Auffälligkeiten an, wie zum Beispiel die Verschiebung der Zielsetzung: Ursprünglich wurde die Festlegung „störungsspezifisch angemessener Therapiedauer“ und „ergebnisorientierter Vergütungsformen“ genannt. Jetzt steht die Teilhabe der Patienten an der Qualitätssicherung der ambulanten Psychotherapie im Vordergrund.
Psychotherapie beinhaltet den fortlaufenden Austausch persönlichster und intimster Daten zwischen Patienten und Psychotherapeuten. Diese Daten sollen als Ergebnisse psychometrischer Tests und Selbstbeurteilungsbögen einem (von der TK bezahlten?) Institut zur Verfügung gestellt werden für dessen „empirisch gestützte Entscheidungsempfehlungen“. (Es geht also nicht um Daten bezüglich der Korrektur eingewachsener Fußnägel!)
Es wird spannend sein zu beobachten, was Personen mit dem Bildungs- und Wissensstand von TK-Versicherten tun, nachdem sie von ihrer Krankenkasse mit absoluter Transparenz bezüglich des Umgangs mit ihren persönlichen Daten informiert sind.
Psychotherapie wird in diesem Modell reduziert auf Symptomminderung und Machbarkeit. Patienten werden hier reduziert auf Symptomträger und Kostenstellen. Die TK will diesen Patienten gerecht werden mithilfe eines „Programms der Transparenz“.
Im Spiegel der aktuellen Debatte um das GMG zeigen Begründung und Inhalt des Modells auf,
1. wie intensiv und zugleich geschickt diese Krankenkasse sich bemüht, Inhalte der psychotherapeutischen Versorgung allein beziehungsweise als Monopolist zu bestimmen,
2. dass unter der Flagge „Verbraucherschutz“ unsere Tätigkeit in der ambulanten Versorgung nicht mehr als Angebot einer Leistung unter den Bedingungen eines Dienstvertrages gewertet und diskutiert wird, sondern als Ware, deren Verwertbarkeit einklagbar ist wie der Gebrauch eines Möbelstücks,
3. wie schnell Funktionäre im Amt sich von Grundvoraussetzungen und Inhalten des beruflichen Alltags entfernen, zum Beispiel der Kammerpräsident Kommer, der so redet, als ob dieses TK-Modell dem von ihm genannten Vorurteil über ambulante Psychotherapie entgegentreten würde.
Wenn die TK tatsächlich Versorgungsforschung betreiben will für sachgerechte und effiziente ambulante psychotherapeutische Leistungen mit dem Ziel Prozess- und Verlaufsforschung, dann kann sie als Einstieg die Fülle der Daten nutzen, die bei Begutachtungen im Rahmen des Gutachterverfahrens automatisch gesammelt werden (siehe Rudolf und Schmutterer, PP, Heft 1/2003).
Die interne Qualitätssicherung durch Qualitätszirkel, gezielt ausgewählte Fortbildungen, Intervision, Supervision et cetera und die externe, zum Beispiel durch passende Einbeziehung der Patienten bei völligem Datenschutz, bedürfen der Diskussion mit uns Praktikern des psychotherapeutischen Alltags, zumal zum Beispiel die Selbstbeurteilung eines Patienten zugleich auch in dessen eigenen psychischen Prozess eingreift und als solche wiederum zur Wirkvariablen wird, die wir unverzüglich und nicht erst „nach Empfehlung von außen“ einzubeziehen haben.
Das Gutachterverfahren gegen dieses TK-Modell einzutauschen wäre ein echter reformerischer Rückschritt, weil es von weitgehend unbelegten Behauptungen ausgeht und dabei sogar Wirklichkeiten manipuliert (siehe Modellbeschreibung der TK vom 21. 11. 2002).
Dipl-Psych. Gustav J. Brudy, Rheinstraße 44, 64589 Stockstadt
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