ArchivDeutsches Ärzteblatt PP9/2003Psychoanalyse und Persönlichkeitsstörungen: Bestätigung durch Neurowissenschaft

WISSENSCHAFT

Psychoanalyse und Persönlichkeitsstörungen: Bestätigung durch Neurowissenschaft

PP 2, Ausgabe September 2003, Seite 415

Sonnenmoser, Marion

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LNSLNS Die Psychoanalyse sieht schwere Persönlichkeitsstörungen vor allem als Überlebensstrategie. Die frühen Traumata müssen erfahren und in der therapeutischen Beziehung zum Analytiker neu durchlebt werden.

Schwere Persönlichkeitsstörungen gehören mittlerweile zum Indikationsbereich der Psychoanalyse. „Patienten mit schweren Persönlichkeitsstörungen kommen heute immer häufiger in die psychoanalytische Praxis“, betont der Vorsitzende der Deutschen Psychoanalytischen Gesellschaft (DPG), Prof. Dr. phil. Franz Wellendorf, bei der Jahrestagung seiner Fachgesellschaft in Frankfurt/Main. Diese Patienten stellen Psychotherapeuten vor ganz besondere Herausforderungen. Einerseits sind die Betroffenen oft für lange Zeit keinen psychoanalytischen Deutungen zugänglich, andererseits leben sie ständig in einer gespaltenen inneren Welt: Während sie mit einem Teil ihrer Persönlichkeit die Realität, in der sie leben, akzeptiert haben und nach außen hin scheinbar reibungslos „funktionieren“, wehrt sich ein anderer Teil von ihnen mit aller Kraft gegen die damit verbundenen Einschränkungen. Unter Stressbedingungen ziehen sich die Betroffenen dann regelmäßig in diese innere Welt zurück, die ihnen als Refugium vor unerträglichen Konflikten dient. In dieser inneren Welt ist – anders als in der Realität – alles möglich. Sie stellt ein narzisstisches Universum dar, wo auch Trennung und Tod keine Rolle spielen. Der abgespaltene Anteil der Persönlichkeit, der in diesem Universum herrscht, orientiert sich an Omnipotenzfantasien, die un-
bewusst auch in zwischenmenschlichen Beziehungen inszeniert werden. Dies gilt auch für die Beziehung zwischen
Patient und Psychoanalytiker.
Psychoanalytiker gehen davon aus, dass schwere Persönlichkeitsstörungen durch frühe Traumata entstehen. Dazu gehören beispielsweise häufige Trennungen von Mutter und Säugling, grobe Vernachlässigung oder auch extreme Überbehütung durch die Eltern sowie sexueller und psychischer Missbrauch. Im Erwachsenenalter leiden die traumatisierten Betroffenen dann unter einer ständigen Angst, die bewusst meist als Trennungsangst beschrieben wird. Unbewusst handelt es sich um eine Angst vor Vernichtung und Tod. Oft ist auch das Selbstbild gestört, und die Betroffenen haben das Gefühl von innerer Leere. Diese inneren Zustände sind unerträglich. Um sie zu überdecken, flüchten die Betroffenen dann in ihr narziss-
tisches inneres Refugium oder versuchen auf andere Weise, die innere Leere aufzufüllen. Symptome wie Suchtverhalten oder übermäßiges Essen können auch vor diesem Hintergrund verstanden werden. Die Essanfälle von Bulimikern sind dann nicht mehr die Folge von Hunger, sondern ein Mittel, buchstäblich die innere Leere aufzufüllen.
Kreative Lösungsversuche
für Konflikte
Die Psychoanalyse setzt dementsprechend nicht an solchen Symptomen an, sondern versucht, die ganze Persönlichkeit des Betroffenen zu betrachten. Während Ärzte und Psychiater schwere Persönlichkeitsstörungen vor allem unter dem Gesichtspunkt ihres Defizits beschreiben, begreift der Psychoanalytiker sie in erster Linie als eine Selbsterhaltungsstrategie, das heißt als durchaus kreative Lösungsversuche für Konflikte, die anders nicht zu bewältigen sind. Die Psychoanalyse versucht, mit dieser Einstellung die ganze Komplexität der Störung zu erfassen.
Von besonderer Bedeutung ist dabei die therapeutische Beziehung. In ihr wird es möglich, die frühen Traumatisierungen erinnerbar, symbolisierbar, nachfühlbar und bewältigbar werden zu lassen. Eine solche Therapie erfordert viel Zeit, und in der psychoanalytischen Behandlung wird dem Patienten diese Zeit auch angeboten. „Psychoanalyse ist ein intensives, hochpersönliches und langfristiges Therapieangebot“, sagt der Psychoanalytiker Dr. med. Ingo Focke aus Stuttgart. Damit setzt sich die Psychoanalyse auch klar dem Zeitgeist entgegen, der Veränderung, Beschleunigung, flüchtige Beziehungen und Vereinsamung forciert.
Prägende Bedeutung früher Beziehungserfahrungen
Wesentliche psychoanalytische Grund-
annahmen werden heute durch die Neurowissenschaft bestätigt. So wurden in Tierversuchen beispielsweise die prägende Bedeutung früher Beziehungserfahrung und die Existenz unbewusster Verarbeitungsprozesse nachgewiesen. Auch der Grundstein für spätere schwere Persönlichkeitsstörungen wird oft schon in den ersten Wochen und Monaten nach der Geburt gelegt. So ist etwa zu häufiges und zu langes Getrenntsein von der Mutter für den Säugling ein überwältigender Stress. Infolgedessen wird seine Hypothalamus-Hypophysen-Nebennierenrindenachse verstärkt aktiviert und neuronale Verbindungen destabilisiert. Wichtige Gehirnregionen wie der Hippocampus werden geschädigt. Der Hippocampus spielt jedoch eine wichtige Rolle für das explizite oder episodische Gedächtnis. Darin sind jene Gedächtnisinhalte gespeichert, die erinnert und von daher auch sprachlich berichtet werden können. Durch die Beeinträchtigung des Hippocampus kann es zu irreversiblen Gedächtnisstörungen kommen. Dabei wird auch ein anderes Gedächtnissystem in Mitleidenschaft gezogen: das prozedurale oder implizite Gedächtnis. Dieses Gedächtnis ist unabhängig von bewusster Erinnerung und dient dazu, rasche und fehlerfreie Leistungen ohne Nachdenken zu ermöglichen. Prozeduren, die wir bereits in unseren frühesten Lebensabschnitten erlernen, bleiben in diesem Gedächtnissystem aber lebenslang erhalten. Das gilt auch für grundlegende Beziehungsmuster, die in den ersten zwei bis drei Lebensjahren erworben werden, noch bevor das explizite Gedächtnis voll funktionsfähig ist. Tierexperimente zeigten, dass unzulängliche frühe Beziehungserfahrungen später zu Störungen der emotionalen und physiologischen Selbstregulation führen, nicht etwa, weil sie „verdrängt“ wurden, sondern weil sie im impliziten Gedächtnis abgelegt worden sind.
Die Inhalte des impliziten Gedächtnisses können nicht in Worte gefasst werden, weil sie vor dem Spracherwerb gespeichert wurden. Eine Aufgabe der Therapie ist es dann, die namenlosen Traumata, die der Betroffene in seinen ersten Lebensjahren erfahren hat, in bewusste Erinnerung zu übersetzen. Erkennen und Einsicht allein nützen dazu aber wenig. „Die frühen Traumata müssen erfahren und neu durchlebt werden, und zwar in der Beziehung zum Analytiker“, sagt Prof. Dr. Christa Rohde-Dachser, Vorsitzende des Instituts für Psychoanalyse der DPG in Frankfurt/Main. In der therapeutischen Beziehung werden die zunächst nicht verbalisierbaren destruktiven Beziehungsmuster unbewusst in Szene gesetzt, das heißt neu durchgespielt, wobei auch die mimische und affektive Kommunikation zwischen Patient und Therapeut eine wesentliche Rolle spielt. Gelingt es auf diese Weise, die frühen unbewussten Traumata in ein Narrativ zu übersetzen, gewinnt der Patient auch die Handlungsfähigkeit zurück, ganz bewusst nach anderen, besseren Lösungen zu suchen. Dr. phil. Marion Sonnenmoser

Literatur
1. Beutel ME: Neurowissenschaften und Psychotherapie. Psychotherapeut 2002; 1: 1–10.
2. Gödecke-Koch T, Emrich HM: Biologische Korrelate bei der Erklärung von Persönlichkeitsstörungen. Verhaltenstherapie & Psychosoziale Praxis 2001; 4: 607–618.
3. Rohde-Dachser C: Das Borderline-Syndrom. 6. Auflg., Bern: Hans Huber, 2001.
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