ArchivDeutsches Ärzteblatt PP9/2003Kongressbericht: Früherkennung und Frühintervention bei psychischen Störungen

WISSENSCHAFT

Kongressbericht: Früherkennung und Frühintervention bei psychischen Störungen

PP 2, Ausgabe September 2003, Seite 420

Klosterkötter, Joachim; Maier, Wolfgang

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LNSLNS Ansätze zur Prävention und zur Vermeidung von Chronifizierungen

Alle häufigen und zur Chronifizierung neigenden psychiatrischen Störungen haben einen langjährigen Vorlauf, das stellten prospektive und retrospektive epidemiologische Forschungen in den vergangenen Jahren fest. Jahre beziehungsweise Jahrzehnte vor der ersten Diagnosestellung und ersten Behandlung treten noch wenig charakteristische erste klinische Symptome und unterschwellige Anzeichen der kommenden Erkrankung auf, wie die folgenden Beispiele zeigen:
l Schizophrenien und andere psychotische Störungen weisen im Mittel fünf Jahre vor dem Beginn der ersten Vollmanifestation so genannte negative und unspezifische Symptome wie etwa depressive Verstimmung, Ängstlichkeit und Konzentrationsstörungen auf.
l Die Alzheimerkrankheit entwickelt sich meist auf der Grundla-
ge von Gedächtnisstörungen, die zunächst als Altersvergesslichkeit imponieren können, aber dann ein bis zwei Jahre vor der ersten Diagnosestellung kontinuierlich an Intensität zunehmen.
l Affektive Erkrankungen in Form von ausgeprägten depressiven Episoden werden oft eingeleitet durch frühere Phasen so genannter unterschwelliger Depressionen, die zwar behandlungsbedürftig sein können, ohne aber Diagnosekriterien für ausgeprägte affektive Störungen zu erfüllen.
l Angsterkrankungen, insbesondere ausgeprägte Phobien und Panikstörungen, treten meist bei Menschen auf, die schon früher in neuen, unerwarte-
ten Situationen mit Verhaltenshemmung reagieren und/oder eine noch nicht krankheitswertige verstärkte Ängstlichkeit (vor allem in sozialen Situationen) zeigen.
In den vergangenen Jahren haben sich Befunde und Erfahrungen gehäuft, die zeigen, dass die genannten Erkrankungen einen ungünstigeren Verlauf und umso ausgeprägter eine Chronifizierung zeigen, je später sie erstmals spezifisch behandelt werden. Bei der Schizophrenie ist zum Beispiel von der „Toxizität“ einer unbehandelten Psychose für das Gehirn die Rede. Frühzeitige Behandlung ist also dringend indiziert, um die ungünstigen Folgewirkungen dieser Erkrankungen zu verhüten. Eine frühe Behandlung setzt aber eine frühe Erkennung eines deutlich erhöhten Risikos voraus, in absehbarer Zeit eine der vorgenannten Erkrankungen zu entwickeln.
Für alle genannten Erkrankungen liegen inzwischen prospektive Untersuchungen vor, die mit hinlänglicher Spezifität und Sensitivität die Prodromalsymptome und vorauslaufenden Anzeichen der Erkrankung im Hinblick auf die spätere Krankheitsentwicklung werten können. Entsprechende Früherkennungsinventare wurden entwickelt und wurden kontinuierlich optimiert. Pharmakologische und psychotherapeutische Behandlungsmethoden sind in Entwicklung beziehungsweise werden bereits auf ihre symptomreduzierende und präventive Wirkung geprüft. Die Früherkennungszentren an den psychiatrischen Universitätskliniken in Bonn und Köln veranstalten unter dem Titel „Früh erkennen, Früh behandeln“ jährlich ein Symposium, in dem die laufenden Initiativen und Forschungsarbeiten zur Früherkennung und Frühintervention psychischer Erkrankungen vorgestellt und diskutiert werden. Die zweite Veranstaltung dieser Reihe fand am 9. und 10. September 2002 in Köln statt.
Auf diesem Symposium wurden die Früherkennungs- und Frühbehandlungsmöglichkeiten bei schizophrenen Störungen (J. Klosterkötter, Köln), bei Alkoholabhängigkeit (K. Mann, Mannheim), bei Drogenabhängigkeit (M. Gastpar, Essen) bei demenziellen Prozessen (F. Jessen und W. Maier, Bonn), bei Angststörungen (J. Margraf, Basel), bei Zwangsstörungen bei Kindern und Jugendlichen (C. Wewetzer, Würzburg), bei affektiven Erkrankungen (I. Heuser, Berlin) und bei somatoformen Störungen (H.-P. Kapfhammer, München) diskutiert. Es wurde deutlich, dass die Bemühungen um sichere Früherkennungs- und effiziente Frühbehandlungsmöglichkeiten bisher in der Schizophrenie- und der Demenzforschung am weitesten fortgeschritten sind.
In beiden Forschungsfeldern lassen sich bereits erste Aussagen zur differenziellen Prädiktionskraft von bestimmten neurobiologischen Risikofaktoren und Prodromalsymptomen treffen. Auf dieser Grundlage kann den Rat- und Hilfesuchenden in den Früherkennungszentren und Gedächtnisambulanzen die Teilnahme an Studien angeboten werden, die auf die Erprobung
neuer pharmako- und psychotherapeutischer Frühinterventionen im Sinne einer „indizierten Prävention“ bei Personen mit erhöhtem Risiko für die Entwicklung einer schizophrenen oder einer Alzheimerschen Erkrankung ausgerichtet sind.
Für die früher „neurotisch“ genannten Erkrankungen, vor allem die Angststörungen, zeichnen sich ähnliche Präventionsmöglichkeiten der späteren Vollmanifestation schon anhand von Verhaltensmerkmalen im Kindes- und Jugendalter ab. Bei den affektiven Störungen wurde vor allem auf eine Reihe von verbreiteten somatischen Erkrankungen wie den Herzinfarkt aufmerksam gemacht, die alle das Risiko für die Entwicklung einer schweren Depression erhöhen und deshalb zu präventiven Maßnahmen Anlass geben sollten.
Bemerkenswerterweise erwies sich das Problemfeld der Alkohol- und Drogenabhängigkeit, in dem Forderungen nach einer Primärprävention schon in den 70er-Jahren in aller Munde waren, heute noch als am weitesten von dieser Zielsetzung entfernt. In diesem Forschungsfeld versprechen aber neue pharmakologische und psychotherapeutische Möglichkeiten zur rechtzeitigen Erkennung und Verminderung von Rückfallgefahren einen Erfolg.
Das Symposium wurde ergänzt durch die Darstellung laufender Forschungsarbeiten zur Entwicklung spezifischer Methoden der Früherkennung psychischer Krisen und Störungen: Depressionen (V. Henkel, München) und problematischer Alkoholgebrauch in der Allgemeinarztpraxis (F. Rist und R. Demmel, Münster) Biomarker bei Demenzen (J. Kornhuber, Erlangen), neuropsychologische Frühindikatoren der Schizophrenie (M. Wagner, Bonn), erste Ergebnisse der Frühintervention bei Prodromalstadien der Schizophrenie (S. Ruhrmann, Köln) und Möglichkeiten der Früherkennung bei Essstörungen (B. Herpertz-Dahlmann, Aachen).
Mit Ausnahme der Verlaufsuntersuchungen zu den Essstörungen, die ebenfalls interessante Perspektiven für zukünftige Präventionsansätze eröffneten, gehörten alle dargestellten Studien zur derzeit bundesweit oder regional betriebenen Kompetenznetz-Forschung in Deutschland. Die Versuche, neue Instrumente zur frühen Erfassung erster Anzeichen von Depressivität und Suizidalität oder alkoholbezogenen Störungen in der Hausarztpraxis und der sonstigen Primärversorgung zu etablieren, bedienen sich ähnlicher Methoden und weisen beide auch bereits erfolgversprechende Resultate auf, deren Umsetzung zur Früherkennung im praktisch-klinischen Alltag auch bald möglich sein dürfte. Der entscheidende Fortschritt ist von präventiven Kurzzeitinterventionen zu erwarten, die für Depressionen und Alkoholprobleme in Entwicklung sind.

Anschrift der Verfasser:
Prof. Dr. med. Joachim Klosterkötter
Klinik und Poliklinik für
Psychiatrie und Psychotherapie
der Universität zu Köln
Joseph-Stelzmann-Straße 9
50924 Köln

Prof. Dr. med. Wolfgang Maier
Klinik und Poliklinik für
Psychiatrie und Psychotherapie
der Universität Bonn
Sigmund-Freud-Straße 25
53105 Bonn
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