ArchivDeutsches Ärzteblatt PP9/2003Wilhelm Lehmbruck Museum: Taktiken des Ego

FEUILLETON

Wilhelm Lehmbruck Museum: Taktiken des Ego

PP 2, Ausgabe September 2003, Seite 423

Bartholomäus, Elke

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS
John Davies: O.T. (Zwei Figuren), 1974–77 Fotos: Katalog
John Davies: O.T. (Zwei Figuren), 1974–77 Fotos: Katalog
Zeitgenössische künstlerische Positionen am Beginn des 21. Jahrhunderts zum Thema „Ich“

Die Frage nach dem Subjekt gehört zu den zentralen Diskursen unserer Zeit seit Beginn der Moderne und ist durch grundlegende Umbrüche und damit durch eine zunehmende Verunsicherung geprägt. Die 70er-Jahre des 20. Jahrhunderts brachten mit der zweiten feministischen Bewegung eine grundlegende Infragestellung der tradierten Rollenmodelle, und der postmoderne Diskurs dekonstruierte das Subjekt zu „Patchwork“-Identitäten, die keine Einheit mehr bilden. Im Zuge der allgegenwärtigen Präsenz der Massenmedien sowie der rasanten Entwicklung der Informationstechnologie in den letzten Jahren findet sich der Mensch heute schiffbrüchig im Meer der Möglichkeiten zwischen Superstar und Cyberidentität. Auch das Verhältnis von Individuum und Gesellschaft befindet sich im Umbruch.
Künstler haben die Frage nach dem Subjekt vielfältig reflektiert. Seit einigen Jahren wird dies auch von Kuratoren zunehmend wahrgenommen und in sehenswerten themenbezogenen Ausstellungen umgesetzt. Zurzeit zeigt die Stiftung Wilhelm Lehmbruck Museum in Duisburg unter dem Titel „Taktiken des Ego“ zeitgenössische künstlerische Positionen am Beginn des 21. Jahrhunderts zum Thema „Ich“.
Video, Skulptur und Malerei
16 internationale Künstler und Künstlerinnen aus Deutschland, Frankreich, Österreich, Großbritannien, Niederlande und den USA haben die beiden Kuratorinnen Dr. Sabine Maria Schmidt und Cornelia Brüninghaus-Knubel eingeladen, ihre recht unterschiedlich motivierten Arbeiten zu präsentieren. Medien sind vor allem Video, Skulptur und Malerei, wobei dem klassischen Selbstporträt keine Bedeutung zukommt. Vielmehr reflektieren die ausgestellten Arbeiten Selbstentwürfe, Befindlichkeiten und Möglichkeiten des Selbst. Zeitbasierte Arbeiten stellen den größten Anteil an Exponaten, aber die Ausstellung zeigt auch eine Vielzahl plastischer Arbeiten und Installationen sowie geradezu „traditionell“ anmutende Tafelbilder voller Entlehnungen aus der Kunstgeschichte (Muntean/Rosenblum).
Das Spektrum reicht vom Selbstkonstrukt bis zur Selbstauslöschung. Innenwelten werden nach außen projiziert und das Selbst in zahllose Rollen multipliziert. Heute tendiert man dahin, die
äußere körperliche Grenze („Haut-Ich“) auch als die Grenze des Selbst zu verstehen, stellte der Neurophysiologe und Philosoph Prof. Dr. Detlev B. Linke, Bonn, im ausstellungsbegleitenden Symposium fest, dennoch gibt es vielerlei Ansätze, diese Grenze auszudehnen.
Der US-amerikanische Video-Künstler Bill Viola etwa versucht im Selbstexperiment „Nine Attempts to Achieve Immortality“ Unsterblichkeit zu erlangen, indem er unter Beobachtung der Videokamera die Luft so lange wie eben möglich anhält, um die Grenzen des körperlich Möglichen zu überwinden. Das Experiment erweist sich als außerordentlich ansteckend für den Zuschauer, der versucht ist, Violas Experiment am eigenen Leib mitzuvollziehen. Allerdings begibt sich Viola in kritische Grenzbereiche.
In Mathilde Ter Heijnes Arbeit steht das Selbstopfer im Mittelpunkt. In der Videoinstallation „Small things end, great things endure“ schlüpft die Künstlerin in die Rolle der Mutter in Uwe Johnsons Roman „Jahrestage“, die entschieden hat, die kollektive Schuld an den Verbrechen der Nationalsozialisten zu sühnen, indem sie sich selbst verbrennt. In einer anderen Arbeit präpariert sie sich selbst als Sprengstoffattentäterin an einer Bushaltestelle und sprengt sich dann in Form einer lebensechten Puppe vor laufender Kamera in die Luft. Die freiwillige Selbstauslöschung negiert den Wert individuellen Lebens.
Kommunikation und Selbstbefragung
Ein weiteres Thema ist Kommunikation und Selbstbefragung. Die britische Künstlerin Tracey Emin stellt sich in
„The interview“ zur Rede und rechtfertigt sich vor sich selbst. Dabei sitzt sie sich scheinbar als zwei verschiedene Personen auf einer Couch im Atelier gegenüber. Der Brite John Davies bringt nur auf den ersten Blick realistisch erscheinende Figuren in unbestimmte Situationen. Die zugrunde liegende Handlung wird dem Betrachter unerklärlich. Der niederländische Künstler Mark Manders zeigt Objekte aus seinem „Selbstporträt als Gebäude“, einem Konstrukt, an dem er seit vielen Jahren arbeitet, und Lorna Simpson, USA, beschäftigt sich mit den Gesten des Telefonierens.
„Taktiken des Ego“ ist nicht als theoretisierende Ausstellung gedacht. Zu sehen ist vielmehr eine Vielfalt künstlerischer Ansätze zum Thema „Ich“, die Erfahrungsräume eröffnen will. Die Ausstellung ist bis zum 31. August 2003 geöffnet. Elke Bartholomäus

Mathilde Ter Heijne: Small things end, great things endure (Video Still), 2001
Mathilde Ter Heijne: Small things end, great things endure (Video Still), 2001
Informationen: Stiftung
Wilhelm Lehmbruck Museum,
Zentrum Internationaler Skulptur,
Friedrich-Wilhelm-Straße
40, 47049 Duisburg, Telefon:
02 03/2 83 32 94, Fax: 2 83 38 92, E-Mail: info@lehmbruckmuseum.de,
Internet:www.lehmbruckmuseum.de
Anzeige

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema

Anzeige