ArchivDeutsches Ärzteblatt PP9/2003Andreas Dettloff: Kampf der Kulturen

KUNST + PSYCHE

Andreas Dettloff: Kampf der Kulturen

PP 2, Ausgabe September 2003, Seite 432

Kraft, Hartmut

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„Trophée code-barres“ (1996). Mit Pappmaché übermodellierte Kokosnuss, verschiedene Muscheln, Malerei. Auf der Unterseite monogrammiert „AD 96“. Höhe 14,5 cm, Breite 13,5 cm, Tiefe 21 cm.Foto: Eberhard Hahne
„Trophée code-barres“ (1996). Mit Pappmaché übermodellierte Kokosnuss, verschiedene Muscheln, Malerei. Auf der Unterseite monogrammiert „AD 96“. Höhe 14,5 cm, Breite 13,5 cm, Tiefe 21 cm.
Foto: Eberhard Hahne
Mit der Eroberung und oft auch gewaltsamen Missionierung der pazifischen Inselwelt seit dem 18. Jahrhundert gingen die Kulturen der Inselbewohner zugrunde. Viele Dokumente der ursprünglichen Riten und Ritualobjekte überlebten entweder in ethnologischen Museen oder in den Berichten der Eroberer und Missionare. Im Zuge einer Rückbesinnung auf die verschütteten, oft ausgerotteten Wurzeln der eigenen Identität sind die Völker des Pazifiks auf die Dokumentationen angewiesen, welche die weißen Eroberer vor der Zerstörung ihrer Kultur angefertigt haben. Auf diesen historischen und zugleich aktuellen Zusammenhang verweist der aus Deutschland stammende und in Tahiti lebende Künstler Andreas Dettloff. Durch die von Jean-Hubert Martin ausgerichtete Biennale in Lyon, wo auch dieses Objekt zu sehen war, wurde Andreas Dettloff einem breiterem Kunstpublikum in Europa bekannt.
Dettloff arbeitet an der Schnittstelle von ursprünglicher Südseekultur, Eroberung und Vernichtung, Überformung durch westliche Importe und Kampf um Wiederbelebung der auto-
chthonen Kulturen. In seiner Serie
aus modellierten Köpfen vermischt Dettloff das Thema der Kopftrophäe mit zeitgenössischen westlichen Themen. Besonders eindrucksvoll ist die hier vorliegende, auf einer Kokosnuss (nicht einem Schädel!) aufgebaute Kunst-Trophäe. Ein weißes Band mit Balkencodes, wie sie in Geschäften zur elektronischen Erfassung an den Kassen verwendet werden, umrahmt das mit Muschelaugen versehene, vollplastisch modellierte Gesicht. Was auf den ersten Blick an eine reale Kopftrophäe erinnern mag, wird auf diese Weise zu einem Supermarktangebot degradiert. Dies lässt sich einerseits verstehen als Hinweis auf die Profanisierung des Religiösen und Magischen, als Ausverkauf der Ursprungskultur. Andererseits verweist dieser Kopf auf die alte Kultur, die unter den aufgepfropften westlichen Einflüssen verborgen ist. So entsteht ein faszinierendes Sinnbild für den noch unentschiedenen Kampf zwischen den Kulturen: zwischen der sich weltweit verbreitenden westlichen, US-amerikanisch geprägten Massen- und Supermarktkultur und dem Wiedererstarken der zahlreichen, verschütteten regionalen Kulturen. Hartmut Kraft


Biografie Andreas Dettloff:
Geboren 1963 in Iserlohn. 1982 bis 1988 Studium an der Kunstakademie Düsseldorf bei Rinke, Megert und Hüppi, dessen Meisterschüler er 1988 wurde. Beteiligung an der Biennale Lyon 2000. Lebt auf Tahiti.

Literatur
Dettloff A: Plasticiens d´Outre-Mer. Editions Le Motu A.
Barthélemy, Tahiti
Katalog der 5. Biennale Lyon, Lyon 2000
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