ArchivDeutsches Ärzteblatt38/2003Prävention: Mit der Sense zur Vernunft bringen?

POLITIK

Prävention: Mit der Sense zur Vernunft bringen?

Dtsch Arztebl 2003; 100(38): A-2417 / B-2020 / C-1902

Hüsing, Johannes; Stang, Andreas

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Foto: Johannes Hüsing
Foto: Johannes Hüsing
Anmerkungen zu einem Plakat der Arbeitsgemeinschaft
Dermatologische Prävention

Primärprävention ist ein zweischneidiges Schwert. Geringe Aufmerksamkeitsspannen beim Publikum wollen mit prägnanten Fakten gefüllt werden, hinter denen wohl abzuwägende Thesen stehen. Während es uneingeschränkt richtig ist, dass Zigarettenkonsum schädlich ist und verringert werden muss, gibt es andere Einflüsse, die positive und negative Auswirkungen haben. Vitamine sind gut, weil zahlreiche physiologische Funktionen durch sie ermöglicht und erleichtert werden. Vitamine sind schlecht, weil die Einnahme von Vitamin A in Tablettenform während der Schwangerschaft beim heranwachsenden Kind einen Neuralrohrdefekt hervorrufen kann. Getreide im ganzen Korn ist gesund, weil die Verdauung angeregt und so unter anderem dem Kolonkarzinom vorgebeugt wird. Getreide im ganzen Korn ist ungesund, weil dadurch der Zahnschmelz geschädigt werden kann. Sonnenlicht verursacht Melanome, aber Sonnenlicht fördert die Produktion von körpereigenem Vitamin D – und das ist gut. Außerdem wird Sonnenlicht mit verringerter Inzidenz von multipler Sklerose in Verbindung gebracht.
Insbesondere Bewegungsmangel bei Kindern wird immer mehr als eines der wesentlichen Public-Health-Probleme angesehen und steht im Erwachsenenalter als Risikofaktor für das Kolon-, Mamma- und Prostatakarzinom in der Diskussion. Ein Präventionsprogramm, das zum vernünftigen Umgang mit der Sonneneinstrahlung auffordert, muss daher darauf achten, nicht für jeden verhinderten Melanomfall zwei Altersdiabetesfälle im Jugendalter zu generieren. Das australische SunSmart-Programm ist – nach schlechten Erfahrungen mit abschreckender Schockpropaganda – ein Beispiel für Aufklärung, die nicht den Freiluftaufenthalt negativ, sondern sonnenschützende Maßnahmen positiv wendet. Auch hierzulande gibt es Kampagnen wie „Sonne mit Verstand“, die nicht auf eine Vermeidung der Sonne auf Gedeih und Verderb, sondern auf einen maßvollen Umgang zielen.
Und nun dieses Plakatmotiv: Ein Sensenmann hat sich ein schreiendes Kind gegriffen und schleppt es vom Spielplatz. Um freie Hände zu haben, lässt er seine Sense am Tatort zurück, mit der ein weiteres neugieriges Kind zu spielen beginnt. Der Slogan lautet: „Holen Sie Ihr Kind aus der Sonne. Bevor es jemand anderes tut.“ Dieses Motiv eignet sich wunderbar als Aufkleber auf einer Spielekonsole, auf den eine präpubertäre Couch-Potato nur stumm deuten muss, wenn die Eltern meinen, ihr Nachwuchs solle endlich einmal draußen spielen.
Der negative Effekt wäre geringer gewesen, wenn man sich beim Entwurf der Plakate auf jahrzehntelange Erfahrung mit ähnlichen Kampagnen, deren Effekt teilweise mit wissenschaftlichen Mitteln evaluiert wurde, hätte leiten lassen. Dass andere Teile derselben Kampagne (http://www.unserehaut.de) wesentlich differenzierter angelegt worden sind, ist erfreulich. Es rettet dieses Motiv aber nicht, wenn man es als „eingebetteten“ Teil innerhalb einer größeren Aktion interpretiert. Bei den meisten wird der Kontakt mit der Kampagne nicht über die Ansicht des Plakats hinauskommen.
Das gezeigte Motiv und der Slogan sind irrelevant. Richtig ist, dass ungeschützte Sonnenexposition vor allem bei Kaukasiern das Risiko für Melanome erhöht. Das Motiv suggeriert aber, dass diese Melanome schon im Kindesalter auftreten. Epidemiologisch eine Rarität: Im Jahr 1995 gab es in der ganzen Bundesrepublik ganze sechs Mortalitätsfälle in den Altersgruppen unter 20 Jahren infolge eines Melanoms der Haut (ICD 172). Egal, wann man seine minderjährigen Kinder aus der Sonne holt, man wird dem Sensenmann, der erst im Erwachsenenalter seine Opfer holt, fast immer zuvorkommen.
Wir waren schon einmal weiter: Die Aids-Aufklärung der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung wurde schon vor 15 Jahren nicht mit Gevatter Hein und dem Ruf nach Enthaltsamkeit und Treue betrieben, sondern mit Ingolf Lück als schüchternem Supermarktkunden. Dem der Lebensfreude eher förderlichen Verhalten, ob Spiele im Freien oder Sex, können Regeln zur Seite gestellt werden, die schützen, ohne das Vergnügen zu trüben. Das verbreitet auch die Kampagne auf ihrer Website gleich im ersten Abschnitt und auch in Kampagnen vergangener Jahre. Der Eindruck, der zählt – nämlich der erste –, tut dies nicht.
Dr. rer. medic. Johannes Hüsing, Dipl-Stat.
Priv.-Doz. Dr. med. Andreas Stang, MPH
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