ArchivDeutsches Ärzteblatt38/2003Wissenschaftliches Fehlverhalten: Der lange Weg zur Antwort

POLITIK: Medizinreport

Wissenschaftliches Fehlverhalten: Der lange Weg zur Antwort

Dtsch Arztebl 2003; 100(38): A-2419 / B-2022 / C-1904

Koch, Klaus

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Aussschnitt aus der diesjährigen September-Ausgabe von Nature Medicine, Seite 1221
Aussschnitt aus der diesjährigen September-Ausgabe von Nature Medicine, Seite 1221
Die Überprüfung von zwei in die Kritik geratenen Untersuchungen führt in einem Fall zum Rückzug der Publikation, im anderen Fall zur Entlastung des Studienleiters.

Knapp dreieinhalb Jahre nach der Veröffentlichung hat eine Gruppe von Forschern der Universitäten Göttingen, Tübingen und der Berliner Charité jetzt eine viel beachtete Publikation in der renommierten Zeitschrift Nature Medicine (2000; 6: 332) zurückgezogen. Die Arbeit hatte international große Aufmerksamkeit ausgelöst. Eine Gruppe um den Urologen Dr. Alexander Kugler, der die Universität Göttingen in der Zwischenzeit verlassen hat, schilderte darin die Herstellung und Erprobung eines Impfstoffs gegen Nierenzellkarzinome.
Die aus Tumorzellen und dendritischen Zellen gewonnene Vakzine soll angeblich bei vier von 17 behandelten Patienten zu einer „völligen Rückbildung aller Metastasen“ geführt haben. Kommentatoren hatten das Mittel, an dessen Erprobung 14 weitere Autoren der Universitäten Göttingen, Tübingen und der Berliner Charité beteiligt waren, bereits in eine Reihe mit den Impfungen gegen Pocken und Polio gestellt. An zwei Göttinger Kliniken begann vor drei Jahren daraufhin ein Massenversuch, in dem 400 Patienten mit der Vakzine behandelt wurden.
Allerdings war bereits im November letzten Jahres ein Göttinger Ombudsgremium zu dem Urteil gekommen, dass Fachwelt und Krebspatienten Opfer von Unregelmäßigkeiten geworden waren. Das Gremium fand in der Publikation eine solche Fülle von schwerwiegenden Fehlern, dass es dem Erstautor der Arbeit „wissenschaftliches Fehlverhalten“ bescheinigte (DÄ, Heft 47/ 2002). Für die übrigen 14 Koautoren hat das Gremium jedoch kein „wissenschaftliches Fehlverhalten – gemessen am Kriterium der groben Fahrlässigkeit – festgestellt“.
Der Bericht des Gremiums ist auch in der Redaktion von „Nature Medicine“ aufmerksam gelesen worden. Während einige der Autoren zuerst der Ansicht waren, dass man die Fehler der Arbeit durch eine „Korrektur“ gerade rücken könnte, zog man bei Nature Medicine aus der „großen Zahl der Fehler in den veröffentlichten Daten“ die Konsequenz, dass „ein Rückzug notwendig war“, schreibt die Redaktion in einem Kommentar (2003; 9: 1093). Alleine die Tatsache, dass es für die Versuche an den Patienten entgegen der Behauptung der Autoren kein Ethikvotum gegeben habe, mache das Papier „inakzeptabel“.
Kompromiss-Formel
Die Redaktion bemängelt, dass es „mehrere Monate“ gedauert habe, um alle Autoren von der Notwendigkeit des Rückzugs zu überzeugen, und „weitere Monate, bis alle Autoren und Redakteure eine Kompromiss-Formel gefunden hatten, wie der Rückzug kommentiert werden sollte“. Schließlich einigte man sich auf die Zeile: „Einstimmig wünschen die Autoren, diese Arbeit zurückzuziehen, wegen einer Reihe unkorrekter Aussagen und der fehlerhafter Präsentation der Primärdaten, Ergebnisse und Schlussfolgerung“ (2003, 9: 1221).
Mit dem Rückzug der vielfach zitierten Arbeit gerät ein Pfeiler für den in den letzten Jahren aufgekommenen Optimismus ins Wanken, dass Immuntherapien gegen Krebs vor dem Durchbruch stünden. „Dieses Papier sollte nicht länger als ein Beleg zitiert werden“, empfiehlt Nature Medicine.
Unterdessen hat eine Kommission der Universität München nach knapp 18 Monaten einen Wissenschaftler vom Verdacht auf wissenschaftliches Fehlverhalten entlastet. Im Februar 2002 waren am Klinikum Innenstadt Zweifel laut geworden, dass eine im New England Journal of Medicine publizierte Studie möglicherweise nie stattgefunden habe. „Dieser Verdacht ließ sich in allen Punkten entkräften“, sagt Matthias Westerhausen, der Vorsitzende der Kommission, die zuletzt den Fall untersucht hat: Es bestehe „kein Zweifel, dass die Studie wie veröffentlicht stattgefunden“ habe.
Das Papier beschreibt ein Experiment an 160 Patienten mit akutem Nierenversagen, die in den Jahren 1993 bis 1998 auf zwei Intensivstationen des Klinikums Innenstadt gelegen haben. Laut Artikel erhielt eine zufällig ausgewählte Hälfte von Patienten täglich eine Dialyse, die andere nur jeden zweiten Tag. Das Ergebnis: Bei täglicher Blutwäsche lag die Zahl der Toten bei 28 statt bei 46 Prozent.
Die Publikation hatte insbesondere bei den Leitern der beiden Intensivstationen im Klinikum Innenstadt Verwunderung ausgelöst: Sie hatten von dem über fast sechs Jahre laufenden Projekt an ihren Patienten angeblich nichts mitbekommen. Die Zweifel in der Klinik führten dazu, dass insgesamt drei Kommissionen versuchten, die Studie zu überprüfen, zuletzt die „Kommission für Forschung und wissenschaftlichen Nachwuchs“ der Universität München unter Vorsitz des Chemikers Prof. Matthias Westerhausen.
Westerhausen versteht heute nicht, warum die Kontroverse überhaupt so eskalieren konnte: „Wir haben uns Unterlagen zeigen lassen, die belegen, dass die Studie stattgefunden hat und den ethischen Richtlinien der Universität gefolgt ist.“ Dazu gehörten unter anderem die von den 160 Patienten oder ihren Angehörigen unterschriebenen Einverständniserklärungen.
Mit der Entlastung des Autors beantwortet die Kommission, der kein Mediziner angehörte, jedoch nicht alle Fragen. Das Gremium hat nicht mit den Leitern der Intensivstationen gesprochen; somit bleibt ungeklärt, wie es möglich war, dass das Personal dort nichts von der Studie wusste. Westerhausen sah dazu keinen Anlass: „Die vom Autor vorgelegten Unterlagen erschienen uns so eindeutig, dass wir keine weiteren Schritte für notwendig gehalten haben.“ Klaus Koch

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