ArchivDeutsches Ärzteblatt38/2003B-Zell-Leukämie: Individuelle Genmuster routinemäßig erkennen

POLITIK: Medizinreport

B-Zell-Leukämie: Individuelle Genmuster routinemäßig erkennen

Dtsch Arztebl 2003; 100(38): A-2420 / B-2023 / C-1905

Wahl, Andreas

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LNSLNS DNA-Chip identifiziert in einem Testdurchgang alle Veränderungen im Genom einer Tumorzelle, sodass aggressive Leukämieformen frühzeitig aufgespürt werden.

Die häufigste Form der Leukämie bei Erwachsenen ist die chronisch-lymphatische Leukämie vom B-Zell-Typ, die B-CLL. Sie zeigt sich klinisch sehr unterschiedlich. Hinweise auf den Verlauf der Erkrankung und die Prognose des Patienten gibt „das genetische Make-up“ der Tumorzellen. Mit einer neuen DNA-Chip-Technologie, die Molekulargenetiker am Deutschen Krebsforschungszentrum (DKFZ) in Heidelberg zusammen mit Hämatoonkologen an der Heidelberger Universitätsklinik entwickelt haben, ist es möglich geworden, aggressivere Formen von solchen, die sich langsamer entwickeln, bereits bei der Diagnose zu unterscheiden.
Somit kann die Behandlungsstrategie ohne Zeitverlust an die Aggressivität der Erkrankung angepasst werden. Prof. Peter Lichter, der Leiter der Abteilung Molekulare Genetik am DKFZ, hat die neuartige Nachweismethode bei einem Besuch der Präsidentin der Deutschen Krebshilfe, Prof. Dr. Dagmar Schipanski, vorgestellt.
Leukämien weisen, wie andere bösartige Tumoren auch, typische Veränderungen ihres Genoms auf. Bei der Chromosomenanalyse zeigt sich, dass entweder Bruchstücke verloren gegangen oder vervielfältigt worden sind. Lichter hat zusammen mit dem Hämatoonkologen Prof. Hartmut Döhner von der Universität Ulm herausgefunden, dass bei der chronisch lymphatischen B-Zell-Leukämie DNA-Verluste in den Chromosomen 11 und 17 mit einem ungünstigeren Verlauf der Erkrankung assoziiert sind.
Hohe Aussagekraft
Diese Erkenntnisse haben bereits Eingang in die Klinik gefunden. So wird in neuen Behandlungsstudien unter anderem auch anhand dieser Chromosomendefekte entschieden, ob eine stärkere Chemotherapie beziehungsweise eine zusätzliche Stammzelltransplantation notwendig ist. Die bisherigen molekulardiagnostischen Testverfahren waren äußerst zeitaufwendig und technisch anspruchsvoll.
Die Arbeitsgruppe um Lichter hat eine schnellere Nachweismethode entwickelt. Damit kann bei Leukämiepatienten bereits zum Zeitpunkt der Diagnosestellung das individuelle Muster der DNA-Veränderungen bestimmt und darauf basierend eine maßgeschneiderte Therapie für die Patienten entwickelt werden. Mit der „Comparative Genomic Hybridization“ (der Matrix-CGH) – einer Form der vergleichenden genomischen Hybridisierung – sind solche Analysen nun erstmals auch in großem Maßstab möglich. Diese DNA-Chip-Methode ist in der Lage, in einem einzigen Testdurchgang gleichzeitig alle Veränderungen im Genom einer Tumorzelle zu identifizieren. Nach Aussage von Lichter besteht der mit Dr. Carsten Schwänen entwickelte Test aus 650 DNA-Fragmenten und ist damit effizient genug, um ihn für die klinische Routinediagnostik einzusetzen.
Die Methode: Kleine Glasplättchen werden von einem Präzisionsroboter mit einem geordneten Raster von charakterisierten DNA-Fragmenten gesunder Zellen bedruckt (Matrix). Anschließend wird die DNA aus Tumorzellen, die mit Fluoreszenzfarbstoffen markiert worden sind, als Sonde auf die Matrix aufgebracht. Die Fluoreszenzsignale zeigen an, wo sich die markierten Sondenmoleküle aus den Tumorzellen an ihre Gegenstücke auf den Glasplättchen der Kontrollzellen anlagern. Jene DNA-Abschnitte, die im Genom der Tumorzellen zu wenig beziehungsweise überexprimiert sind, leuchten schwächer beziehungsweise stärker auf. Diese Signale werden mit denen einer andersfarbigen DNA aus den Kontrollzellen verglichen.
Der B-CLL-Chip hat nach Angaben von Lichter eine hohe diagnostische Aussagekraft. Er ist zu 99 Prozent sensitiv und spezifisch und somit für die klinische Routinediagnostik geeignet. In klinischen Studien wird er bereits verwendet. Wie der Molekulargenetiker angekündigt hat, soll das Testverfahren auch für andere Tumorarten modifiziert werden. Andreas Wahl

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