ArchivDeutsches Ärzteblatt46/1996Chefärzte: Wir wollen keine Bürokraten sein

SPEKTRUM: Leserbriefe

Chefärzte: Wir wollen keine Bürokraten sein

Dtsch Arztebl 1996; 93(46): A-2980 / B-2424 / C-2207

Vogel, Martin

Zu dem Beitrag "Mehr Managementkompetenz gefragt" von Prof. Dr. phil. Günther E. Braun und Dipl.-Wirtsch.-Informatiker Dirk Egner in Heft 36/1996
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LNSLNS . . . Aus meiner Erfahrung kann keine Rede von "ersten positiven Erfahrungen in der Zusammenarbeit von Medizin und Betriebswirtschaft bei der Einführung der Fallpauschalen und Sonderentgelte für die Klinik" sein. Im Gegenteil: Die Einführung der Fallpauschalen und Sonderentgelte führt zu dauernden, ergebnislosen Auseinandersetzungen mit dem Medizinischen Dienst der Krankenkassen. Da der Buchstabe des Gesetzes die komplexen Zusammenhänge von Krankheiten nicht erfassen kann, ist bei der Beurteilung einer Fallpauschale oder eines Sonderentgeltes ein hohes Maß an Flexibilität und Kompetenz erforderlich. Das vermissen wir bei den Auseinandersetzungen mit dem Ärztlichen Dienst weitgehend. Ohne Ergebnis werden die Standpunkte der Krankenhausärzte und des Medizinischen Dienstes unter erheblichem Aufwand an Schreibarbeit und Zeit wie ein Pingpongball hin- und hergespielt.
. . . Chefärzte und Direktoren von Universitätskliniken (sind) längst Medizinmanager. Mehr als ein Drittel meines mindestens zehnstündigen Arbeitstages geht mit reiner Verwaltungstätigkeit dahin. Es ist befremdlich, daß Herr Prof. Braun diese Tätigkeit anscheinend als positiv und erstrebenswert ansieht. Viele meiner Kollegen und auch ich sind unter anderen Vorzeichen angetreten: Wir wollten Ärzte und Wissenschaftler, aber nicht Bürokraten sein . . .
Der letzte Satz dieses Artikels lautet: "Letztlich geht es um eine zufriedenstellende Zusammenarbeit zwischen Ärzten und der Verwaltung zum Wohle des ganzen Hauses." Es geht um das Wohl des Hauses, nicht um das des Pa-tienten. Wie bei allen Diskussionen um die Budgetdeckelung, Sparmaßnahmen und das Gesundheitsstrukturgesetz bleibt der Patient wieder einmal auf der Strecke. Die Bevölkerung hat es noch gar nicht kapiert, daß diese ganzen Maßnahmen auf dem Rücken der Kranken ausgetragen werden. Die zahlreichen und verständlichen Beschwerden der Patienten über die langen Wartefristen bis zu einer stationären Aufnahme müssen leider immer die Ärzte, aber nie die Politiker erklären, die uns diese Maßnahmen eingebrockt haben. Im Gegensatz zu Herrn Prof. Braun bin ich der entschiedenen Ansicht, daß die Ärzte in leitenden Funktionen dringend von ihrer Verwaltungstätigkeit zugunsten ihrer Aufgaben als Ärzte und Wissenschaftler entlastet werden müssen. Jedem leitenden Arzt sollte ein kompetenter Betriebswirt zur Seite gestellt werden, der die finanziellen Angelegenheiten der Klinik regelt und mit dem Chefarzt entscheidet. Wir müssen uns vehement dagegen wehren, zu "Medizinmanagern" gemacht zu werden . . .
Prof. Dr. med. Martin Vogel, Augenklinik der Universität Göttingen, Robert-Koch-Straße 40, 37075 Göttingen
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