THEMEN DER ZEIT

KTQ

Dtsch Arztebl 2003; 100(38): A-2422 / B-2025 / C-1907

Böhmeke, Thomas

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS
Vor kurzem war ich auf einer Party, auf der sich Chirurgen in der Überzahl befanden. Aber anstatt über ihre erfolgreichen minimalinvasiven Feldzüge gegen verschlossene Beckenarterien zu berichten, meinten sie nur: Wir biegen uns unter der Last der Bögen. Sie meinten die KTQ-Bögen (KTQ = Kooperation für Transparenz und Qualität im Krankenhaus), deren Bearbeitung zusammen mit anderen Maßnahmen zur Qualitätssicherung und zum Qualitätsmanagement (QS+QM) mittlerweile 20 Prozent der Arbeitszeit auffressen. Auch wenn diese Berge von Fragebögen und Formularen vorerst nur in den Krankenhäusern ihr Unwesen treiben, so habe ich bereits viel davon gehört.
Meine Patienten berichten erschüttert, dass Wünsche nach Auskünften mit der stereotypen Antwort beschieden werden: „Ruhe! Ich muss den Bogen ausfüllen, das ist Qualität!“ Diese Fragenkataloge wollen unter anderem Folgendes wissen: Gibt es schriftliche Anweisungen bezüglich Vorbefunden zur Anamneseerhebung? Inwieweit ist es gewährleistet, dass die Anforderungen von diagnostischen Untersuchungen und Maßnahmen strukturiert erfolgen? Welche Handlungsorientierungen werden für Mitarbeiter zur Aufsichtspflicht bei bestimmten Patientengruppen gegeben? Inwieweit wird die Zeitspanne zwischen Entlassung eines Patienten und der Übermittlung aller vollständigen Informationen an die nachbehandelnden Versorgungseinrichtungen überprüft?
Nun, mir als Fachmann für Serpentinismus (= Herausschlängeln aus widrigen Lebenslagen) kam sofort eine blendende Idee: Wir schnitzen uns ein Computerprogramm, das diese Bögen automatisch beantwortet, somit können alle glücklich und zufrieden ihrer Arbeit nachgehen. Klappt doch nicht, meinten die Kollegen, spätestens wenn wir alle dieselben Noten haben und keiner abgestraft wird, kommt die Qualitätsdoktrin dahinter. Kein Problem, meinte ich in meinem therapierefraktären Optimismus: Wir mieten ein verfallenes Landhaus in Ostdeutschland, stellen ABM-Kräfte als Patienten ein und Laienschauspieler als Doktoren. Vollendet ist meine Vision, wenn am runden Tisch der Qualitätssicherung die Formularberge der KTQ über mein Computerprogramm zur Landhausklinik kreisen und diese alle Jahre wieder sanktioniert wird. Somit habe ich aus der mir eigenen Perspektive (von schräg unten) alle glücklich gemacht: Den Landesdenkmalschutz, der seine Baudenkmäler saniert sieht, die Qualitätsdoktrin und nicht zuletzt die geschätzten chirurgischen Kollegen, die endlich wieder ungestört operieren können.
Falls ich einmal operiert werden müsste, suche ich mir eine Klinik aus, die nicht zertifiziert ist. Die Wahrscheinlichkeit, dort Kollegen anzutreffen, die ihr Handwerk noch beherrschen, ist statistisch einfach höher. Weil in den KTQ-Kliniken nur noch diese Bögen ausgefüllt werden.
Dr. med. Thomas Böhmeke
Anzeige

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema