ArchivDeutsches Ärzteblatt38/2003Katastrophen: Großes Erstaunen
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LNSLNS Der Bericht von Sefrin et al. über Sichtungskategorien und deren Dokumentation hat in unserer Gruppe Leitender Notärzte großes Erstaunen hervorgerufen, insbesondere die Kernaussage, dass bei Katastrophen neben den drei Kategorien der Verletzungsschwere (vital bedroht, schwer verletzt, leicht verletzt) nun doch wieder eine vierte Kategorie eröffnet werden müsse für diejenigen, die voraussichtlich ohnehin sterben würden und einer „abwartenden Behandlung“ zugeführt werden müssten. Es sei dies das Ergebnis einer „Konsensus-
Konferenz“ von Experten aus Deutschland und sechs europäischen Staaten.
Was treibt eine Expertengruppe aus Katastrophenmedizinern dazu, erneut mit einer derartigen Vehemenz Strukturen vorzubereiten, die bei einem größeren Ereignis sehr früh „Schwerverletzte und Schwererkrankte mit wenig Überlebensaussichten“ erfassen und separieren möchte? Wo sind die Beispiele in der deutschen und mitteleuropäischen Nachkriegsgeschichte, die belegen, dass ein derartiges Vorgehen Leben oder Gesundheit von in der Frühphase scheinbar überlebensfähigen Betroffenen gerettet hätte? Wo sind die Beispiele dafür, dass in unserem Land nicht innerhalb von ein bis zwei Stunden nach einem großen Ereignis ausreichend Material und Fachpersonal an einer Schadensstelle zur Verfügung gestanden hätten?
Welcher noch Lebende ist auf den ersten Blick zu dem Zeitpunkt, an dem die systematische qualifizierte Sichtung beginnt, mit hinreichender Sicherheit als nicht mehr überlebensfähig einzustufen?
Welche Szenarien spielen sich in den Fantasien der Kata-
strophenmediziner ab, dass sie die Anzahl der derart Hoffnungslosen so hoch einstufen, um eine eigene Kategorie IV einzufordern? Brauchen Patienten der Kategorie IV weniger qualifizierte Zuwendung und Behandlung als Schwerverletzte mit scheinbar besserer Prognose?
Erfahrene Notärzte und Leitende Notärzte haben in den letzten 20 Jahren Strukturen vorbereitet, um in unserem Land größere medizinische Notfallereignisse und Katastrophen bewältigen zu können. Bewusst wurde aus praktisch-organisatorischen und ethischen Beweggründen die bis vor 20 Jahren aus Kriegserfahrungen resultierende Kategorie der „Hoffnungslosen“ aus dem Sichtungsraster herausgenommen. Im präklinischen Bereich ist die Einteilung in drei Kategorien nach den drei Ampelfarben (Rot: schwer verletzt, vital bedroht; Gelb: schwer verletzt, nicht vital bedroht; Grün: leicht verletzt) ausreichend und allgemein im Rettungsdienst etabliert. Hiervon sollte auch bei Katastrophen nicht abgewichen werden. Die Transportreihenfolge wird in der roten Gruppe, beginnend ohnehin individuell und angepasst an die aktuellen Gegebenheiten, vom Leitenden Notarzt so festgelegt, dass das bestmögliche Behandlungsergebnis erreicht werden kann.
Dr. med. Wolfgang Baumeier,
Klinik für Anästhesiologie am
UK-SH, 23538 Lübeck
Für die Leitende Notarztgruppe der Hansestadt Lübeck am Universitätsklinikum Schleswig-Holstein, Campus Lübeck
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