ArchivDeutsches Ärzteblatt38/2003Off-Label-Use: Entspricht nicht den Prinzipien der EbM

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Off-Label-Use: Entspricht nicht den Prinzipien der EbM

Dtsch Arztebl 2003; 100(38): A-2431

Antes, Gerd

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LNSLNS Den Autoren ist zuzustimmen, wenn sie daran erinnern, dass Evidenz-basierte Medizin (EbM) sich aus den beiden Teilen externe und interne Evidenz zusammensetzt, wobei sie allerdings die Patientenwerte als wesentliche Komponente der EbM unerwähnt lassen. Die einem Problem angemessene Gewichtung beider Teile ist jedoch eine Gratwanderung, die nicht einfach mit der Vorstellung, fehlende externe Evidenz könne durch Kunst und Überzeugung kompensiert werden, zu lösen ist. Die Ausführungen lassen denn auch nicht erkennen, wie in der postulierten „Summe aus externer und interner Evidenz“ Grenzen gezogen und Maßstäbe für eine Regelhaftigkeit formuliert werden können. Es gibt keinen Hinweis darauf, wie verhindert werden kann, dass der Verweis auf persönliche interne Evidenz Entscheidungen erlaubt, die niemand sonst für sinnvoll hält. Der „Lösungsvorschlag“, die „Summe aus externer und interner Evidenz . . . als Steuerungsinstrument für die Erstattungsfähigkeit heranzuziehen“, erscheint hier erstaunlich ungenau. Evidenz-basierte Medizin steht für den Versuch, die strukturiert gewonnenen Erfahrungen vieler in transparenter Weise für Entscheidungen zu nutzen. Interne Evidenz muss die für eine angemessene Umsetzung erforderliche „Feinjustierung“ leisten. Das Ersetzen von wissenschaftlichen Ergebnissen durch „Kompetenz“ ist damit nicht gemeint, ein Freibrief, bei mangelhafter externer Evidenz Medikamente trotzdem einzusetzen, auch nicht.
Nicht nachvollziehbar ist, wie „die Zunahme interner Evidenz in diesen Situationen eine unkontrollierbare Beliebigkeit in den Therapieentscheidungen vermeiden“ lässt. Der Rückzug auf den in keiner Weise spezifizierten „anerkannten Stand der medizinischen Wissenschaft“ bietet dafür keine transparente und nachvollziehbare Lösung. In Deutschland ist die Situation zusätzlich erschwert, da die vorhandene Evidenz fast ausschließlich aus internationalen Studien stammt und englischsprachig publiziert ist. Der Zugang auch zu eigentlich leicht zugänglichen Studienergebnissen ist für viele unter den gegenwärtigen Bedingungen in der ärztlichen Praxis nicht möglich. Der Rückzug auf die interne Evidenz liegt daher oft nicht am Mangel an Evidenz, sondern an deren Unkenntnis, deren Beseitigung gerade ein zentrales Anliegen der EbM ist. Die von den Autoren vorgeschlagene „Lösung“ ist keine, die der Anwendung der Prinzipien der Evidenz-basierten Medizin entspricht.
Professor Dr. Jürgen Windeler, Medizinischer Dienst der Spitzenverbände der Krankenkassen e.V., Fachbereich Evidenz-basierte Medizin, Lützowstraße 53, 45141 Essen
Dr. Gerd Antes,
Institut für Med. Biometrie und Med. Informatik, Abteilung Medizinische Biometrie und Statistik, Deutsches Cochrane Zentrum, Stefan-Meier-Straße 26, 79104 Freiburg
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