ArchivDeutsches Ärzteblatt38/2003Prävention: Es geht um die Begründung
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LNSLNS Der Umkehrschluss von Schwartz, dass es wohl kostengünstiger oder zumindest kostengleich ist, jede Krankheit (und jede vermeidbare Verschlimmerung derselben) erst nach ihrem Ausbruch (bzw. ihrer Verschlimmerung) zu behandeln, weil sich mit Prävention keine Kosten einsparen lassen, ist nicht zulässig. Es geht nicht um die Frage, Prävention oder keine Prävention, wie es sich aus der Überschrift „Fakten sprechen für Prävention“ ableiten lässt, sondern es geht um die Frage, warum Prävention und damit um die Begründung von Prävention. Immer wieder wird behauptet, Prävention spart Kosten, und auch darum sei Prävention das Gebot der Stunde, in dieser allgemeinen Formulierung oder mit der Nennung von nicht bewiesenen und nicht belegten Zahlen. Der Sachverständigenrat für die Konzertierte Aktion im Gesundheitswesen behauptet in seinem Gutachten 2000/2001: „Theoretisch (bei nicht saldierter und nicht diskontierter Betrachtung) lassen sich rund 25 bis 30 Prozent der künftigen Gesundheitsausgaben in Deutschland durch langfristige Prävention vermeiden.“ Diese Aussage ist wissenschaftlich nicht belegt. Der Berufsverband Deutscher Präventologen sieht sogar ein Einsparvolumen von 110 Milliarden Euro jährlich, wenn das Konzept der breiten Prävention von jedem Einzelnen angewandt würde (Die Welt vom 15. Januar 2003). Tatsächlich gibt es in keinem Land der Welt eine wissenschaftlich begründete Abschätzung des Einsparpotenzials für das gesamte Gesundheitswesen durch Prävention. Es gibt bis heute keine Methodik, mit der ein derartiges Einsparpotenzial errechnet werden kann. Und dies allein ist die Aussage in den „Mythen der gesundheitspolitischen Diskussion: Prävention spart kein Geld“.
Es ist eher gefährlich, Prävention mit der durch Prävention erzielten Kosteneinsparung zu begründen. Ein saldierter ökonomischer Nutzen wäre nicht nachzuweisen.
Prävention ist ein Wert an sich. Prävention kann
- Todesfälle vermeiden (Beispiel aktive Schutzimpfung),
- eine frühzeitige und damit oft rechtzeitige Behandlung ermöglichen (Beispiel Früherkennung),
- die Lebensqualität verbessern,
- eine Frühverrentung verhindern,
- das Leben verlängern.
Dies ist die Begründung für Prävention, dies sind die Auswirkungen von Prävention. Vielleicht spart Prävention auch Kosten – bewiesen ist es nicht. Die Kosteneinsparung durch Prävention ist jedoch ein eher nachrangiges Argument für Prävention.
Prof. Dr. med. Fritz Beske, MPH, Fritz Beske Institut für Gesundheits-System-Forschung Kiel, Weimarer Straße 8, 24106 Kiel
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