ArchivDeutsches Ärzteblatt46/1996Erlebnisse: Ich habe es überstanden

SPEKTRUM: Leserbriefe

Erlebnisse: Ich habe es überstanden

Dtsch Arztebl 1996; 93(46): A-2982 / B-2525 / C-2246

Dau, Wolfgang

Ein Chefarzt "i. R." war Patient in einer großen Klinik
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LNSLNS Vertrauensvoll begab ich mich zu einer Bauchoperation in eine große Klinik, de-ren Operateur mir besonders empfohlen worden war. Ich hatte die Unterbringung in einem Einbett-Zimmer gewählt, über dessen dürftige Ausstattung ich mich anschließend bei der Verwaltung beschwerte, die darauf mit üblichen Ausreden – die Probleme seien bekannt, es fehle an Geld, man werde den Dingen nachgehen – reagierte. Für den geforderten Preis bekommt man in jedem besseren Hotel eine komfortable Ausstattung. Alle Untersuchungen wurden durch eine am Beginn ihrer Weiterbildung stehende Assistenzärztin durchgeführt, deren ganzes Bemühen darauf abgestellt war, trotz mitgebrachter Voruntersuchungsergebnisse eines qualifizierten Facharztes nur nichts auszulassen, was an der Klinik "üblich" war, ganz zu schweigen von zusätzlichen Untersuchungen. Im Vordergrund stand dabei der Einsatz der medizinischen Technik.
Natürlich machte diese aufstrebende Kollegin auch die Verbände, wobei sie die Desinfektionslösung aus 50 cm Höhe auf meinen Bauch goß. Der bei der Operation angelegte Verband wurde nach drei Tagen entfernt, dann gab es keinen weiteren Verband mehr. Offenbar sollte die Bettinnenluft die nötige Heilung bewirken.
Der mir empfohlene Operateur hat meinen Körper nicht ein einziges Mal berührt, näher als bis ans Fußende des Bettes hat er sich mir nie genähert; ich hoffe nur, daß er mich eigenhändig operiert hat. Zeit für ein persönliches Gespräch fand sich nie . . .
Jede Nacht mußte um 4.30 der Blutdruck gemessen werden. Medikamente wurden ohne Kontrolle der erfolgten Einnahme in einer Plastikschachtel auf den Nachttisch gestellt. Es wurde mir freigestellt, die LiqueminInjektion selbst zu machen . . .
Die Narkose war ein besonderes Kapitel. Die Kollegin, die mit mir das Vorgespräch führte und sich als diejenige vorstellte, die bei mir die Narkose machen würde, hat mich jedenfalls nicht narkotisiert, die Narkose wurde von einer mir völlig fremden Person gemacht. Dafür erhielt ich aber eine Rechnung, irrtümlich, wie sich herausstellte; was den Rechnungsschreiber keineswegs zu einer Entschuldigung veranlaßte.
Jedenfalls, nach den Positionen der Narkoserechnung zu schließen, muß es sich entweder um eine schwierige Narkose oder um einen schwierigen Eingriff gehandelt haben. Es waren nötig: Blutentnahme aus der Arterie (251), oxymetrische Untersuchungen (602), Gasanalyse (617), dreimal kleines Blutbild (3550), zweimal Kalium (3557), zweimal Natrium (3558), zweimal Blutgasanalyse (3710). Ich habe es überstanden. Nach 10 Tagen habe ich die Klinik verlassen, ich konnte mir diese Wohltaten nicht weiter zumuten. Natürlich habe ich mich beim Operateur schriftlich für die erfolgreiche Operation bedankt, verbunden mit einer entsprechenden Dotation, deren Empfang weder dankend noch sonstwie bestätigt wurde. Daß ein Arztbrief sechs Wochen nach dem Verlassen der Klinik bei meinen behandelnden Ärzten noch nicht vorliegt – was spielt das schon für eine Rolle!
Dr. Wolfgang Dau, Chefarzt i. R., Kohlenhof 2, 23570 Travemünde
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