ArchivDeutsches Ärzteblatt38/2003Behandlung von lokalen Knorpelschäden: Methode der Wahl noch nicht abschließend geklärt

MEDIZIN: Editorial

Behandlung von lokalen Knorpelschäden: Methode der Wahl noch nicht abschließend geklärt

Dtsch Arztebl 2003; 100(38): A-2446 / B-2042 / C-1923

Wiese, Matthias

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LNSLNS Knorpelschäden in den großen Gelenken, insbesondere der unteren Extremitäten, stellen ein bedeutendes medizinisches Problem dar. Neben steigenden Ansprüchen an die Funktionsfähigkeit der Gelenke, auch im hohen Alter, steigen die Verletzungsgefahren, zum Beispiel durch Traumen und immer rasantere Freizeitbeschäftigungen, deutlich an. Gleichzeitig hinken die diagnostischen und therapeutischen Optionen dieser Entwicklung eher hinterher. Galten noch vor wenigen Jahren derartige Verletzungen zwingend als präarthrotische Deformität, so stehen heute eine Reihe von Therapieoptionen zur Verfügung. Im Deutschen Ärzteblatt ist hierzu ein Übersichtsartikel erschienen (2). Das Fazit dieser Arbeitsgruppe lautete, dass die Verwendung von osteochondralen Transplantaten die einzige Methode sei, einen Gelenkflächendefekt mit hyalinem Gelenkknorpel wiederherzustellen und das der gebildete „hyalinartige Knorpel nach einer autologen Chondrozytentransplantation nicht die gleiche mechanische Belastbarkeit wie normaler Gelenkknorpel erreicht.“
Mit dem folgenden Artikel der internationalen Arbeitsgruppe Gaissmaier et al. aus Tübingen, Jena, Chicago, Aachen und Wien liegt jetzt eine weitere Arbeit zu diesem Themenkomplex vor. Diese Forschungsergebnisse zeigen die guten mechanischen Eigenschaften und guten klinischen Erfahrungen nach autologer Chondrozytentransplantation. Fazit dieser Arbeitsgruppe ist, das autologe Chondrozytentransplantationen, insbesondere bei größeren Knorpelschäden anderen Verfahren zur Wiederherstellung des Gelenkknorpels überlegen sind.
Insgesamt kann sicherlich die wissenschaftliche Diskussion der verschiedenen Verfahren zur Wiederherstellung von Gelenkknorpelschäden noch nicht als abgeschlossen betrachtet werden. In der Hand eines erfahrenen Anwenders sind positive Ergebnisse bei geeigneter Indikationsstellung mit beiden Verfahren zu erzielen. Dies gilt vor allem für Schäden an den Oberschenkelrollen der Kniegelenke. Bei retropatellaren Knorpelschäden, für die sich nicht alle Verfahren in gleichem Umfang eignen, sind noch einige Probleme ungelöst. Bisher ist mit keiner Technik die Versorgung von Knorpeldefekten auf dem Tibiakopf in großer Fallzahl und mit einem langen Nachuntersuchungszeitraum gelungen.
Keine langfristigen Aussagen möglich
Langfristige Untersuchungen, die verlässliche Aussagen zur dauerhaften Belastbarkeit sowohl der Knorpel-Knochen-Transplantationen als auch der autologen Chondrozytentransplantation (ACT) nach einem Beobachtungszeitraum von mehreren Jahrzehnten belegen können, liegen derzeit noch nicht vor. Auch verlässliche Aussagen, in welchem Umfange derartige Therapiemaßnahmen in der Lage sind, die sonst als sekundäre Folge auftretende Arthrose der Gelenke zu verzögern oder aufzuhalten, liegen derzeit noch nicht abschließend vor. Viele bisher publizierte Ergebnisse mit einem Untersuchungszeitraum von mehr als 10 Jahren lassen dieses jedoch erwarten und stimmen hoffnungsvoll. Als Grundlage für Therapieentscheidungen bei Knorpelschäden sollten daher zurzeit die Empfehlungen der Deutschen Gesellschaft für Unfallchirurgie (DGU) und der Deutschen Gesellschaft für orthopädische Chirurgie (DGOOC) angewendet werden (1).
Die nicht endgültig abgeschlossene wissenschaftliche Diskussion, die sich in den beiden Artikeln des Deutschen Ärzteblattes zur Therapie von Knorpelschäden des Kniegelenks widerspiegelt, darf, insbesondere auch unter steigendem Kostendruck, keinesfalls dazu führen, die notwendigen Therapiemaßnahmen zur Behandlung eines umschriebenen Gelenkknorpelschadens im Bereich des Kniegelenkes zu unterlassen; sowohl die ACT als auch die osteochondralen Transplantationen konnten bei geeigneter Indikation, trotz aller bisher noch nicht beantworteten Fragen, ihre deutliche Überlegenheit gegenüber Verfahren zeigen, die allenfalls in der Lage sind, einen mechanisch minderwertigen Faserknorpel zu erzielen. Derartige Faserknorpelbildungen stellen somit nach derzeitigem Kenntnisstand und nach den Empfehlungen der DGU und DGOOC keine adäquate Therapie dieser Defekte dar.

Manuskript eingereicht: 28. 5. 2003 , revidierte Fassung angenommen: 16. 6. 2003

zZitierweise dieses Beitrags:
Dtsch Arztebl 2003; 100: A 2446 [Heft 38]

Literatur
1. Behrens P, Bruns J, Erggelet C et al.: AG-ACT and Tissue Engineering – unter Schirmherrschaft der DGU und DGOOC. DGU – Mittelungen und Nachrichten 2002; 45: 34–41. Z Orthop 2002; 140: 132–137.
2. Werner A, Fuß M, Krauspe R: Operative gelenkerhaltende Verfahren bei Gelenkknorpelschäden. Dtsch Arztebl 2003; 100 A 546–554 [Heft 9].

Anschrift des Verfassers:
Dr. med. Matthias Wiese
Orthopädische Universitätsklinik Bochum
Gudrunstraße 56
44791 Bochum

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