ArchivDeutsches Ärzteblatt38/2003Problematik der Gewahrsamtauglichkeit: Meist unzureichende Bedingungen

MEDIZIN: Diskussion

Problematik der Gewahrsamtauglichkeit: Meist unzureichende Bedingungen

Dtsch Arztebl 2003; 100(38): A-2458

Stein, Kirsten Marion

zu dem Beitrag von Dr. med. Steffen Heide Dr. med. Dankwart Stiller Prof. Dr. med. habil. Manfred Kleiber in Heft 12/2003
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LNSLNS Seit 1999 läuft am Institut für Rechtsmedizin Heidelberg auf Anregung unserer hiesigen Polizeidirektion eine Studie zur Erarbeitung eines Untersuchungsprotokolls mit dem Ziel, zum einen den untersuchenden Ärzten eine Checkliste und Dokumentationshilfe zu geben, zum anderen um Grundlagen für die Definition der Gewahrsamsunfähigkeit zu erarbeiten. Dieses Protokoll wurde im Raum Heidelberg/Mannheim zunächst zeitlich befristet eingeführt. Es umfasst auf einer DIN-A-4-Seite mit Durchschlag im Wesentlichen den Bereich Fremd- und Eigenanamnese, körperlichen Untersuchungsbefund, psychopathologischen Befund und Verdachtsdiagnose mit dem daraus folgenden Procedere. Das Original verbleibt beim Arzt, der Durchschlag bei der Polizei. Die Auswertung des Untersuchungsprotokolls ermöglichte uns, neben Diagnosen auch Befunde zu analysieren. Dabei fiel zum Beispiel auf, dass Drogenentzug als Diagnose bereits gestellt wird, wenn lediglich anamnestische Angaben vorliegen, ohne dass Entzugssymptome beschrieben werden.
Tatsächlich muss die Begutachtung des Arztes meist unter ungünstigen und unzureichenden Bedingungen erfolgen. Er muss, und das ist meiner Meinung nach in der Arbeit von Heide nicht deutlich genug zum Ausdruck gekommen, zwei wesentliche Fragen beurteilen:
« Wird sich der Gesundheitszustand des zu Untersuchenden bei Unterbringung in einer Gewahrsamszelle unvertretbar verschlechtern? (Zum Beispiel Aspiration bei Intoxikation, Eintrübung bei Schädel-Hirn-Trauma, Beschwerden, die sich alleine durch die körperliche Untersuchung nicht ausreichend abklären lassen, wie zum Beispiel Infarktverdacht.) In diesem Fall bedarf es der Klinikeinweisung. Auch die regelmäßige Überprüfung der Vitalfunktionen ist keine Aufgabe des Polizeibeamten. Aus Erfahrung wissen wir, dass vom Laien Schnarchen und Schnappatmung oft nicht unterschieden werden kann.
¬ Werden die medizinischen Gründe für die Gewahrsamsnahme (zum Beispiel Psychose oder Suizidalität) nach Beendigung des Gewahrsams tatsächlich entfallen sein? Wenn nicht, ist hier eventuell eine Unterbringung in einer psychiatrischen Einrichtung entsprechend der Ländergesetzgebung erforderlich.
Eine Selbstverständlichkeit sollte es auch sein, dass Gewahrsamsuntersuchungen ausschließlich von erfahrenen und in diesem Bereich geschulten Ärzten durchgeführt werden, keinesfalls sollte man AiP’ler oder Berufsanfänger mit dieser Aufgabe betrauen.
Unser Ziel ist es, und auch hier stimmen wir der Hallenser Arbeitsgruppe zu, mit den Länderinnenministerien, der Polizei und der Ärzteschaft eine verbindliche Definition der Gewahrsamsunfähigkeit zu erarbeiten. Die Etablierung eines einheitlichen Untersuchungsbogens scheint mir in diesem Zusammenhang sinnvoll.

Dr. med. Kirsten Marion Stein
Institut für Rechtsmedizin und Verkehrsmedizin
im Klinikum der Universitätsklinik Heidelberg
Voßstraße 2
69115 Heidelberg

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