ArchivDeutsches Ärzteblatt38/2003Problematik der Gewahrsamtauglichkeit: Schlusswort

MEDIZIN: Diskussion

Problematik der Gewahrsamtauglichkeit: Schlusswort

Dtsch Arztebl 2003; 100(38): A-2458

Heide, Steffen

zu dem Beitrag von Dr. med. Steffen Heide Dr. med. Dankwart Stiller Prof. Dr. med. habil. Manfred Kleiber in Heft 12/2003
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LNSLNS Frau Kollegin Stein empfiehlt die Verwendung einer Checkliste mit Fremd- und Eigenanamnese, körperlichem Untersuchungsbefund, psychopathologischem Befund sowie Verdachtsdiagnose. Die Etablierung einer mehr oder minder verbindlichen „Checkli-
ste“ mit Anforderungen, die nur im „Idealfall“ zu erfüllen sind, birgt forensische Risiken für den Untersucher und wird der alltäglichen (allnächtlichen) Praxis nicht gerecht. Die Untersuchung zur Gewahrsamstauglichkeit ist aus unserer Sicht eine symptomorientierte Ad-hoc-Stellungnahme, bei der der konkrete Einzelfall und sich eventuell daraus ergebende Auflagen für die Gewahrsamsnahme im Vordergrund stehen. Im Ergebnis der Untersuchung ist eine klare Stellungnahme erforderlich, wobei diese an bestimmte Bedingungen gebunden sein kann, wie zum Beispiel Anforderungen an die Überwachung, Unterbringung, Nahrungsaufnahme und Medikamenteneinnahme (2).
Auf die Schwierigkeiten einer vollständigen Anamneseerhebung wurde von uns hingewiesen. Auch Elsing et al. (1) betonen, dass gerade bei intoxikierten, bewusstseinsgetrübten Patienten eine Eigenanamnese oft nicht zu erheben ist. Die Erstellung eines vollständigen psychopathologischen Befundes bleibt einer fachpsychiatrischen Exploration vorbehalten. Die empfohlene bundesweite Etablierung eines einheitlichen Untersuchungsprotokolls wäre zwar begrüßenswert, jedoch erscheint sie wegen der Zuständigkeit der Ländergesetzgebung schwer erreichbar. Zu beachten sind hierbei auch durchaus unterschiedliche lokale Voraussetzungen im Polizeigewahrsam mit entsprechenden Untersuchungs- und Konsultationsmöglichkeiten. Wichtig ist für den Arzt auch zur persönlichen Absicherung jedoch eine exakte, fallbezogene Dokumentation.
Von der Autorin wird angemerkt, dass die Frage, ob sich der Gesundheitszustand des Probanden bei Unterbringung in einer Gewahrsamszelle unvertretbar verschlechtern wird, nicht deutlich genug zum Ausdruck gekommen sei. Dabei kann die Beurteilung unter den eingeschränkten Bedingungen und diagnostischen Möglichkeiten aber eben nur auf einer Momentaufnahme des Zustandes beruhen. Um ein bestimmtes, niemals auszuschließendes Risiko (zum Beispiel Aspiration, gravierende Entzugssymptome et cetera) vertretbar zu minimieren, sollte es sich bei der Feststellung der Gewahrsamstauglichkeit eben nur um eine „Kurzzeitprognose“ handeln. Jeder verantwortungsvolle Arzt muss einräumen, dass er selbst unter optimalen Bedingungen nicht konkret voraussehen kann, ob und welche Komplikationen eintreten. Da das Spektrum der Symptome und Krankheiten breit gefächert ist, arbeiten im Hallenser Team Fachärzte verschiedener Fachrichtungen (wie Rechtsmedizin, Psychiatrie, Innere Medizin), die sich in Fallkonferenzen weiterbilden und gegenseitig auch als Konsilar zur Verfügung stehen.
Die Forderung, die regelmäßige Kontrolle der Vitalfunktionen nicht den Polizeibeamten zu überlassen, sondern sie als ärztliche Aufgabe zu etablieren, ist unrealistisch, da nur vereinzelt zentrale, medizinisch überwachte Ausnüchterungseinheiten existieren. Falls durch den medizinischen Laien (Polizeibeamten) bei den Routinekontrollen eine deutliche Veränderung der Symptomatik festgestellt wird, muss eine erneute Arztkonsultation erfolgen.
Frau Kollegin Stein hat außerdem die Frage aufgeworfen, ob medizinische Gründe für die Gewahrsamsnahme (zum Beispiel Psychose oder Suizidalität) nach Beendigung des Gewahrsams tatsächlich entfallen. In Halle erfolgt jedenfalls keine polizeiliche Gewahrsamsnahme ausschließlich aus medizinischen Gründen. Bei Feststellung akuter Suizidalität wird eine umgehende stationäre Behandlung gegebenenfalls mit Einweisung nach dem PsychKG angestrebt.
Die Reaktion auf unseren Bericht zeigt, dass zur Problematik der Gewahrsamstauglichkeit durchaus Diskussionsbedarf besteht. Wir hoffen, dass dieser Thematik auch von ärztlicher Seite mehr Aufmerksamkeit zuteil wird und eine Etablierung einheitlicher Kriterien ermöglicht wird.

Literatur
1. Elsing C, Schlenker T, Stremmel W: Haft- und Gewahrsamsfähigkeit aus internistischer Sicht. Dtsch Med Wochenschr 2001; 126: 1118–1121.
2. Pedal, Wenzel: Die ärztliche Gewahrsamsfähigkeitsuntersuchung. Ärzteblatt Sachsen-Anhalt 2001; 2: 48–50.

Dr. med. Steffen Heide
Institut für Rechtsmedizin
Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg
Franzosenweg 1, 06112 Halle/Saale

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