ArchivDeutsches Ärzteblatt38/2003Luciano Pavarotti: Ende einer Ära?

VARIA: Feuilleton

Luciano Pavarotti: Ende einer Ära?

Dtsch Arztebl 2003; 100(38): A-2460 / B-2054 / C-1935

Juds, Bernd

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Foto: ddp
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Der Auftritt des italienischen Sängers in der Deutschen Oper Berlin wurde mit Standing Ovations belohnt.

Wenn die Muse den Großen des Gesanges langsam den Finger auf den Mund legt oder den Dirigierstab schwerer werden lässt, geschieht das auf die sanfteste Weise: da wird beim Belcanto eine Fermate kürzer und die Kongruenz mit dem Orchester geringer; da nehmen die Maestri am Pult Platz oder dirigieren nur mit der Rechten, während sie sich mit der Linken aufs Pultgitter stützen. (Nur Alfredo Kraus, der unverwüstliche Siebziger, sang in Berlins Deutscher Oper bei vollster Kraft bis ins unmittelbare Finale seines Sängerlebens.) Beim Großen P sind es die vielen Sitzmöbel, welche die Bühnenbildner aufstellen, um den Belcanto-Marathon unauffällig zu erleichtern: Kleinere Korrekturen am Gerüst von Cavaradossis Malerwinkel in der Kirche Sant’Andrea – oder jene unfallverhütenden Sandsäcke, auf die sich der revolutionär gesinnte Held nach seiner Exekution auf der Terrasse der Engelsburg in Rom fallen lässt.
Dennoch ist alles groß, erhaben und voller Dankesbezeugungen, wenn Berlin seinen (seltenen) Gast feiert. Diesmal jedenfalls wurde es ein – noch immer erhebendes – Fest der Stimmen, bei dem der singende Hohepriester aus Modena unter Daniel Orens geduldig stützender Stabführung Arie um Arie zelebriert. Zuletzt stand er 1988 als Nemorino im „Liebestrank“ auf Götz Friedrichs Weltklasse-Bühne, die auch in diesen Tagen wieder drangsaliert wird, weil ihr und den anderen Häusern das unmusikalisch regierende Streich-Orchester den Marsch blasen und neue Flötentöne beibringen möchte. Da steht nun also der Gesangs-Hüne – herrlich wie 1985, als er und Domingo innerhalb einer Woche in diesen schönen alten Kulissen und Kostümen von Filippo Sanjust den Cavaradossi sangen – in dieser grandiosen 69er-Inszenierung von Alt-Intendant Boleslaw Barlog. Sie gehört zu den absoluten Rennern des Hauses: 301 Aufführungen in mehr als drei (meist subventionsgefetteten) Jahrzehnten, der akustische und bühnenoptische Liebling der Berliner. Und so trat denn auch zu Beginn der Gala noch ein letztes Mal Intendant Udo Zimmermann vor den Vorhang, um dieses „Kunstwerk von einem Bühnenbild“ zu loben (welch ein Gegensatz zu den verkorksten Bühnenbildern seiner zu Ende gehenden Ära!), um Pavarotti willkommen zu heißen und ernst auf die gleichzeitig laufenden „Beratungen der Politiker“ und die „kursierenden Gerüchte um die drei Opernhäuser“ hinzuweisen. Im Weihrauchduft von Sant’ Andrea „steigt“ Pavarotti dann zwar nicht auf das im Libretto vorgeschriebene Malergerüst – er residiert davor, wirft dem Mesner das „Dammi i colori“ hin und mischt die Farben. Und schon glüht das „Recondita armonia“ von den sich gleichenden Bildern auf, und der Künstler preist die schwarzen Augen seiner „amore“, seiner Tosca. Die schwebt mit schönen Alt-Tönen (Eliane Coelho) herein und entfaltet dann ihren imponierenden Sopran an der Seite des Legendentenors. Dann erscheint Scarpia, der Capo della Polizia (Juan Pons), und dominiert neben und vor dem Stargast mit brünstigen Heucheleien und Gunstbezeugungen für die Titeldame. Und später, als dann der serbische Bass Miomir Nikoli´c mit verängstigter Gendarmenstimme den Sieg Napoleons meldet, bricht Pavarotti in ein revolutionsbegeistertes „Vittoria“ aus, das die Berliner prompt zu einem Bravosturm mitten im Gesang hinreißt. Und, schließlich, im Finalakt, preist er das „geliebte Leben“ etwas weniger heroisch, die Arie von den „blitzenden Sternen“ gerät eher liedhaft und introvertiert. Ja er liebt, er ist „la vita“ – dieser Pavaradossi...! Gewehrsalven. Sturz auf die Sandsäcke. Finalforti der Blechbläser. Standing Ovations.
Er wird trotz der sturzgemilderten Berliner Exekution auf der Terrasse der Engelsburg weiter singen und seinem Weltpublikum noch einige Zeit treu bleiben – zum Beispiel 2004 als Cavaradossi in New York. Dann, vielleicht, bald Liederabende für den heute und hier neu entdeckten „Lyriker“? Draußen, vor der Oper, an der Bismarckstraße steht jenes Mahnmal von Alfred Hrdlicka gegen alle modernen Scarpias und Schießfreudigen, die noch immer das vermeintlich Böse jagen und Cavaradossis exekutieren. Selbst wenn sie – wie der vor einem Menschenalter dort erschossene Student Benno Ohnesorg – nicht mal Revolutionäre sind.
Die Passanten gehen vorüber, sehen neben dem Denkmal das Foto Pavarottis in einem weggeworfenen Opern-Journal. Eine schwäbelnde Reiseleiterin sagt zu ihrer Gruppe: „Isch des net der Iwan, der Rebroff?“ Die große Ära P geht, allmählich, zu Ende. Bernd Juds
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