ArchivDeutsches Ärzteblatt38/2003zum Markt: Schwatzbasen und Leisetreter

VARIA: Schlusspunkt

zum Markt: Schwatzbasen und Leisetreter

Dtsch Arztebl 2003; 100(38): [72]

Rombach, Reinhold

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LNSLNS Fachleute sind sich einig: „Die Baisse ist vorüber.“ Nahezu einhellig versicherten Aktienexperten, darunter 15 Chefstrategen der größten Banken Deutschlands, Anfang September, dass die Zeit der Leiden nun vorbei sei.
Prima, prima. Auch die Begründungen, warum dem so sei (Konjunktur, Unternehmensgewinne) lesen sich plausibel. Nur, wo sind diese Stimmen gewesen, als der DAX noch im März 2003 bei 2 000 Punkten stand? Damals rieten die meisten Bankberater vom Einstieg in Aktien schreckhaft ab.
Sich (erst) nach einer Kurserholung von fast zwanzig Prozent seit Januar und exorbitanten 80 Prozent, auf den Tiefstand im Frühjahr bezogen, fröhlich zu Wort zu melden und weitere DAX-Avancen zu prognostizieren ist verführerisch, verständlicherweise, gleichwohl aber gefährlich.
Es kann durchaus sein, dass viele Leute mal wieder auf dem falschen Fuß erwischt werden, wenn sie jetzt einsteigen. Die Rückschlaggefahr ist enorm hoch, da auf dem erreichten Tableau die Aktienkurse durchaus nicht mehr niedrig sind. Wer hat nicht leidvoll erlebt, wie sich in der Vergangenheit das Verhältnis von Vorhersage (bei einem DAX von 8 000) und Realität völlig konträr entwickelte.
Was nun? Wer in Anlagenotstand ist, dem hilft die Schelte zur Prognosequalität der Auguren nur insoweit weiter, sich über die schnelle Halbwertszeit trompetenhaft ausgestoßener Jubelarien im Klaren zu sein, wiewohl auch verstocktes Bankberater-Schweigen (bestenfalls das Reinjagen in Fonds, Stichwort: Total Return) bloß nicht als Aufruf zur eigenen Nichtaktivität missverstanden werden darf. Wichtig ist überdies, sich gründlich hinter die Ohren zu schreiben, dass die veröffentlichte (herrschende) Meinung über Geld und Börse bestenfalls der bescheidene Versuch ist, ein Momentum zu beschreiben, dem die Langfristigkeit in aller Regel ziemlich abgeht.
Aus alledem resultiert zuvorderst die Anlageregel der Bescheidenheit und der Konsequenz. Clevere Geldfüchse legen sich sowieso ein Online-
portfolio zu (zum Beispiel comdirect, Diraba) und kaufen ihre Einzelwerte selber, sie sparen damit enorme Wertpapierspesen und durch diese Form der Direktanlage erst recht immense Fondsgebühren.
Eine gesunde Mischung zwischen Aktien und Renten lässt diese Strategie als prima Altersvorsorge erscheinen. Wer in aller Ruhe über Jahre hinweg ein Depot mit fünf oder sechs Standardwerten (etwa Deutsche Post, Bayer, Allianz, Lufthansa, Deutsche Telekom, RWE) aufbaut und immer in gleichen Tranchen zukauft, egal, wie die Wetterfahnen flattern, sich im Übrigen um kurzfristige Trends nicht kümmert, wird vermutlich weit besser abschneiden als so manche Schwatzbasen und Leisetreter.
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