ArchivDeutsches Ärzteblatt39/2003Reformbereitschaft: Große Skepsis

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Reformbereitschaft: Große Skepsis

Dtsch Arztebl 2003; 100(39): A-2469 / B-2061 / C-1941

Rabbata, Samir

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LNSLNS Deutschland braucht Reformen. Davon sind nicht nur Politiker, Unternehmer und Wirtschaftswissenschaftler überzeugt, sondern mittlerweile auch die überwiegende Zahl der Bundesbürger. Deren Reformbereitschaft ist so groß wie nie zuvor. Das ergab eine Umfrage des Allensbach-Instituts im Auftrag des Wirtschaftsmagazins „Impulse“.
Die Bürger, so scheint es, finden sich damit ab, dass der umfassende Sozialstaat von einst nicht länger zu halten ist. Vor zehn Jahren waren noch 53 Prozent der Bevölkerung überzeugt, dass eine umfassende staatliche soziale Absicherung auch ohne hohe Steuern und Abgaben möglich ist, eine Fiktion, der heute nur noch 35 Prozent anhängen.
Ernüchterung hat sich breit gemacht. Und mit ihr die wehmütige Einsicht in die Notwendigkeit tief greifender Einschnitte, zu denen man persönlich aber nur zögerlich bereit ist. Dies gilt insbesondere für die Gesundheitsversorgung. So verbinden sich mit einer Ausweitung der Selbstbeteiligung im Kran­ken­ver­siche­rungsbereich große Ängste. Kaum ein Begriff ist den Deutschen vergleichbar unsympathisch (78 Prozent) wie „Selbstbeteiligung bei Krankheitskosten“, sagt Allensbach-Chefin Renate Köcher. Auch die geplante Gesundheitsreform wird mit großer Skepsis gesehen. 71 Prozent der rund 3 500 Befragten glauben nicht, dass die Kassenbeiträge sinken werden.
Generell leidet die Akzeptanz von Reformen unter Zweifeln an ihrem positiven Nutzen. Von Reformfrust kann aber trotz der ablehnenden Haltung gegenüber der eher auf Kostendämpfung ausgerichteten Gesundheitsreform keine Rede sein. Der Wähler verlangt allerdings nach einem zukunftsweisenden Gesamtkonzept, dann werden auch finanzielle Mehrbelastungen zähneknirschend hingenommen.
Mitunter ist der Bürger sogar weiter, als es die Politik vermutet. So halten ganze 57 Prozent der Befragten die mit zahlreichen Einschnitten verbundene Agenda 2010 für nicht ausreichend. Die Bundesregierung täte gut daran, diese Chance zu nutzen und schnellstmöglich weitere Ziele ihrer Politik zu definieren. Dabei lässt sich auch eine Debatte über die Neustrukturierung des Kran­ken­ver­siche­rungssystems nicht länger unterdrücken. Der Bürger ist zu Reformen bereit, wenn man ihm sagt, wohin die Reise geht. Samir Rabbata
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