ArchivDeutsches Ärzteblatt39/2003Deutscher Apothekertag: Zwischen Kater- und Aufbruchstimmung

POLITIK

Deutscher Apothekertag: Zwischen Kater- und Aufbruchstimmung

Dtsch Arztebl 2003; 100(39): A-2477 / B-2067 / C-1947

Korzilius, Heike

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LNSLNS Die Apotheker fühlen sich von der Gesundheitsreform hart getroffen.
Mehrbesitz und Arzneiversand sind beschlossene Sache. Mit Konzepten wie dem des home service und der Hausapotheke will man nun die eigene Position festigen.

Mit dem Motto „Herausforderung annehmen – Zukunft gestalten“ mochte sich mancher Delegierte des Deutschen Apothekertages nicht so recht anfreunden. „Der Allparteienkonsens hat bei uns Fassungslosigkeit und Bestürzung hervorgerufen“, fasste der Präsident der ABDA – Bundesvereinigung deutscher Apothekerverbände, Hans-Günter Friese, die Reaktionen auf den Gesetzentwurf zur Gesundheitsreform zusammen. Bis zuletzt hatte der Verband vergeblich für den Fortbestand des Versandhandelsverbots für Arzneimittel und des Mehrbesitzverbots für Apotheken gekämpft. Der Reformkompromiss von Regierungskoalition und Union – die noch vor kurzem ganz im Sinne der Apotheker argumentiert hatte – sieht nun vor, das generelle Mehrbesitzverbot aufzuheben. Künftig kann jeder Apothekeninhaber bis zu drei Filialen im selben oder benachbarten Kreis betreiben. Der Fremdbesitz bleibt dagegen weiterhin verboten. Unter Auflagen erlaubt wird der Versandhandel mit Arzneimitteln. Voraussetzung ist, dass er aus einer öffentlichen Apotheke mit behördlicher Erlaubnis betrieben wird. Auch für Versandapotheken gilt die Arzneimittelpreisverordnung, auch sie müssen die Patientenzuzahlung erheben.
„Wir müssen diese Herausforderungen offensiv und geschlossen annehmen“, appellierte ABDA-Präsident Friese in seiner Eröffnungsrede am 18. September an die großenteils wenig begeisterten Delegierten. Bleibe es beim begrenzten Mehrbesitz und würden die Gesetze eingehalten, sei dies „eine überschaubare Angelegenheit“, so Friese. Zum Thema Arzneiversand erklärte er: „Wir haben diese Entscheidung nicht gewollt, aber wir sind vorbereitet.“ Die Antwort des Verbandes: Über die Homepage www.aponet.de könnten seit dem 18. September Apothekenkunden jedes in Deutschland zugelassene Arzneimittel online aus der von ihnen gewählten Apotheke bestellen. Geliefert werde das Präparat durch die Mitarbeiter einer wohnortnahen Apotheke noch am selben Tag. „Mit diesem home service binnen weniger Stunden sind wir allemal schneller, für den Kunden bequemer und garantiert sicherer als der unpersönliche Versand“, betonte Friese mit Blick auf die unliebsame Konkurrenz à la DocMorris, eine niederländische Versandapotheke, die offensiv auf den deutschen Markt drängt.
Ende der „Rosinenpickerei“
Um die Konkurrenzfähigkeit der klassischen Einzelapotheke zu verbessern, setzt die ABDA auf eine Änderung der Arzneimittelpreisverordnung, die ebenfalls Teil der anstehenden Gesundheitsreform ist. Das so genannte Kombi-Modell koppelt das Honorar der Apotheker vom Einkaufspreis ab. Bislang verdienten die Apotheker umso mehr, je teurer ein Medikament war – was das hochpreisige Segment für „Rosinenpicker“ interessant machte. Stattdessen erhält der Apotheker künftig einen dreiprozentigen Aufschlag auf den Einkaufspreis sowie einen Festzuschlag von 8,10 Euro je Packung. Der vorgeschriebene Rabatt für die gesetzlichen Krankenkassen beträgt einen Euro. Diese „fundamentale Neuregelung“ (Friese) beurteilte ein großer Teil der Basis in der gesundheitspolitischen Debatte weit weniger optimistisch als der ABDA-Vorstand.
Sorge bereitet den Apothekern auch die vorgesehene Preisfreigabe bei nicht-verschreibungspflichtigen Medikamenten. Allerdings sei es in den Ländern, die dies bereits umgesetzt hätten, nicht zu dramatischen Preiseinbrüchen gekommen, erklärte ABDA-Hauptgeschäftsführer Prof. Dr. Rainer Braun. Bei rationaler Kalkulation schließt er einen solchen Effekt auch in Deutschland aus. „Der Berufsstand sollte sich hüten, durch unvernünftige Preiskalkulation die Ware Arzneimittel zu kommerzialisieren“, mahnte Braun – soll heißen: Man sollte sich nicht gegenseitig durch Preisdumping ruinieren.
Als Angebot betrachtet ABDA-Präsident Friese die Neuregelungen zur integrierten Versorgung, die die Apotheker ausdrücklich miteinbeziehen. Danach können künftig beispielsweise Vereinbarungen zur pharmazeutischen Betreuung durch Vertrags- oder Hausapotheken getroffen werden – ausgeschlossen bleiben aber, ganz im Sinne der Apotheker, Einzelverträge über den Preis.
Sowenig sich auch die Vorstellungen der Apotheker in der Gesundheitsreform wiederfinden, versuchte doch ABDA-Präsident Friese seinen Kolleginnen und Kollegen die Krise als Chance zu zeichnen. „Stecken wir den Kopf nicht in den Sand, sondern gehen wir die Herausforderungen offensiv an und gestalten unsere Zukunft mit unseren wettbewerbsfähigen und wettbewerbsüberlegenen Angeboten“, forderte er die Delegierten auf. Angesichts heftiger Kritik an der Interessenvertretung mahnte er gleichzeitig zur Geschlossenheit, denn nur so ließen sich die künftigen Herausforderungen meistern. Die Parlamentarische Staatssekretärin im Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter­ium, Marion Caspers-Merk, ließ keinen Zweifel daran, dass den Apothekern gar nichts anderes übrig bleibt, als diese bittere Pille zu schlucken: „Wir haben entschieden. Das Reformgesetz war ein schwieriger Kompromiss, und wir stehen zu all seinen Facetten.“ Heike Korzilius
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