ArchivDeutsches Ärzteblatt39/2003Komitee Ärzte für die Dritte Welt: „Dahinter stand wilde Entschlossenheit“

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Komitee Ärzte für die Dritte Welt: „Dahinter stand wilde Entschlossenheit“

Korzilius, Heike

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Einsatz in Kalkutta: Die Hamburger Kinderärztin Dr. med. Marie Coen begleitet das Projekt seit seinen Anfängen 1984. Foto: Uli Reinhardt
Einsatz in Kalkutta: Die Hamburger Kinderärztin Dr. med. Marie Coen begleitet das Projekt seit seinen Anfängen 1984. Foto: Uli Reinhardt
Seit 20 Jahren leisten Ärzte – viele während ihres Jahresurlaubs – medizinische Hilfe in den Slums der Entwicklungsländer. Die Idee dieser Kurzzeiteinsätze hat sich offenbar bewährt.

Ärztinnen und Ärzte können auch dann sinnvoll Hilfe leisten, wenn sie sich nicht langfristig an ein Hilfsprojekt binden können. Erlebnisse in Somalia hatten den Jesuitenpater Bernhard Ehlen in dieser Überzeugung so bestärkt, dass er am 10. September 1983 zusammen mit zehn Ärztinnen und Ärzten die Hilfsorganisation „Ärzte für die Dritte Welt“ ins Leben rief. „Dahinter stand wilde Entschlossenheit“, betonte Dr. med. Lothar Watrinet, ehemaliges Vorstandsmitglied des Komitees, anlässlich der Feier zum 20-jährigen Bestehen in Troisdorf. Im Vordergrund sollte die ärztliche Versorgung stehen, zu der die Ärmsten der Armen in der Regel keinen Zugang haben. Die Idee: Eingebettet in örtliche Basisstrukturen, behandeln die „German doctors“ in sechswöchigen Kurzzeiteinsätzen mittellose Patienten. „Für seine 6-Wochen-Idee ist Bernhard Ehlen damals viel kritisiert worden“, sagte Watrinet. Doch für Kontinuität und eine möglichst reibungslose Eingliederung in die Projekte sorgten die festen einheimischen Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen.
Seit seiner Gründung waren rund 1 700 Mediziner in den Elendsvierteln der Entwicklungsländer für das Komitee im Einsatz – ein Drittel der Helferinnen und Helfer waren Ruheständler, die übrigen opferten in der Regel ihren Jahresurlaub für die sechswöchigen Hilfseinsätze. Sie alle arbeiten unentgeltlich und beteiligen sich mindestens zur Hälfte an den Flugkosten. Auch vor Ort in den derzeit acht Hauptprojekten in Kalkutta, Manila und Mindanao/Philippinen, Dhaka und Chittagong/Bangladesh sowie in Nairobi und Caracas wohnen die Mitarbeiter dort, wo sie arbeiten. „Man geht nicht ins Grand Hotel“, beschreibt Dr. med. Ralf Jackmuth aus Leverkusen seinen Einsatz für das Komitee in Kalkutta. In den dortigen Slum-Bezirken arbeiten inzwischen durchgängig sechs Ärzte, die zwei Ambulanzen und eine so genannte mobile clinic betreiben. „Wir haben mitten im Slum gelebt. Der Lärm war unbeschreiblich.“ Mit zwei Duschen, sofern es Wasser gab, und einer Köchin, die auf dem Fußboden kochte, hätten die Ärzte für dortige Verhältnisse jedoch immer noch relativ komfortabel gewohnt. Jackmuth ist niedergelassener Allgemeinarzt. Während seiner bislang drei Einsätze für das Komitee „Ärzte für die Dritte Welt“ hat sein Praxispartner ihn vertreten. Ein zusätzlicher Urlaub kam nicht in Betracht. Auf die Frage nach seiner Motivation für die Hilfseinsätze sagt er: „Der Gewinn ist in jedem Fall größer als der Einsatz.“ Die Freude der Menschen, denen man habe helfen können, die Erfahrungen mit einer anderen Kultur, die Arbeit im Team seien eine persönliche Bereicherung. „Auch die Alltagsprobleme hier in Deutschland relativieren sich“, fügt er hinzu.
„Man kann süchtig werden nach humanitärer Arbeit. Sie bereitet auch eine rein egoistische Freude“, betonte Christel Neudeck, ehemaliges Vorstandsmitglied von Cap Anamur, in ihrer Laudatio beim Festakt in Troisdorf. Die Zahlen sprechen für sich: Fast jede Dritte der Ärztinnen und Ärzte, die für das Komitee im Einsatz waren, ist ein „Wiederholungstäter“.
„Aber“, so Watrinet, „rein medizinische Hilfe reicht nicht aus. Die Armut muss bekämpft werden.“ Von daher finanziert und unterstützt die Hilfsorganisation auch ausschließlich entwicklungspolitisch orientierte Partnerprojekte, um so die humanitäre Hilfe der Ärzte in nachhaltige Verbesserungen des Umfelds einzubetten. Dazu gehört der Bau und Unterhalt von Schulen ebenso wie das Bohren von Brunnen oder der Bau von sanitären Anlagen.
Heike Korzilius
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