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Nachgefragt

Dtsch Arztebl 2003; 100(39): A-2497 / B-2085 / C-1964

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Foto: privat Prof. Dr. phil. Robert Jütte, Leiter des Instituts für Geschichte der Medizin der Robert Bosch Stiftung
Foto: privat Prof. Dr. phil. Robert Jütte, Leiter des Instituts für Geschichte der Medizin der Robert Bosch Stiftung
DÄ: Die 1869 mit der Einbeziehung in die Gewerbeordnung angestrebte Lösung von staatlicher Bevormundung – war dies für die Ärzteschaft ein notwendiger Schritt hin zur Professionalisierung des Berufsstandes?
Prof. Jütte: Überspitzt formuliert: Ohne die Einbeziehung in die Gewerbeordnung, für die sich damals Ärzte wie Rudolf Virchow und andere einsetzten, wäre die Professionalisierung in Deutschland sicherlich anders und langsamer verlaufen. Sie erfüllte die lang gehegten Wünsche nach Niederlassungsfreiheit und nach Abschaffung der Medizinaltaxen. Damit war der Weg geebnet zu einer freien Vereinbarung des Honorars – ein auch heute noch durchaus geschätztes Privileg in der ärztlichen Privatpraxis.

DÄ: Welchen Stellenwert hatte die sich über Jahrzehnte hinziehende Auseinandersetzung der Ärzte mit der „Kurpfuscherfrage“ für die Durchsetzung beruflicher Autonomie?
Prof. Jütte: Gerade die seit den 1870er-Jahren mit Vehemenz geführte Debatte über die „Kurpfuscherfrage“ zwang die deutsche Ärzteschaft, ihre Reihen zu schließen und Kriterien für die Zulassung als Arzt beziehungsweise für den Entzug der Approbation festzulegen. Dazu gehört auch der Aufbau einer Ehrengerichtsbarkeit, welche die Verbindlichkeit ärztlicher Verhaltensnormen sicherstellen half.

DÄ: Auch wenn die Ärzte das Ziel einer deutschen Ärzteordnung zunächst nicht umsetzen konnten – wie erfolgreich konnten sie sich vor dem Ersten Weltkrieg in der Gesellschaftsordnung positionieren?
Prof. Jütte: Trotz der Ablehnung einer reichsweiten Ärzteordnung durch Bismarck gelang es den ärztlichen Standesvertretern, in der Mehrzahl der Länder des Deutschen Reiches bereits vor dem Ersten Weltkrieg beachtliche Mitspracherechte im Medizinalwesen und weitgehend berufliche Autonomie durchzusetzen; dazu gehört unter anderem auch die Verdrängung der Medizinalbeamten aus der Privatpraxis. Dieser Erfolg war nicht zuletzt dem Aufschwung des ärztlichen Vereinswesens im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts sowie der zunehmenden Bereitschaft der deutschen Ärzteschaft, sich zu organisieren, geschuldet, wenngleich auch Streitigkeiten und Richtungskämpfe innerhalb des Standes die Wahrnehmung ärztlicher Interessen oft erschwerten.
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