ArchivDeutsches Ärzteblatt39/2003Berliner Medizinhistorisches Museum: Schaufenster der Charité

VARIA: Feuilleton

Berliner Medizinhistorisches Museum: Schaufenster der Charité

Dtsch Arztebl 2003; 100(39): A-2527 / B-2109 / C-1986

Schnalke, Thomas

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Die Entwicklung der Medizin in den letzten vier Jahrhunderten wird am Beispiel Berlins dargestellt.

Rudolf Virchow übernahm 1856 das neu geschaffene Ordinariat für Pathologie an der Berliner Universität auf dem Gelände der Charité. In der Folgezeit baute er das bei seinem Amtsantritt bereits vorhandene, etwa 1 500 Objekte umfassende Präparate-Kontingent bis 1890 zu einem Bestand von 19 000 Objekten aus. Sein Ziel war es, jede
damals bekannte Krankheit nicht nur mit einem typischen Präparat, sondern auch in ihrem charakteristischen Verlauf durch mehrere Organstudien zu dokumentieren.
Virchows Gesuch, für seine Sammlung ein eigenes Museum errichtet zu bekommen, griff das Ministerium 1893 auf und beschloss darüber hinaus den kompletten Neubau des Pathologischen Instituts in drei einzelnen Gebäudetrakten. Der erste Baukörper – das Museum – wurde 1899 fertig gestellt und eingeweiht. Zwei Jahre später konnte Virchow im Hörsaal des Museums seinen 80. Geburtstag feiern. Auf fünf Etagen befanden sich zu diesem Zeitpunkt 20 833 Präparate, dicht gedrängt in große helle Vitrinen eingestellt. Die gesamte Ausstellungsfläche von 2 000 Quadratmetern gliederte sich in drei Geschosse für die Lehr- und Studiensammlung sowie in zwei Ausstellungsebenen, die Virchow bewusst der Öffentlichkeit zugänglich machte. Sein aufklärerischer Gedanke war, mithilfe derartiger Anschauungsstücke das Wissen um Gesundheit und Krankheit zu mehren.
Die Nachfolger Virchows pflegten den großen Sammlungsbestand weiter, der kurz vor dem Zweiten Weltkrieg auf eine Höchstzahl von rund 26 000 Präparate anwuchs. Durch die Bombenschäden in den Jahren 1944/45 musste die Sammlung Verluste hinnehmen. Eine Schätzung nach dem Krieg ergab, dass nur etwa 2 500 Objekte das Inferno überdauert hatten. Ein Dachstuhlbrand im Jahre 1957 dezimierte die Zahl der älteren Stücke nochmals beträchtlich. Seit den späten 40er-Jahren bauten die Fachvertreter für Pathologie an der Charité die Sammlung wieder auf.
Rudolf Virchow baute das bereits vorhandene Präparatekontingent zu einem Bestand von 19 000 Objekten aus.
Rudolf Virchow baute das bereits vorhandene Präparatekontingent zu einem Bestand von 19 000 Objekten aus.
Der Wunsch, diese Sammlung teilweise der Öffentlichkeit erneut zugänglich zu machen, nahm Ende der 70er-Jahre konkretere Formen an. Die ersten Schauvitrinen standen auf den Fluren des Instituts für Pathologie, im Verbindungsgang zwischen Pathologie und Museumsgebäude sowie in einigen kleineren Zimmern des Museumstraktes. Eine entscheidende Ausweitung erfuhr der Museumsgedanke nach der Wende in den frühen 90er-Jahren. Zusammen mit den Vertretern der Berliner Institute für Geschichte der Medizin wurde die Idee entwickelt, das Museumshaus in seine ursprüngliche Gestalt zurückzubauen, um es künftig als ein Berliner Medizinhistorisches Museum nutzen zu können. Damit verbindet sich der Anspruch, die Entwicklung der Medizin in den letzten vier Jahrhunderten am Beispiel Berlins darzustellen. Als Schaufenster der Charité soll das Museum darüber hinaus immer wieder Synthesen zwischen den historischen Wurzeln und der aktuellen medizinischen Forschung, Lehre und Krankenversorgung präsentieren.
Auf diesem Weg wurden bereits wichtige Weichen gestellt: Im Jahr 1994 präsentierten Christo und Jeanne-Claude der Öffentlichkeit in der Ruine des ehemaligen Virchow-Hörsaals im Museum ihr Projekt der Reichstagsverhüllung. Am 25. März 1998 eröffnete das Museum die erste Dauerausstellungsebene. Zu sehen sind dort insbesondere knapp 1 000 Feucht- und Trockenpräparate aus den Beständen der inzwischen wieder auf etwa 10 000 Objekte angewachsenen Präparate-Sammlung.
Zurzeit werden die Weichen für die Zukunft des Museums gestellt. In einer zweiten Ausbauphase erhielt das Museum im Jahr 2002 eine Ausstellungsebene, die vorrangig für Sonderausstellungen genutzt werden soll. Zum 100. Todestag Rudolf Virchows wurde dieser Bereich am 29. August 2002 mit der großen Sonderausstellung „Virchows Zellen – Zeugnisse eines engagierten Gelehrtenlebens in Berlin“ eröffnet. Künftig wird der Besucher in dieser Ausstellungsetage im steten Wechsel Einblicke in Geschichte und Gegenwart der Medizin erhalten.
Gegenwärtig findet im Museum der Rückbau einer dritten Ausstellungsebene statt. Die Entwicklung der Medizin im 20. und 21. Jahrhundert sowie die Geschichte der Krankenversorgung an der Charité werden in diesem Dauerausstellungsbereich Thema sein.
Prof. Dr. med. Thomas Schnalke,
Direktor des Berliner Medizinhistorischen Museums

Fotos: Berliner Medizinhistorisches Museum
Fotos: Berliner Medizinhistorisches Museum
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Öffnungszeiten: Dienstags bis freitags: 10 bis 17 Uhr, samstags und sonntags 10 bis 17 Uhr, mittwochs (langer Abend) 10 bis 19 Uhr, montags und an Feiertagen geschlossen. Nach Voranmeldung (Telefon: 0 30/4 50 53 60 49) bietet das Museum interessierten Gruppen eine Einführung in die Dauerausstellung.
Kontakt: Prof. Dr. med. Thomas Schnalke (Leitung),
Telefon: 0 30/4 50 53 60 77, E-Mail: thomas.schnalke@ charite.de
Spenden für das Museum: Verein der Freunde und Förderer der Charité. Deutsche Apotheker- und Ärztebank, Kto. 130 3252256, BLZ 100 906 03, Stichwort: „Spende Museum“

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