ArchivDeutsches Ärzteblatt39/2003Als Allgemeinarzt in England: Rundum zufrieden

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Als Allgemeinarzt in England: Rundum zufrieden

Brenneis, Winfried

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Fotos: Winfried Brenneis
Fotos: Winfried Brenneis
Als ich vor sechs Jahren nach Cambridge kam, erschien mir der Sprung über den Kanal etwas risikoreich. Doch was hatte ich zu verlieren? Als praktischer Arzt ohne allzu viele Zusatzbezeichnungen in eine Praxis auf dem Land einzusteigen war für mich nicht besonders attraktiv.
England kannte ich bereits. Als AiPler und später als Assistent für ein Jahr hatte ich mich durch die Krankenhausdienste gequält und das System in Ansätzen kennen gelernt. Endlose Nachtdienste, zu viele Patienten und schlechte Bezahlung gab es dort ebenso wie in Deutschland. Aber es gab auch einiges, das anders war.
Die Arbeit im Krankenhaus war deutlich teamorientierter. Ich hätte mir vorstellen können, als Consultant zu arbeiten, einem Mittelding zwischen Oberarzt und Chefarzt. Man arbeitet eigenständig und ist in Teilzeit in einem Krankenhaus des staatlichen Gesundheitsdienstes NHS tätig. Den Rest der Zeit kann man nutzen, um in Privatkliniken zusätzlich Geld zu verdienen. Allerdings war ich bereits damals eher an den „GP-rotations“ interessiert. Als zukünftiger Allgemeinarzt startet man strukturiert in die Karriere: sechs Monate Innere Medizin und sechs Monate Chirurgie, Kinderheilkunde oder Psychiatrie und danach ein Jahr in der Praxis – eine solide Basis. Als ich dann hörte, was man nach diesen drei Jahren Weiterbildung verdienen kann, spielte ich damals schon mit dem Gedanken, nach England zurückzukehren.
Die Tätigkeit als „General Practitioner“ (GP) ist für mich vor allem deshalb attraktiv, weil keine Anfangsinvestitionen nötig sind, das Gehalt sicher und relativ großzügig bemessen ist und man nicht ganz so viel arbeiten muss – auch weil es in jeder Praxis einen Praxismanager gibt, der für das Administrative zuständig ist.
In England werden Ärzte gesucht und dementsprechend bezahlt. Es gibt hier mehr als 50 „Locum-Agenturen“, die Praxisvertreter vermitteln und sich um frei gewordene Ärzte geradezu reißen. Der Markt bestimmt die Preise. Ein erfahrener Spezialist, der zehn Jahre Krankenhauserfahrung hat, kann als Locum im Monat bis zu 20 000 Euro verdienen. Das dürfte für Ärzteohren verlockend klingen.
Stimmt es denn nicht, was man sich erzählt? Dass der NHS nicht funktioniert, dass Patienten nach Deutschland verschifft werden müssen und dass man auf Operationen so lange warten muss, bis man aufgibt oder sein Haus beleiht, um sich privat behandeln zu lassen? Doch, das stimmt! Fehlende Investitionen, fehlende Privatinitiativen, ein aufgeblähter Administrationsapparat haben zu einer suboptimalen Patientenversorgung geführt. Deshalb habe ich für meine Familie eine private Zusatzversicherung abgeschlossen. Doch es wird daran gearbeitet, die Missstände zu beheben. Public/Private Partnerships, Foundation hospitals und Dezentralisierung sind die Zauberworte. Das Primärarztsystem wird gestärkt. Allgemeinärzte erhalten in diesem Jahr eine Gehaltserhöhung von fast 20 Prozent. Die ärztliche Rentenversorgung wird verbessert.
Als Patient kann es durchaus sein, dass man in England die schlechteren Karten hat. Doch als Arzt fühle ich mich hier wohl. Mich mit Krankenkassen herumzuschlagen, im Papierkrieg unterzugehen und mir überlegen zu müssen, ob ich in Urlaub fahren kann, ist nicht mein Ding. Meine Kinder (zwei, fünf und sieben Jahre alt) wachsen zweisprachig auf, die Integration in die Gesellschaft lief problemlos.
Meine Arbeit ist vielfältig. Als GP bekommt man alle Patienten zu sehen. Neben dem üblichen Spektrum behandelt man auch gynäkologische, pädiatrische und dermatologische Fälle. Ich arbeite an dreieinhalb Tagen in der Praxis und einen halben Tag am Krankenhaus mit einem Dermatologen zusammen. Ich sehe alle zehn Minuten einen Patienten, die Praxis mit drei Partnern ist computerisiert, hat drei Krankenschwestern, zehn Rezeptionistinnen und einen Praxismanager. Pro Tag behandle ich durchschnittlich 30 Patienten und absolviere einen Hausbesuch. Der Verdienst liegt bei rund 120 000 Euro jährlich, und ich habe sechs Wochen im Jahr frei.
Der NHS ist im Wandel begriffen und braucht dringend qualifizierte Ärzte. Ein Radiologe, ein ultraschallversierter Hausarzt, ein adaptionsfähiger Psychiater – sie alle werden hier gebraucht und dementsprechend bezahlt.
Winfried Brenneis
E-Mail: w.brenneis@ntlworld.com
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