POLITIK: Kommentar

Glaubwürdigkeit

Dtsch Arztebl 2003; 100(37): A-2343 / B-1956 / C-1848

Machens, Roman

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LNSLNS Wie wir endlich mit den naturheilkundlichen Pfuschern Schluss machen. Oder: Wie wir endlich die bornierten schulmedizinischen Betonköpfe weich kriegen.

Die Verführung ist groß, in einer Zeit knapper werdenden Geldes, sein eigenes Einkommen durch angepasstes Wohlverhalten und Anbiederung an die staatliche Macht zu steigern. Damit wird eine eigentlich innerärztliche Auseinandersetzung über Therapieverfahren zum Spielball von Medien und Politikern.

Wer eine gründliche schulmedizinische Ausbildung genossen hat, tut sich manchmal sehr schwer, wenn Ärzte in Schnellkursen irgendeine Qualifikation erlangt haben, mit der sie den Leuten viel Geld aus der Tasche ziehen und Sätze loslassen wie:

„Zur gynäkologischen Vorsorge brauchen Sie nie mehr zu gehen.“ – „Impfungen sind völlig überflüssig.“ – „Mit dieser Therapie werden Sie nie wieder krank – Antibiotika sind völlig überflüssig.“ – Die Schulmediziner sind alle von der Pharmaindustrie gekauft.“

Ich kann nachvollziehen, weshalb einige sehr rechtschaffene und durch solche Aussagen gründlich verärgerte Kollegen ihren Frust über diesen Typ „Naturärzte“, die auch noch Patienten finden, öffentlich äußern:

„Das muss verboten werden.“ – „Diese ,Therapeuten‘ machen sich strafbar.“ „Dass die Kassen solche Scharlatane auch noch unterstützen!“

Die Reaktion der Medien und der Politik ist sofortige, ungeprüfte und begeisterte Zustimmung – aber nur anfangs. Für Politiker entsteht ein ganz ähnlicher Effekt, wenn Kollegen, die mit ihrem Einkommen zufrieden sind, ihren Ärger über das vermeintliche, erstrebte oder tatsächliche Einkommen anderer Ärzte öffentlich kundtun. Der Effekt: Alle Ärzte werden unglaubwürdig! Denken wir immer daran: Politiker, Juristen auch Bundesrichter – und Kassenleute sind immer auch Patienten. Patienten reagieren mit Angst und Aggression, wenn sie befürchten oder entdecken, dass ihre höchstpersönlichen Nöte ein austauschbares Objekt wirtschaftlichen Handelns sind oder sein können. Dieses Grundproblem des Heilers der vergangenen Jahrtausende, der heute nicht nur Personal, Bankverbindlichkeiten und Haftungsprobleme, sondern auch noch Konkurrenz hat, ist innerärztlich zu wenig aufgearbeitet und verstanden.

Ärzte, die wie ich inzwischen zumeist naturheilkundlich arbeiten, wundern sich immer wieder über die Härte der Angriffe vonseiten der Schulmedizin. Andererseits treten viele dieser „Naturheilärzte“ mit gleicher Härte gegen die Mainstream-Medizin an. Als ich in der Naturheilkunde noch ziemlich grün war, habe ich das auch gemacht.Aus der Verteidigung der eigenen Tätigkeit und Existenz wird sehr schnell der Gegenangriff auf die harte Schulmedizin mit der Behauptung, Naturheilmittel wirken sanfter und besser! Dann sind wir sehr schnell an der gleichen Stelle wie oben: Politik und Kostenträger stimmen auch diesen Kritikern begeistert zu – und ziehen Gewinn aus dieser Spaltung und diesem Image- und Glaubwürdigkeitsverlust der Ärzte.

Wer wundert sich noch über den Machtverlust der ärztlichen Selbstverwaltung, die Diskussionen in den Praxen, die Haftungsprozesse, die politischen Einmischungen allerorten? Gehen wir wieder freundlicher, liebevoller mit uns und unseren Berufskollegen um. Gönnen wir jedem von ihnen sein Einkommen oder seine Freizeit. Nur der freundlich-kritische Blick nach innen gibt uns wieder Ausstrahlungskraft nach außen.

Dr. med. Roman Machens
Leukstraße 21
84028 Landshut
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