ArchivDeutsches Ärzteblatt40/2003Hormontherapie (II): Vergleiche sind zulässig

POLITIK: Medizinreport

Hormontherapie (II): Vergleiche sind zulässig

Dtsch Arztebl 2003; 100(40): A-2561 / B-2133 / C-2008

Löwel, Hannelore; Heier, Margit; Schneider, Andrea; Gösele, Uwe; Meisinger, Christa

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LNSLNS Deutsche Einnehmerinnen sind mit den Teilnehmerinnen der WHI-Studie hinsichtlich des kardiovaskulären Risikoprofils weitgehend identisch. Ergebnisse aus dem KORA-Survey 2000

Der vorzeitige Abbruch der US- amerikanischen „Women’s Health Initiative“ (WHI-Studie) hat zu kontroversen Diskussionen über Nutzen und Gefahren einer primärpräventiven langzeitigen Hormontherapie (HT) bei postmenopausalen Frauen geführt. Der Hauptdiskussionspunkt ist die Frage nach der Übertragbarkeit der WHI-Ergebnisse auf Deutschland mit den Argumenten, dass hierzulande die Verordnung von equinen Hormonen (zum Beispiel Presomen) kaum noch eine Rolle spiele und aufgrund einer unzureichenden Datenlage nicht bekannt sei, ob das Risikoprofil der deutschen Frauen mit dem der WHI-Teilnehmerinnen vergleichbar ist.
Eine Antwort auf diese Fragen geben die Daten des KORA-Surveys 2000 (Kooperative Gesundheitsforschung in der Region Augsburg), einer bevölkerungsrepräsentativen Querschnittsstudie bei 25- bis 74-jährigen Männern und Frauen in der Region Augsburg. In diesem Beitrag wird das Risikoprofil von 50- bis 74-jährigen Frauen mit und ohne HT-Einnahme analog zu den WHI-Teilnehmerinnen beschrieben, mit dem Ziel, einen Beitrag zur Verbesserung der Datenlage und zur Versachlichung der Hormon-Diskussion zu leisten.
Ergebnisse: Wie in der Tabelle dargestellt, nahmen zum Zeitpunkt der Untersuchung 303 der 992 Frauen (30,5 Prozent) HT ein. Die Einnahmerate nahm mit zunehmendem Alter von 41,2 Prozent (50 bis 59 Jahre) auf 28,2 Prozent (60 bis 69 Jahre) und 7,8 Prozent (> 70 Jahre) ab; 49 Prozent aller 50- bis 74-jährigen Frauen hatten noch nie HT eingenommen. In der Gruppe der HT-Einnehmerinnen betrug die Einnahmedauer bei 43 Prozent bereits zehn Jahre und mehr. Frauen mit HT-Einnahme waren im Durchschnitt seltener stark übergewichtig (BMI > 30: 25 versus 39 Prozent), etwas seltener mit Antidiabetika, Statinen und Acetylsalicylsäurepräparaten (ASS 100) behandelt, hatten seltener eine aktuelle Dyslipidämie und kardiovaskuläre Erkrankungen (Kontraindikation für HT) in der Anamnese. Die aktuellen HT-Einnehmerinnen sind aber während ihrer fertilen Phase signifikant häufiger mit Kontrazeptiva behandelt worden als Frauen ohne aktuelle HT-Einnahme (51 versus 43 Prozent). Keine Unterschiede zwischen beiden Gruppen bestanden beim aktuellen Rauchen, beim mittleren systolischen und diastolischen Blutdruck sowie der „aktuellen Hypertonie“; der Anteil der Frauen ohne Schwangerschaften und die Verteilung des Alters der Frauen bei der Geburt des ersten Kindes waren ebenfalls gleich.
Die Liste der Wirkstoffe, die in den genannten HT-Präparaten enthalten sind (Tabelle 2), kann unter www.aerzte blatt.de/plus4003 abgerufen werden. Außerdem wurde bei den 303 Frauen die Dauer der Behandlung (< fünf-, fünf- bis neun- und > zehnjährige HT) berücksichtigt. Die Einnahme von Östrogen-Gestagen-Kombinationspräparaten wurde von 52 Prozent der Frauen angegeben, wobei ihr Anteil mit
zunehmender Einnahmedauer von 57 auf 44 Prozent abnahm. Equinhaltige Hormone beziehungsweise konjugierte Hormone wurden von 19 Prozent der HT-Einnehmerinnen genannt; dieser Anteil war nur bei den Frauen mit kürzerer Einnahmedauer etwas geringer.
In der Gruppe der 689 aktuell nicht unter HT-Behandlung stehenden Frauen hatten 175 (25 Prozent) früher unterschiedlich lange HT eingenommen. 27 (vier Prozent) Frauen (Tabelle) wurden nicht als HT-Einnehmerinnen klassifiziert, obwohl sie im Interview über eine gegenwärtige HT-Einnahme berichteten. Tabelle 3 (siehe Internet www.aerzteblatt.de/plus4003) enthält die Wirkstoffe der Präparate, die diese Frauen eingenommen haben.
Diskussion: Trotz des etwas geringeren Durchschnittsalters und des Fehlens von Frauen anderer Ethnizität unterscheiden sich die morbiditätsrelevanten Charakteristika der süddeutschen HT-Einnehmerinnen aus dem Zeitraum 1999/2001 nur in wenigen Punkten von den in die WHI-Studie im Jahre 1992 eingeschlossenen Frauen. Die KORA-Frauen waren seltener stark übergewichtig (BMI > 30: 25 versus 34 Prozent), hatten jedoch häufiger eine aktuelle Hypertonie (54 versus 36 Prozent).
Der Anteil der Frauen mit einer bisherigen HT-Einnahmedauer > zehn Jahre war mit 43 Prozent sehr viel höher als in der WHI-Population mit sechs Prozent. Demgegenüber war die prophylaktische Einnahme von niedrig dosiertem Aspirin bei den WHI-Frauen 1992 etwa doppelt so hoch wie in KORA (neun versus 19 Prozent). In allen anderen Parametern waren die Unterschiede zwischen den KORA- und WHI-Frauen unbedeutend.
Der Vergleich der Risikoprofile der bevölkerungsrepräsentativen KORA- mit der WHI-Population zeigt, dass in beiden Populationen kardiovaskuläre Risikofaktoren durchaus mit ähnlicher Häufigkeit auftreten und es einen vergleichbar geringen Prozentsatz kardiovaskulärer Vorerkrankungen gibt. Das spricht gegen die Annahme, dass deutsche Einnehmerinnen der Hormontherapie im Allgemeinen gesünder sind als die Teilnehmerinnen der WHI-Studie.
Allerdings bestätigt unsere Untersuchung, dass in Deutschland im Untersuchungszeitraum vor allem nichtequine Hormone verordnet wurden. Derzeit ist jedoch offen, ob die langfristige Bilanz der in Deutschland verordneten Präparate, verglichen mit der Kombination CEE/MPA (Konjugierte equine Östrogene/Medroxyprogesteronacetat), besser, gleich oder schlechter ausfällt. Angesichts des Fehlens von belastbaren Outcome-Daten ist es sicherlich vernünftig, auch die in Deutschland verwendeten Präparate so lange kritisch und zurückhaltend zu verordnen, bis der Beweis vorliegt, dass die Bilanz von Nutzen und Risiko besser ausfällt.

Dr. med. Hannelore Löwel, Dr. med. Margit Heier, Andrea Schneider, Uwe Gösele, Dr. med. Christa Meisinger
für die KORA-Studiengruppe
GSF Forschungszentrum für Umwelt und Gesundheit
Institut für Epidemiologie
Ingolstädter Landstraße 1
85764 Neuherberg bei München

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