ArchivDeutsches Ärzteblatt40/2003Abtreibung: Hilfreiche Vorschläge
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LNSLNS . . . Die existierende Regelung ist auch aus der Sicht psychiatrischer Begutachtung unbefriedigend. Viele schwerwiegende fetale Fehlbildungen können erst nach der 12. Schwangerschaftswoche erkannt werden. Häufig führt eine derartige Diagnose bei der werdenden Mutter zum dringenden Wunsch, die Schwangerschaft zu beenden. Bei körperlicher Gesundheit der Frau wird dann nicht selten die Feststellung einer Gefahr für ihren seelischen Gesundheitszustand als letztes Argument für einen straffreien Schwangerschaftsabbruch betrachtet. Die dann vielfach um Begutachtung gebetenen Psychiater sehen sich zumeist einem erheblichen äußeren Druck ausgesetzt, diese Feststellung zu treffen.
Die Anforderung an die Qualität der Begutachtung hält das Gesetz zwar eher niedrig, da die Stellungnahme „eines Arztes“ (nicht Facharztes) auch
zu Fragen der psychischen Gesundheit ausreicht. Doch werden von Gynäkologen gerne Psychiater um Begutachtung gebeten, die dann Teil einer konflikthaften Dramaturgie werden: Die Schwangere muss, will sie ihren in akuter emotionaler Stresssituation formulierten Willen durchsetzen, den Arzt von der Gefahr schwerwiegender Beeinträchtigung ihres seelischen Gesundheitszustandes überzeugen. Dieser Zwang erzeugt eine eigentümliche Steigerung der ohnehin bestehenden psychischen Notlage, und sie wird vom Gesetz gewissermaßen verlangt, um exkulpieren zu können. Die Begutachtung ist in dieser Situation keine neutrale Beurteilung des Gesundheitszustandes der Schwangeren, sondern gleichzeitig eine Handlung erhoffter (Ab-)Hilfe oder ihrer Versagung.
Hält der begutachtende Arzt die kritische Situation einer Schwangeren nach Mitteilung der wahrscheinlichen Schädigung des Fetus für belastend, nicht automatisch aber für eine schwerwiegende Beeinträchtigung der psychischen Gesundheit, gerät er in ein Dilemma: Kommt er der Schwangeren entgegen, ohne sein Urteil hinreichend auf die Feststellung psychopathologischer Befunde stützen zu können, bedroht ihn § 218b Abs. 1 StGB mit Freiheitsstrafe bis zu zwei Jahren wegen unrichtiger Feststellung. Verneint er hingegen die Gefahr einer schwerwiegenden (psychischen) Gesundheitsschädigung der Frau bei Fortbestehen der Schwangerschaft, erzeugt er ein hohes Maß an Enttäuschung durch sein Hilfe-Versagen und hat diese Enttäuschung, Wut und gegebenenfalls Verzweiflung der (ohnehin hochgradig belasteten) Schwangeren – meist auch ihres Partners – zu ertragen und mit zu verantworten, auch wenn ihr die Möglichkeit bleibt, einen weiteren Arzt zu konsultieren.
Obgleich sie gesetzlich annulliert worden sind, spielen nach unserer Erfahrung faktisch doch embryopathische Aspekte in der Begutachtungspraxis eine erhebliche Rolle. Die Ausführungen im Positionspapier der DGGG Schwangerschaftsabbruch nach Pränataldiagnostik, speziell die Vorschläge im Absatz „Zum späten Schwangerschaftsabbruch“ (II) tragen diesem Befund Rechnung; sie scheinen hilfreich und ausgewogen, insofern erstens die medizinische (mütterliche) Indikation erhalten bliebe, aber durch eine embryopathische ergänzt würde und zweitens eine fallbezogen interdisziplinäre Kommission (statt „eines Arztes“) die entsprechenden Voraussetzungen straffreier Abtreibung prüfte. Letzteres hätte neben differenzierter Urteilsfindung und Verantwortungsteilung auch eine Entspannung der in der aktuellen gesetzlichen Situation grundsätzlich problematischen Arzt-Patient-Beziehung zur Folge.
Dr. med. Thomas Reuster, Dr. med. habil. Tom Bschor,
Psychiatrische Universitätsklinik, Fetscherstraße 74, 01307 Dresden
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