ArchivDeutsches Ärzteblatt40/2003Patientenverfügung: Aus hausärztlicher Sicht

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Patientenverfügung: Aus hausärztlicher Sicht

Dtsch Arztebl 2003; 100(40): A-2572 / B-2144 / C-2018

Hussain, Maria

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Vielen Dank für diesen Beitrag, dessen Wichtigkeit durch die Wahl als Titelbeitrag besonders hervorgehoben wird. Wenn ich den Artikel richtig verstehe, der den 30-seitigen, schwer verständlichen Beschluss des Bundesgerichtshofs vom 17. März 2003 möglichst verständlich und praxisbezogen zusammenfasst, so müssen wir Mediziner – aber auch die Betreuer – bei Vorliegen einer juristisch eindeutig formulierten Patientenverfügung folgende Überlegungen anstellen und dann auch danach handeln (hier hauptsächlich Punkte aufgrund meiner hausärztlichen Erfahrung):
! Wenn es bei einem bettlägrigen, dementen Menschen z. B. zu einer Lungenentzündung kommt, sollte eine stationäre Einweisung eher zurückhaltend erfolgen, da hier so gut wie immer mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln therapiert wird, was nicht dem Willen des Patienten entsprechen könnte.
! Alte und/oder demente Mensehen dürfen keine PEG erhalten, nur weil sie sich verschlucken und erneut eine Aspirationspneumonie bekommen könnten oder an Unterernährung sterben könnten. Sterben als natürlicher Verlauf einer Krankheit bzw. des Alterns müsste zugelassen werden ohne den unrichtigen Hinweis der Kollegen, die zur PEG drängen: „Sie können Ihren Angehörigen doch nicht verhungern und verdursten lassen.“ Flüssigkeit kann ohne Mühe überall – zu Hause oder im Heim – in Form von 500 bis 1000 ml isotoner Kochsalzlösung pro Tag subkutan zugeführt werden, eine Methode, die ich erst in der Pflege gelernt habe. Gerade in der Klinik wird relativ häufig Essen verweigert, als einzige Möglichkeit des dementen Menschen, sich gegen die Behandlung zu wehren. Wieder zu Hause oder in einer guten Pflegeeinrichtung, wird gegessen und getrunken. Will oder kann der Patient nicht mehr essen und trinken, so begleite ich ihn meist mit etwas Schmerz-, Beruhigungs- und die Schleimproduktion in den Bronchen bremsenden Medikamenten bis zum friedlichen Tod. Diese Medikation habe ich von den Palliativmedizinern gelernt. Es wäre jetzt meine Aufgabe als betreuende Ärztin von Menschen, die sich in einem solchen Zustand befinden wie der 72-jährige Betroffene, dessen Fall vor dem Bundesgerichtshof zur Entscheidung vorgelegt worden war, den Betreuer darauf aufmerksam zu machen, dass hier jetzt die künstliche Ernährung eingestellt werden müsste. Durch die PEG könnte noch etwas Flüssigkeit mit evtl. Schmerz-, Beruhigungsmitteln und Medikamenten, die die Produktion von Schleim in den Bronchen reduzieren, gegeben werden, um dem Wunsch des betreuten Patienten nach möglichst beschwerdefreiem Sterben nachzukommen. Dieser Weg ist für alle, die Angehörigen, die Pfleger und für mich als Ärztin, nicht leicht, wie ich aus eigener Erfahrung weiß, aber er müsste beschritten werden. Sonst begehe ich als Ärztin und der Betreuer nach meinem juristischen Verständnis Körperverletzung und könnten z. B. von einem anderen Verwandten juristisch belangt werden. Sollte der Betreuer die Notwendigkeit nicht einsehen, so müsste ich mich an das Vormundschaftsgericht wenden, da kein Konsens zwischen Betreuer und mir als Ärztin erreicht werden kann. So wie ich den Beschluss des Bundesgerichtshofs verstehe, müsste das Vormundschaftsgericht auch dann tätig werden, wenn der Betreuer bestimmt, dass ich nicht weiter den Patienten betreuen soll, z. B. weil ich ihn gedrängt habe, den Willen des Patienten zu erfüllen. Ich bin sogar der Meinung, dass das Gericht einen neuen Betreuer bestimmen müsste, der bereit ist, den Willen des Betreuten durchzusetzen.
Wie jeder sehen kann, ist gerade der Hausarzt durch diesen Beschluss in die Verantwortung genommen; Überlegungen zu einem adäquaten Verhalten im klinischen Bereich überlasse ich lieber den Kolleginnen und Kollegen, die dort arbeiten.
Dr. med. Maria Hussain, Fürstenrieder Straße 95, 80686 München
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