ArchivDeutsches Ärzteblatt40/2003Die ersten Krankenhäuser der Welt: Sanitätsdienst des Römischen Reiches schuf erstmals professionelle medizinische Versorgung

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Die ersten Krankenhäuser der Welt: Sanitätsdienst des Römischen Reiches schuf erstmals professionelle medizinische Versorgung

Dtsch Arztebl 2003; 100(40): A-2592 / B-2161 / C-2034

Wilmanns, Juliane C.

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LNSLNS Zusammenfassung
Vor etwa 2 000 Jahren wurde die Institution „Krankenhaus“ erfunden: Im Rahmen der Umwandlung der römischen Armee vom Bewegungsheer zum Besatzungsheer schufen römische Offiziere unter Kaiser Augustus (63 vor bis 14 nach Christus) in den großen Standlagern einen neuen Gebäudetyp, das Valetudinarium (Lazarett), in dem es vom Operationssaal bis zum Krankenzimmer alles gab, was für die Behandlung eines Patienten damals benötigt wurde. Die römischen Soldaten konnten dadurch die Gewissheit haben, im unwirtlichen Germanien oder fern am Euphrat, eine gute und nachhaltige medizinische Versorgung zu erhalten. Dies sollte auch ihre Einsatzfreude stärken. Kenntnisse über diese Einrichtungen stammen vornehmlich aus Inschriften und archäologischen Ausgrabungen. Im Gegensatz zu den mittelalterlichen Spitälern, in denen Arme, Schwache und Kranke fürsorglich betreut wurden, waren die römischen Krankenhäuser ausschließlich für die heilungsorientierte stationäre Therapie eingerichtet und dienten gleichzeitig der Ausbildung von Ärzten und Pflegepersonal.

Schlüsselwörter: Krankenhausgeschichte, Medizingeschichte, ärztliche Ausbildung, Sanitätsdienst, Militärarzt, Römisches Reich

Summary
The First Hospitals of the World
The hospital as institution was invented about 2 000 years ago, in the era of emperor Augustus (63 B.C. to 14 A.D.). It emerged in the context of the transformation of the Roman army from mobile troops to an army of occupation. Roman officers created a new type of building, the valetudinarium (military hospital) which was integrated
within large permanent headquarters. Hence, any service a patient might have required – from an operating theatre to a sickroom – was available under one roof. This type of infrastructure provided Roman soldiers with adequate and continuous medical care, be it in inhospitable Teutonic territories or as far as the Euphrates river. The new institution thus also encouraged soldiers' readiness to act. As far as sources are concerned, our knowledge mainly derives from archaeological excavations and inscriptions. As opposed to medieval hospitals which devotedly supplied healthcare for the poor, the weak and the sick, Roman hospitals were exclusively organized with the aim of providing curative, stationary therapy and simultaneously furthering the education of physicians and nursing staff.

Key words: history of medical institution, history of medicine, medical education, medical service, army doctor, Roman empire


Die Medien berichten immer wieder intensiv über Kriege und daraus resultierende Verletzte. So selbstverständlich heute die Versorgung von verwundeten Soldaten in militärischen Krankenhäusern zu sein scheint, so musste doch auch diese Institution erst erfunden werden, und das geschah ziemlich genau vor 2 000 Jahren durch Angehörige der römischen Armee. Diese Erfindung wurde im Rahmen des erstmaligen Aufbaus einer militärischen Sanitätsorganisation, die in die römischen Streitkräfte integriert war, umgesetzt.
Von derartigen Vorgängen kann man durch archäologische Ausgrabungen, Inschriften und literarische Abhandlungen erfahren, wobei die beiden erstgenannten Quellengattungen am meisten und am deutlichsten berichten. Eine Inschrift aus dem späteren zweiten Jahrhundert nach Christus, die auf einem Weihealtar eingemeißelt war, lautet, aus dem Lateinischen übersetzt, folgendermaßen (Abbildung 1):
„Dem besten und größten Jupiter, dem Apollon und dem Aesculap, der Salus, der Fortuna sei (dieser Altar) geheiligt! Für die Gesundheit des Lucius Petronius Florentinus, des Kommandeurs der cohors IIII Aquitanorum equitata civium Romanorum, hat Marcus Rubrius Zosimus, der Arzt der oben genannten Kohorte, der in Ostia beheimatet ist, sein Gelübde bereitwillig, freudig und entsprechend dem Verdienst (der Götter) eingelöst.“
Der Militärarzt Marcus Rubrius Zosimus stellte also diesen Weihealtar, der an den Seiten mit Reliefs geschmückt war, beim Kastell Obernburg auf, das am Main oberhalb von Aschaffenburg gelegen ist. Anlass der Weihung war die Erkrankung des Kohortenkommandeurs, für dessen Gesundung Zosimus zur Unterstützung seiner ärztlichen Kunst noch fünf Gottheiten anrief, die in der römischen Welt auch als heilbringend angesehen wurden, nämlich Jupiter, Apollo, Aesculap, Salus (Personifizierung des Heils) sowie Fortuna (Personifizierung des Schicksals). Zosimus hatte es aus Ostia, dem Hafen der damaligen Hauptstadt der Welt, an den fernen Limes am Main verschlagen, wo er als römischer Bürger in einer etwa 500 Mann starken Hilfstruppe diente, die aus Nichtbürgern (peregrini) bestand.
Die Schaffung des römischen Sanitätsdienstes
Dafür, dass Ärzte den Soldaten in größerer Zahl zur Verfügung standen, hatte zum ersten Mal Augustus (63 vor bis 14 nach Christus) gesorgt, der seit 27 vor Christus Kaiser war. Er hatte den Sanitätsdienst geradezu aus dem Nichts geschaffen, indem er Ärzte für die Truppe anwarb und erstmals einen neuen Gebäudetyp in den Lagern einrichten ließ, nämlich Krankenhäuser. Diese zivilisatorische Leistung ist vor dem politischen Hintergrund zu sehen, dass die römische Republik in opferreichen Bürgerkriegen ihr blutiges Ende gefunden hatte und mit der so genannten Pax Augusta stabile und friedliche Verhältnisse eingekehrt waren. Deshalb musste Augustus mit der Gesundheit und dem Leben seiner Soldaten schonend umgehen, um die Lasten der Rekrutierung für die Streitkräfte, die nunmehr aus Berufssoldaten bestanden, gering zu halten.
Die Lösung des Problems war grundlegend und konsequent: Da die Truppen größtenteils fern von Städten stationiert waren, mussten die erforderlichen Ärzte dauerhaft in die Truppe integriert werden, und weil die Versorgung der Kranken angesichts der äußerst beengten Wohnverhältnisse in den Mannschaftsunterkünften in einem eigens dazu errichteten Gebäude erfolgreicher war, erfand man das Krankenhaus (lateinisch: valetudinarium), das es während der Kaiserzeit in beinahe jedem größeren Truppenlager gab (Abbildung 2). Das war nicht uneigennützig, weil eine kompetente ärztliche Behandlung die verwundeten und kranken Soldaten schneller wieder einsatzfähig machte und weil zudem die Zuversicht, dass gravierende Verletzungen und Erkrankungen in diesen Valetudinarien verlässlich versorgt wurden, die Einsatzbereitschaft der Soldaten, ihre Zuverlässigkeit und die Bandbreite ihrer Einsatzmöglichkeiten erhöht haben dürfte.
Aufgaben der Soldaten
Da die römischen Soldaten während der überwiegend friedlichen frühen und hohen Kaiserzeit (erstes bis Anfang drittes Jahrhundert nach Christus) nur relativ selten in größere Feldschlachten verwickelt waren, wurden sie von den Kaisern zu sehr vielfältigen, vor allem auch vielen nichtkriegerischen Aufgaben eingesetzt. Deshalb kamen sie beispielsweise weitaus häufiger bei Exerzier- und Manöverunfällen zu Schaden oder erlitten Verwundungen bei der Wahrnehmung von „Polizeidiensten“ innerhalb des Reiches oder bei Patrouillen jenseits des Limes im Barbarenland. Die Soldaten wurden auch zu zahlreichen Sonderverwendungen eingesetzt, wie etwa zum Straßenbau oder zur Arbeit in Steinbrüchen, zur Holzkohlegewinnung oder Kalkbrennerei oder zum Einfangen von wilden Tieren für die zahlreichen Amphitheater oder zu besonderen handwerklichen Tätigkeiten, beispielsweise Schmiedearbeiten und Waffenherstellung. Dabei auftretende Arbeitsunfälle waren wahrscheinlich die häufigste Verletzungsursache. Schließlich hatten die Ärzte im Lager noch das weite Spektrum derjenigen Erkrankungen zu behandeln, mit denen auch ein ziviler Arzt konfrontiert wurde, abgesehen von Kinder-, Frauen- und Altersleiden. Dabei muss man berücksichtigen, dass die Soldaten Roms, in der Regel 20- bis 50-jährige Männer, schon bei der Rekrutierung auf einen guten Gesundheitszustand ärztlich überprüft worden waren, eine dreimonatige Probezeit durchlaufen mussten und für ihren täglichen Dienst bestens trainiert und ausgewogen ernährt wurden. Die Tätigkeit eines Militärarztes unterschied sich mithin von der seines zivilen Kollegen nicht wesentlich, auch wenn naturgemäß die chirurgischen Behandlungen von Wunden einen besonderen Schwerpunkt bildeten. Da erst mit der Entwicklung von Feuerwaffen im späten Mittelalter eine eigene Kriegschirurgie entstand, konnte ein römischer Militärarzt im Wesentlichen dieselbe Tätigkeit ausüben wie ein ziviler Arzt.
Ausbildung und Anwerbung der Ärzte
Spätestens seit dem fünften Jahrhundert vor Christus erfolgte im griechischen Kulturbereich die Ausbildung zum Arzt in einem Meister-Lehrlings-Verhältnis: Nach Abschluss einer Grundausbildung in Lesen, Schreiben, Rechnen, Grammatik begab sich ein junger Mann mit etwa 15 Jahren zu einem erfahrenen Arzt – oftmals seinem Vater – in die Lehre, die in der Regel fünf bis sechs Jahre dauerte; von familienfremden Adepten musste die Ausbildung bezahlt werden. Als dann im ersten Jahrhundert vor Christus die griechische Medizin in Rom Fuß gefasst hatte, wurde auch deren Ausbildungsweise übernommen. Da es keine staatlichen Ausbildungsstätten und erst recht keine staatlichen Prüfungen und Approbationen gab, bestimmte der Meister das Ende des Lehrverhältnisses. Die berufliche Qualifikation eines jungen Arztes wurde im zivilen wie im militärischen Bereich nach dem Ansehen seines Lehrers, nach den von ihm schon erzielten Erfolgen und entsprechend persönlicher Empfehlungen, die in der römischen Welt generell eine hohe Bedeutung besaßen, beurteilt. Wie für den zivilen Bereich sind auch für das Militär ärztliche Spezialisierungen überliefert, wie beispielsweise zum Augenarzt (medicus ocularius) oder zum Chirurgen (medicus chirurgus).
Da der Begriff „Ärzteschwemme“ in der Antike noch unbekannt war, bestand für einen jungen Arzt wenig wirtschaftliche Veranlassung, im rauhen Norden oder im fernen Osten Soldaten heilen zu wollen. Augustus musste deshalb Anreize schaffen: So konnten Soldaten, die üblicherweise im Alter von 20 Jahren rekrutiert wurden, beziehungsweise sich freiwillig meldeten, auch in der Truppe bei einem erfahrenen Militärarzt eine ärztliche Ausbildung erhalten, die wie in einem zivilen Meister-Lehrlings-Ausbildungsverhältnis ebenfalls etwa fünf bis sechs Jahre dauerte. Das gewährte dem Berufssoldaten eine attraktive Aufstiegschance und ersparte ihm zudem das Ausbildungsgeld für einen „Meister“, das er in einer zivilen Ausbildung, wenn diese nicht bei seinem Vater stattfand, hätte zahlen müssen. Weiterhin gab es seit dem ersten Jahrhundert nach Christus eine militärärztliche Laufbahn mit Aufstiegschancen, die auch bereits ausgebildete junge Ärzte anlockte: Alle Ärzte waren Gefreite (immunes), das heißt von schweren körperlichen Arbeiten wie Steineklopfen oder Bauarbeiten befreit. Sie konnten ferner über die Stufe des eineinhalbfachen Soldes (sesquiplicarius) und des doppelten Soldes (duplicarius) bis zum medicus ordinarius aufsteigen, der mit dem Rang und Sold von Centurionen, – was heute den Stabsoffizieren vergleichbar ist – ausgestattet war und somit gegenüber dem einfachen Soldaten den zehnfachen Sold erhielt. Eine derartige Fachlaufbahn ist im römischen Heer nur für Ärzte bekannt; bei Feldmessern kann aufgrund der Quellenlage Ähnliches bisher lediglich vermutet werden.
Schließlich konnten auch zivile Ärzte als Vertragsärzte angeworben werden, die nicht, wie die normalen Berufssoldaten, wenigstens 20 bis 26 Jahre (je nach Truppengattung) zu dienen hatten, sondern ihre Vertragszeit in der Truppe nach eigenem Wunsch bestimmen konnten, weil sie nicht im strikten rechtlichen Sinne Berufssoldaten werden mussten. Daher waren diese Vertragsärzte auch frei von den typischen Restriktionen, denen Soldaten unterlagen, wie beispielsweise dem Eheverbot vor Ablauf der Mindestdienstzeit.
Die römischen Militärärzte konnten also für sich nicht nur den Vorteil eines flexibleren Berufsweges wahrnehmen, sondern ihren erlernten Beruf auch nach der Rückkehr ins Zivilleben ausüben. Das war geradezu lebensnotwendig, weil es ja in der Antike keine staatliche Altersversorgung gab und die Abfindung, die nur Veteranen der Legionen, der Prätorianergarde und ähnlicher Einheiten bekamen, nicht für einen langen Lebensabend reichte. Marcus Ulpius Telesporus beispielsweise, der zunächst in Obergermanien Arzt der ala Indiana Gallorum und dann medicus der ala III Asturum in Mauretanien (Marokko) war, bekam als Auxiliarveteran keine Abfindung; er hatte jedoch die Möglichkeit genutzt, nach seiner Entlassung aus dem Militär als Stadtarzt in Ferentium (bei Viterbo in Südetrurien) seinen Lebensunterhalt zu verdienen. Selbstverständlich konnten Militärärzte auch weit über ihre normale Dienstzeit hinaus bei der Truppe bleiben, wie etwa Gaius Papirius Aelianus, der im hohen Alter von über 85 Jahren in Lambaesis (Algerien) offensichtlich als medicus ordinarius legionis III Augustae starb; von einer vorherigen Entlassung lässt die entsprechende Grabinschrift nichts verlauten.
Anzahl der Ärzte
Die Zahl der Ärzte, die für den Sanitätsdienst im Römischen Reich zu
einem bestimmten Zeitpunkt erforderlich und tätig waren, lässt sich nur ungefähr angeben. Für das kaiserzeitliche Heer, das um die Mitte des zweiten Jahrhunderts nach Christus etwa 400 000 Mann umfasste, schätzt man die Gesamtzahl auf circa 500 bis 600 medici. Legionen mit ihren je etwa 6 400 Soldaten benötigten wenigstens sechs Ärzte. Auxiliareinheiten (Alen und Kohorten) zu 500 oder 1 000 Mann hatten regelmäßig nur einen Arzt und bei den Flotten, die in der Rangordnung und somit in Ansehen und Versorgung niedriger gestellt waren, stand für mehrere Schiffe nur ein Arzt zur Verfügung. Man darf annehmen, dass in den Legions- und Auxiliarlagern regelmäßig ein Valetudinarium eingerichtet war, in dem die Ärzte und Sanitäter üblicherweise ihren Dienst versahen.
Valetudinarien
Die Valetudinarien (Lazarette) sind konkret durch Ausgrabungen bekannt und finden außerdem gelegentlich in der schriftlichen Überlieferung, insbesondere in Inschriften, Erwähnung. Das derzeit älteste bekannte Valetudinarium befand sich in der Zeit von sieben oder fünf vor Christus bis neun nach Christus in Haltern in Westfalen.
Die Valetudinarien hatten schon in Augusteischer Zeit eine besondere Bauform erhalten: Häufig lagen sie nicht in der Nähe der Lagermauer, sondern weiter im Inneren (Abbildung 2). In dem Legionslager von Neuss befand sich beispielsweise das Lazarett nahe dem Palast des Kommandeurs (praetorium) und des Hauptquartiers (principia).
Anhand des Grundrisses (Abbildung 3 a) und der Rekonstruktionszeichnung (Abbildung 3 b) kann man sich beispielhaft ein Valetudinarium vorstellen: An der Eingangsseite befand sich ein Säulengang (Abbildung 3 a, Nr. 1). Man gelangte durch den Vorraum (Nr. 2) zuerst in einen großen Saal (Nr. 3), der wohl vor allem für die ambulante Behandlung gedient haben dürfte. Von diesem Saal aus betrat man einerseits die Behandlungsräume (Nr. 4), andererseits einen langen Korridor (Nr. 6), auf dessen beiden Seiten die Krankenzimmer regelmäßig zu Gruppen von drei Räumen angelegt waren: Zwei Krankenzimmer (Nr. 9) verfügten über einen gemeinsamen Vorraum (Nr. 8) und waren von einem kleinen Korridor (Nr. 7) aus zugänglich. In jedem Krankenzimmer, das in der Regel mindestens 15 qm groß war, war Platz für bis zu vier Betten. Aus dem archäologischen Befund aus Neuss werden bei Nr. 10 ein Abort, bei Nr. 11 ein Leichenraum und bei Nr. 12 eine Küche vermutet. Im großen, von einem Peristyl umgebenen Innenhof (Nr. 5) befand sich ein hortus medico-botanicus, in dem Heilmittelpflanzen gezogen wurden. In den Legionslagern kann man bei optimaler Raumnutzung etwa mit 250 bis 300 Krankenbetten rechnen, was rund vier bis fünf Prozent der gesamten Mannschaft einer Legion die ärztliche und pflegerische Versorgung garantierte.
In den Auxiliarlagern waren die Valetudinarien mit circa 40 bis 50 Betten natürlich kleiner und ihre Bauformen variierten entsprechend. Für die medizinische Versorgung der Flotten sind hingegen Valetudinarien nicht bezeugt; bekannt ist lediglich aus einer Textstelle, dass in Ägypten kranke Matrosen auf ihrem Schiff behandelt wurden, wo sie auch schliefen.
Im Valetudinarium und außerhalb des Lagers wurden die Ärzte durch pflegerisches Hilfspersonal unterstützt. Die wichtigsten waren die capsarii, die Sanitätsgefreiten. Ihre Bezeichnung leitet sich von der capsa her, einer festen Schachtel, in der sie das Verbandmaterial bei sich trugen; im täglichen Dienst waren sie pflegerisch tätig. Dem inneren Dienst des Valetudinariums einer Legion, in dem etwa 20 bis 30 capsarii beschäftigt waren, stand ein Sanitätsfeldwebel (optio valetudinarii) vor. In den erheblich kleineren Valetudinarien der Auxiliareinheiten war ein solcher optio nicht erforderlich und die Anzahl der capsarii wesentlich geringer. In Nordafrika gab es noch eine besondere Gruppe von Hilfspersonal, die marsi, die in der Tradition des libyschen Stammes der Psyller auf die Behandlung von Schlangen- und Skorpionbissen spezialisiert waren. Zwar trifft man in vielen anderen Provinzen des Römischen Reiches ebenfalls auf giftige Tiere, jedoch gibt es ausgewiesene Experten für die Behandlung von deren Bissen erstaunlicherweise nur in Nordafrika.
Schließlich erfährt man aus einer Inschrift aus dem zweiten oder frühen dritten Jahrhundert nach Christus, dass die Betreuung der Zug- und Tragtiere, die für den Transport der Zelte und anderer Einrichtungen eines Valetudinariums während eines Feldzuges erforderlich waren, in der Hand von Spezialisten lag, den pecuarii (Viehspezialisten). Mit dem Abrechnungswesen der ärztlichen und pflegerischen Versorgung war ein Buchhalter (librarius) befasst, der dem Lagerkommandanten, dem praefectus castrorum, für den Kostennachweis des Lazaretts bis hin zur Abrechnung der Diät verantwortlich war. Insgesamt war also der Betrieb eines Valetudinariums, wie überhaupt das römische Militärsanitätswesen, sehr gut durchorganisiert und wurde zudem bei den Legionen durch den Lagerkommandanten, den bereits erwähnten praefectus castrorum, durch den Legionskommandeur (legatus legionis) und durch den Statthal-
ter (legatus Augusti pro praetore) regelmäßig kontrolliert.
Resümee
Der römische Militärsanitätsdienst stellte zweifellos eine leistungsfähige Organisation dar, die die Truppenverbände insbesondere an den viele tausend Kilometer langen Grenzen des Römischen Reiches mit den Errungenschaften der griechisch-römischen wissenschaftlichen Medizin versorgte, dadurch deren rationale Denkweise den Mittel- und auch Unterschichten nahe brachte und somit zur Verbreitung des hohen kulturellen Entwicklungsstandes der antiken Mittelmeerwelt beitrug.
Als wichtigste Errungenschaft bleibt allerdings, dass im Sanitätsdienst des Imperium Romanum mit dem Valetudinarium die Idee des Krankenhauses als einer ständig von Ärzten betreuten Institution in einem eigens dafür konzipierten und errichteten Gebäude geboren wurde, das ausschließlich für eine heilungsorientierte stationäre Therapie für viele Kranke eingerichtet worden war. Soldaten, deren Gesundheitszustand nach einiger Zeit als unheilbar prognostiziert wurde oder die als anderweitig dienstunfähig galten, wurden aus dem Militärdienst als so genannte causarii ehrenvoll entlassen. Die römischen Militärkrankenhäuser dienten außerdem der Ausbildung von jungen Militärärzten und Pflegern. Diese Valetudinarien, die vielerorts und bis in das vierte Jahrhundert hinein erfolgreich wirkten, haben als die ersten bekannten Krankenhäuser im heutigen Sinne zu gelten, die – abgesehen von islamischen Heilanstalten – im Abendland erst ab dem 18. Jahrhundert wieder kontinuierlich auftreten. Denn die christlichen Spitäler des Mittelalters bis hin zur früheren Neuzeit verfolgten bekanntlich andere Intentionen, wie vor allem die Fürsorge für Arme, Schwache und Kranke. Der Schritt zur Öffnung des Krankenhauses auch für die allgemeine zivile Bevölkerung bedeutete gegenüber dessen Erfindung keine entscheidende Neuerung: Das Krankenhaus kann somit als eine der großen zivilisatorischen Leistungen des Römischen Sanitätsdienstes gelten.

Manuskript eingereicht: 9. 4. 2003, revidierte Fassung
angenommen: 24. 6. 2003

zZitierweise dieses Beitrags:
Dtsch Arztebl 2003; 100: A 2592–2597 [Heft 40]

Literatur
1. Christ K: Geschichte der römischen Kaiserzeit von Augustus bis zu Konstantin. München: C. H. Beck 1988.
2. Davies RW: Service in the Roman Army. In: Breeze D, Maxfield V.A. (eds.). Edinburgh: University Press 1989.
3. Jackson R: Doctors and diseases in the Roman empire. London: British Museum Publisher 1988.
4. Krug A: Heilkunst und Heilkult, Medizin in der Antike. 2. Auflage. München: C. H. Beck 1993.
5. Le Bohec Y: Die römische Armee von Augustus zu Konstantin dem Großen, 2. Auflage. Stuttgart: Steiner 2000.
6. Nutton V: Roman medicine: Tradition, confrontation, assimilation. In: Aufstieg und Niedergang der Römischen Welt II, 37,1, Berlin, New York: De Gruyter 1993; 49–78.
7. Watson GR: The Roman soldier. Ithaca: Cornell University Press 1969.
8. Wilmanns JC: Der Sanitätsdienst im Römischen Reich. Eine sozialgeschichtliche Studie zum römischen Militärsanitätswesen nebst einer Prosopographie des Sanitätspersonals. Medizin der Antike Band 2. Hildesheim, Zürich, New York: Olms Weidmann 1995.

Anschrift der Verfasserin:
Prof. Dr. phil. Dr. med. habil. Juliane C. Wilmanns
Institut für Geschichte der Medizin
und Medizinische Soziologie
Technische Universität München
Klinikum rechts der Isar
Ismaningerstraße 22, 81675 München

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