ArchivDeutsches Ärzteblatt PP10/2003Gesundheitsreform/Praxisgebühr: Psychisch Kranke im Nachteil

EDITORIAL

Gesundheitsreform/Praxisgebühr: Psychisch Kranke im Nachteil

PP 2, Ausgabe Oktober 2003, Seite 433

Bühring, Petra

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LNSLNS Das Gesetz zur Modernisierung der Gesetzlichen Kran­ken­ver­siche­rung wird am 17. Oktober den Bundesrat passieren und damit endgültig par-
lamentarisch unter Dach und Fach sein. Gleich fünf Artikel in diesem Heft befassen sich mit der Reform: Der Beitrag auf Seite 439 kommentiert noch einmal die aktuelle politische Diskussion. Die folgenden mit dem Logo „DÄ-Serie Gesundheitsreform“ gekennzeichneten Beiträge informieren ausführlich über ausgewählte Schwerpunkte des Gesetzes.
Der Präsident der Psychotherapeutenkammer, Detlef Kommer, weicht mit seiner Einschätzung des Werkes nicht von der übrigen Linie ab: „Die Reform schafft keine dauerhaften Verbesserungen, nur kurzfristige finanzielle Entlastung.“ In drei bis vier Jahren werde nachgebessert werden müssen, „man kann nur hoffen, dass es dann zu vernünftigeren Lösungen kommt“, betonte er gegenüber der Redaktion von PP. So zum Beispiel in Bezug auf die Praxisgebühr, die bei allen Betroffenen großen Unmut hervorruft (siehe Seite 444). Zehn Euro pro Quartal soll der Patient für den Eintritt in die Praxis zahlen, es sei denn, er wird im jeweiligen Quartal vom Hausarzt überwiesen.
Psychotherapie-Patienten sind im Vergleich zu körperlich Kranken doppelt benachteiligt, denn Psychotherapie erstreckt sich fast immer über mehrere Quartale, wenn nicht Jahre, womit mehrfach Praxisgebühren fällig würden. Während chronisch Kranke sich in Disease-Management-Programme einschreiben können und somit von der Praxisgebühr befreit werden, ist diese Möglichkeit für psychisch Kranke im Gesetz nicht vorgesehen. Befreit werden können sie nur dann, wenn sie sich bei einem Hausarzt einschreiben und dieser in jedem Quartal eine neue Überweisung an den Psychotherapeuten vornimmt. Das steigert die Hemmschwelle, eine Psychotherapie zu beginnen, und konterkariert das mit dem Psychotherapeutengesetz lang erkämpfte Erstzugangsrecht zum Psychotherapeuten. Auch müssten sich Patienten in einer laufenden Psychotherapie gegebenenfalls in jedem Quartal aufs Neue ihrem Hausarzt gegenüber über den Verlauf der Therapie offenbaren. All das ist offenbar während der Gesetzesinitiative wenig durchdacht worden, ebensowenig wurden die Einwände der Bundes­psycho­therapeuten­kammer beachtet.
Auch die Ärzte sind nicht begeistert von dem Aufwand, den das Einziehen der Praxisgebühr mit sich bringen wird, und den Auswirkungen auf das Vertrauenverhältnis zu den Patienten. Doch können sie immerhin eine Sprechstundenhilfe zwischenschalten, die je nachdem bereits Erfahrungen mit der Geldannahme für Individuelle Gesundheitsleistungen (IGeL) hat.
Die wenigsten Psychotherapeuten – Psychologen und Ärzte – haben aber eine solche Hilfe. Schließlich: Das Argument, die Praxisgebühr als Steuerungsinstrument gegen „Doktor-Hopping“ und Arztbesuche bei Bagatellerkrankungen einsetzen zu wollen, macht bei Psychotherapien keinen Sinn. Petra Bühring
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