ArchivDeutsches Ärzteblatt46/1996Kran­ken­ver­siche­rung: Rational nicht erklärbar

POLITIK: Aktuell

Kran­ken­ver­siche­rung: Rational nicht erklärbar

Dtsch Arztebl 1996; 93(46): A-2998 / B-2414 / C-2173

Jachertz, Norbert

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LNSLNS Die Finanzierung des Gesundheitswesens macht nicht nur in Deutschland Probleme. Großbritanniens Gesundheitsdienst etwa scheint vor einem Kollaps zu stehen. Können andere Länder am deutschen Wesen genesen, etwa das Arzneimittelbudget übernehmen?


Versucht man einem Ausländer das deutsche Gesundheitswesen in nuce zu erklären, dann stellt sich schnell heraus, wie schwer das ist. Nahezu unmöglich ist es, die Windungen der deutschen Kostendämpfungspolitik bis hin zu den jüngsten Seehofer-Schöpfungen verständlich zu machen. Das erfuhren drei hochkarätige, durchaus mit der Gabe der anschaulichen Rede ausgestattete Referenten und eine Schar fachkundiger Journalisten bei einem Presseworkshop in Amsterdam. Dieser sollte der Frage nachgehen, ob das deutsche Modell ein Exportartikel sein könne. Der Tübinger Gesundheitsökonom Prof. Dr. med. Dr. med. h. c. Michael Arnold: "Man kann das deutsche Kran­ken­ver­siche­rungssystem nicht rational erklären."

Arzneimittelbudget – (k)ein Exportartikel?
Wäre denn zumindest das famose Arzneimittelbudget ein Exportartikel? Es hat in Europa immerhin einige Aufmerksamkeit erregt. Doch auch hier hat das deutsche Modell seine Tücken. Nachdem Prof. Dr. phil. Dietrich Nord, der Initiator des Amsterdamer Treffens, die Idee erklärt hatte, kam von einer englischen Journalistin die schlichte Frage, welche Sanktionen es denn gäbe, den einzelnen Arzt zur Einhaltung des Budgets zu veranlassen. Groß war ihr Erstaunen, als sie hörte, es gäbe nicht einmal aktuelle Zahlen über den Stand der Budgetausschöpfung, und auf den einzelnen Arzt könne das Budget gar nicht heruntergebrochen werden.
Zu Deutschlands Ehrenrettung sei allerdings gesagt, daß andere Systeme, gleichfalls historisch gewachsen, genausowenig exportierbar sind. Wer könnte zum Beispiel die in Südeuropa verbreiteten "Systeme des kleinen Briefchens" mit ihren ausgedehnten Grauzonen zwischen öffentlichem und privatem Bereich rational erklären?
Bleiben wir deshalb bei aktuellen innerdeutschen Problemen. Walter Kannengießer, sozialpolitischer Journalist aus Bonn, äußerte in Amsterdam erhebliche Zweifel an der Sinnhaftigkeit des bundesdeutschen Kassenwettbewerbs. Statt Kostendämpfung habe es bisher nur einen kostentreibenden Wettbewerb gegeben. Auch die von Seehofer geplante Koppelung zwischen Beitragssatz und Selbstbeteiligung hält Kannengießer für verfehlt. Dank Risiko­struk­tur­aus­gleich sowie einem im wesentlichen festgeschriebenen Leistungskatalog könne es zu einem echten Wettbewerb nicht kommen. Zum Wettbewerb gehöre nämlich auch der "Wettbewerb über das Produkt". Dann müsse man allerdings das ganze System zur Disposition stellen. Arnold plädierte dafür, Instrumente des managed care zu übernehmen. Er nannte drei Bereiche:
l Struktur des Versorgungsangebotes: Einführung des "gate keeper". Das bedeute zwar Einschränkung der Arztwahl, jedoch nicht, wie oft behauptet, der medizinischen Qualität.
l Ökonomische Anreize: Das Versicherungsrisiko könne (zum Teil) auf die Leistungserbringer verlagert werden (Beispiel: HMO).
l Ausarbeitung von "guide lines" für Diagnose und Therapie.
Das alles führe zur Beschneidung gewohnter Freiheiten, "aber wir stehen mit dem Rücken an der Wand".
Nord setzte sich mit dem Arzneimittelbudget auseinander. Die Anfangserfolge – wegen der "Budgetfurcht" der Ärzte, wegen der Ausschöpfung von Einsparpotentialen – seien verflogen. Steigende Inanspruchnahme ärztlicher Leistungen, zunehmende Verordnung innovativer Medikamente und der "verbliebene Sockel zweifelhafter Präparate" führten seit zwei Jahren zu Überschreitungen. Nord ließ Sympathien für eine Positivliste erkennen. Er wies auf das Bestreben von Krankenkassen und Kassenärztlichen Vereinigungen hin, zweifelhafte Arzneimittel auszugrenzen. Allerdings, so Nord, dürfe das Arzneimittelbudget "nicht um das Volumen der auszugrenzenden Präparate reduziert werden". Hinzuzufügen wäre, daß Nord nicht nur Gesundheitsökonom, sondern auch executive vice president der in Amsterdam domizilierenden Boehringer Mannheim Group ist. Deren Produkte, so gewiß die Hoffnung, würden auf einer Positivliste, von wem immer sie zusammengestellt würde, allemal auftauchen. NJ

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