ArchivDeutsches Ärzteblatt PP10/2003Psychoanalyse und Politik: Krieg und Frieden – Leistung und Misserfolg

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Psychoanalyse und Politik: Krieg und Frieden – Leistung und Misserfolg

PP 2, Ausgabe Oktober 2003, Seite 453

Schneider, Andrea

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LNSLNS Das Ressentiment aus psychoanalytischer Sicht oder: Warum Arafat und Sharon nur eine geringe Chance haben, einen Frieden zu bewirken.

Wer kann die Situation im Nahen Osten noch rational begreifen? Ein geknechtetes Volk – Israel – auf der einen Seite und ein geprügeltes – Palästina – auf der anderen. Angst vor wahllosen Selbstmordattentaten hier, Zittern vor gezielten Anschlägen – auch auf den Präsidenten – dort. Dabei ist es noch gar nicht lange her, da hatten sich Israels Premier Ariel Sharon und Palästinenserpräsident Yassir Arafat geschworen, auf Gewalt zu verzichten. Einer, der schon damals nicht an die Worte geglaubt hatte, war der in der Schweiz geborene und in den USA lebende Psychoanalytiker Leon Wurmser. Sein Argument: Beide, Sharon wie Arafat, verlören damit ihren Lebensinhalt. Das Ressentiment sei stärker als der erklärte und durchaus auch ersehnte Wunsch nach einem friedlichen Miteinander. Mehr noch: Das Ressentiment strukturiere das Leben und gebe ihm Sinn und Ziel.
Laut Duden bedeutet das Wort Ressentiment „heimlicher, stiller Groll, ohnmächtiger Hass, (Lebens)neid“. Psychoanalytische Modelle des Ressentiments gehen über derartige Definitionen hinaus: Wurmser glaubt, dass das manifeste Ressentiment im Wesentlichen durch eine Verletzung des Gerechtigkeitsgefühls geweckt wird. „Aggressive Wünsche und Gefühle, vor allem Neid, Eifersucht und Rachsucht“ gehen ihm voraus. Der Träger des Ressentiments fühle sich ohnmächtig und hilflos, die Wiederherstellung der Gerechtigkeit zu erreichen, was zu einer Verallgemeinerung des Opferstatus führe und den generellen Wunsch nach Revanche auslöse. „Übergriffe“, ergänzt der Aachener Psychoanalytiker Micha Hilgers, „erfolgen also nicht gegen das Gewissen oder aus einem Mangel an ihm, sondern in vollem Einklang mit der Gewissensinstanz.“ Ganz typisch sei deshalb die Larmoyanz, in der sich in Deutschland alle rechten Straftäter wiegen und mit der sie die eigene Gewaltbereitschaft leugnen.
Das Ressentiment hat viele Gesichter: Selbstmordattentäter vor israelischen Diskotheken, Aufmärsche deutscher Neonazis, die Pogrome von Rostock-Lichtenhagen, ethnischer Hass auf dem Balkan und die wiedererstarkte Rechte in Ländern der Europäischen Union, Totschlagsorgien mit Macheten und Äxten in Afrika. Feindbilder verliefen früher an der Grenze zwischen Arm und Reich, Links und Rechts, Ost und West, Liberal und Konservativ. Das hat sich nach Wurmsers Auffassung jedoch geändert. Mehr und mehr sei die „Komplexität des Lebens“ Auslöser von Ressentiments. Denn je komplexer die Strukturen, desto unübersichtlicher und damit unpersönlicher erscheint die Welt. Wer heute keinen Computer bedienen kann, ist in der Gesellschaft zu kaum etwas nütze. „Das Individuelle“, so Wurmser, „wird auf dem Altar der Allgemeinheit geopfert“, wenn der Zugang zu inneren Welten der Angst vor dem Seelenleben weicht. Wo lediglich Leistung und Erfolg zählen, bleibt kein Platz für individuelle Eigenarten, Macken, geschweige denn für Schwächen. Dafür aber für Scham, nicht so gut oder so leistungsfähig zu sein wie die anderen, oder für ein Gefühl der Ohnmacht, unter den gegebenen Umständen nicht mehr erreichen zu können.
Das Ungerechtigkeitsgefühl wächst, und damit die Bereitschaft, die vermeintliche Gerechtigkeit wieder herzustellen. Der Neid richtet sich gegen diejenigen, denen es gelungen ist, sich mit einer scheinbar unüberschaubaren Welt zu versöhnen. Der Shooting-Star der IT-Branche kann Ziel der Eifersucht sein oder der Rentner, der gemeinsam mit Schulkindern Fahrradschläuche repariert. Somit ist es eigentlich nicht die Leistung an sich, die Neid, Eifersucht und Rachsucht auf den Plan ruft. Sondern das Vorhandensein von Wünschen und realisierbaren Träumen in einer scheinbar desillusionierten Welt.
Der Hass von Skinheads richtet sich meist nicht gegen die, auf die sie vermeintlich neidisch und eifersüchtig sein können. Den Grund sieht Wurmser in deren Familien- und Kindheitsgeschichte. Denn wer in der Kindheit eigene Schwäche massiv erlebt und sich dabei missachtet oder zu Unrecht unterlegen wahrnimmt, kann ein Ressentiment gegen alles Schwache und Fremde entwickeln, das für die an der eigenen Person gehasste Ohnmacht steht. „Die eigene Schwäche wird zur Zielscheibe maßloser Wut“, sagt Wurmser. Da das aber niemand zulassen kann, richtet sich die Wut gegen alles andere. Eine Verkehrung ins Gegenteil, wie Psychoanalytiker sagen: Die eigene Bedrohung wird umgedreht und an andere, vermeintlich Fremde weitergegeben.
Eine strenge, autoritäre Erziehung kann, laut Wurmser, Quelle massiver Ressentiments sein. Diese These wird von Arno Gruen, Schweizer Psychoanalytiker, unterstützt: „Unser Überleben als Kind hängt davon ab, dass wir uns mit unseren Eltern arrangieren – und zwar auch und vor allem dann, wenn die Eltern tatsächlich kalt und gleichgültig oder grausam und unterdrückend sind. Damit übernimmt das Kind die lieblose Haltung der Eltern sich selbst gegenüber“, schreibt Gruen in seinem Buch „Der Fremde in uns“. Wurmser nennt das gleiche Phänomen „Seelenblindheit“: Eigene Bedürfnisse und Emotionen werden als schlecht empfunden. Das könne dazu führen, das genau diese Bedürfnisse bei anderen bekämpft werden. Geht die Erziehung zur Seelenblindheit mit einer starken Leistungsförderung einher, können die Kinder später zu charismatischen Führern werden – brillant in ihrem Fach, bewundert für Stärke und Durchsetzungsvermögen, aber kalt im Umgang mit sich und anderen.
Leon Wurmser versteht die Identifizierung mit einer Gruppe und ihrem Führer als Entlastung für den Einzelnen. Hass, Wut und Ressentiments werden gerechtfertigt erlebt. „Man fühlt sich unbesiegbar stark. Jetzt ist alles erlaubt.“ Das gelte besonders, wenn eine religiöse oder politische Autorität hinter der Gruppe stehe. „Dann wird einem alle Schuld abgenommen. Die größte Untat erfährt Absolution.“ Mit plötzlicher Empörung schaut die Weltöffentlichkeit nach Afghanistan, wenn Soldaten, gedeckt und im Schutz einer religiösen Führung, jahrtausendealte Statuen zerstören. Ressentiments auch noch im scheinbar gerechten Entsetzen: Die weltweite Empörung setzte erst ein, als das vorgeblich allen gehörende Weltkulturerbe der Zerstörung anheim gegeben wurde, nicht jedoch schon während der jahrelangen Morde und Unterdrückungen, die nicht steinerne Monumente, sondern lebende Menschen betrafen – als scheinbar ganz private Angelegenheit.
Leon Wurmser, der polyglotte und international renommierte Psychoanalytiker, ist ein bescheidener Mann. Ein Mann in seinem Widerspruch, wie der Dichter Conrad Ferdinand Meyer gesagt hätte. Denn auch wenn er seine Sympathien für Israel nicht verbergen kann, so trat er doch immer als Kritiker israelischer Politik auf. Er tadelt die „Arroganz der Macht“, die sich jahrzehntelang im Glanz sonnte, die arabische Welt in nur sechs Tagen besiegen zu können. Mehr Achtung vor Besiegten und Besetzten hätte er sich gewünscht, Respekt vor deren Werten und Bedürfnissen. Denn wer den „Respekt mit Füßen tritt, nährt das Ressentiment“.
Eine Annäherung beider Konfliktparteien könne seiner Ansicht nach nur durch einen demokratischen Prozess von unten erfolgen. Selbst ernst gemeinte Friedensverhandlungen seien von zweifelhaftem Wert. Denn die Verhandlungsführer müssten auf ihre Ressentiments verzichten, um Zugeständnisse nicht nur machen, sondern auch annehmen zu können. Beides, die Gabe wie die Annahme von Zugeständnissen, erfordert jedoch eine gewisse Toleranz gegenüber Scham. Denn aufeinander zugehen bedeutet immer auch, sich eigene Schwächen und Fehler einzugestehen. Das sei jedoch unmöglich bei Menschen, deren Lebensziel es sei, immer wieder die Stärke der eigenen Sache herauszustellen. Ein Ressentiment aufzugeben, sei im Palästina-Konflikt beinahe inkompatibel mit den Persönlichkeiten der verhandlungsführenden Politiker und ihrer Gefolgschaft, glaubt Wurmser. Selbst wenn der Wunsch nach Versöhnung noch so groß sei: Ein ernsthaftes Aufeinander-Zugehen würde die Verhandlungspartner ihrer Lebensziele und damit auch ihrer Zukunft berauben.
Der Münchener Psychoanalytiker Günter Lempa spricht vom Austausch und Ausgleich zwischen Gesellschaft und Individuum als Voraussetzung für das subjektive Gefühl von Gerechtigkeit. Es ist diese Suche nach dem Ausgleich oder nach der Linderung des Ressentiments, die man weder diplomatisch in amerikanischen Camps herbeiführen, noch durch anonyme Autoritäten verordnen kann. Die Aufgabe ist, in den Worten von Thomas Mann, getragen vom „Willen zu rettender Ehrfurcht des Menschen vor sich selbst“– ein erhaltenswürdiges Weltkulturerbe, wenn es um das Ressentiment geht. Andrea Schneider
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