ArchivDeutsches Ärzteblatt PP10/2003Psychisch Kranke: Gewalt als Hilferuf

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Psychisch Kranke: Gewalt als Hilferuf

PP 2, Ausgabe Oktober 2003, Seite 456

Merten, Martina

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Autoaggressive Gewalt in Form von Suizid nimmt bei Jugendlichen zu. Foto: epd
Autoaggressive Gewalt in Form von Suizid nimmt bei Jugendlichen zu. Foto: epd
Im Mittelpunkt der 5. Dortmund-Hemeraner Tage für Psychiatrie stand Gewalt als Phänomen psychiatrischer Störungen.

Ob aggressives Verhalten im Justizvollzug oder im Maßregelvollzug, bei depressiven Jugendlichen, Süchtigen, schizophren Erkrankten oder bei Sexualstraftätern – Gewalt gegen sich und andere stellt in vielen Fällen psychiatrischer Störungen einen Hilferuf dar. Mit Gründen für diese Art von Hilflosigkeit und Auswegen aus der Gewalt beschäftigten sich Vorträge, die Referenten auf den 5. Dortmund-Hemeraner Tagen für Psychiatrie in Dortmund und Hemer vorstellten.
Die Gründe für Gewalt im Justizvollzug sieht Dr. Joachim G. med. Witzel, Chefarzt am Landeskrankenhaus für Forensische Psychiatrie Uchtspringe, unter anderem in den fehlenden Kapazitäten psychiatrischer Konsiliardienste in der Ambulanz. Überforderte Anstaltsärzte und ausfällige Häftlinge, die auf die Situation mit Verstümmelungen am eigenen Körper, Schmieren mit Exkrementen oder Gewaltandrohungen bei Personal und Mithäftlingen reagieren, erlebt Witzel häufig. Akute Fälle würden meist nicht in psychosomatische Kliniken eingewiesen, weil dort das Sicherheitsrisiko als zu hoch eingestuft wird. In den meisten Maßregelvollzugsanstalten jedoch „sind die Kapazitäten voll ausgeschöpft“, so Witzel, „und außerdem fühlen sie sich aufgrund anderes lautender Gerichtsurteile meist nicht zuständig“.
Abhilfe, zumindest für die Dauer von sechs Monaten, schaffte ein Modellprojekt an der Justizvollzugsanstalt (JVA) Werl, in dessen Rahmen eine psychiatrische Akutbehandlungsstation mit sechs Einzelzimmern in räumlicher Nähe zur Krankenstation der JVA eingerichtet wurde. Die dort aufgenommenen psychisch kranken Häftlinge, die aus 14 Haftanstalten in Nordrhein-Westfalen (NRW) stammten, konnten notversorgt und zum allergrößten Teil (97 Prozent) mit hochpotenten Neuroleptika behandelt werden. „In 63,3 Prozent der Fälle zeigte sich eine deutliche Besserung“, so Witzel, „nur bei 6,7 Prozent war keine Besserung sichtbar.“
Über den Umgang mit aggressivem Verhalten bei Suchtpatienten referierte Dr. med. Thomas Kuhlmann, Chefarzt an der Psychosomatischen Klinik Bergisch Gladbach. „Der Alltag eines Süchtigen ist von vielfältigen Spannungen geprägt“, so Kuhlmann. Um diese innerlichen Spannungen von Drogen- oder Medikamentenabhängigen zu bewältigen, sei vor allem in der Entzugsphase Gewalt in Form von Drohungen gegenüber Mitarbeitern und anderen Patienten an der Tagesordnung. Im schlimmsten Fall komme es sogar zum Abbruch der Behandlung. Seit Ende der 90er-Jahre setzt die Klinik in Bergisch Gladbach auf ein neues Verhaltenskonzept: Bei Regelüberschreitungen wird versucht, den Konflikt unmittelbar zu klären und dabei alle Mitarbeiter miteinzubeziehen. Nur auf diese Weise, erklärte Kuhlmann, könne Transparenz entstehen. Dabei zielt das Konzept des so genannten Motivational Interviewing darauf, den Widerstand des Patienten nicht mit konfrontativem Gegendruck zu beantworten, sondern mit einer Änderung des therapeutischen Interventionsstils. Widerstand wird als Symptom angesehen, um Zuspitzungen und Eskalationen im Kontakt mit dem Patienten zu vermeiden.
Gewalt als Folge von Depression bei Jugendlichen
Mit Gewalt in Form von selbstverletzendem Verhalten bei Jugendlichen beschäftigte sich der Vortrag der Münsteraner Professorin Dr. Cecilia A. Essau. In der so genannten Bremer Studie zu Depressionen bei Jugendlichen, die Essau zusammen mit Kollegen vom Zentrum für Rehabilitationsforschung der Universität Bremen von 1996 bis 1997 durchführte, wurden 1 035 Jugendliche im Alter von zwölf bis 17 Jahren zu ihrem Allgemeinbefinden befragt. Im Ergebnis gaben 18 Prozent der Jugendlichen an, unter Depresssionen zu leiden, Mädchen häufiger als Jungen. Als Folge ihrer Depressionen äußerten wiederum 18 Prozent, einen konkreten Suizidplan gehabt zu haben, beinahe zehn Prozent unternahmen einen Suzidversuch, 2,1 Prozent wurden aufgrund der Depression stationär behandelt. Erkennbar, so Essau, sei auch der Trend zum kollektiven Selbstmord, was sich an der steigenden Zahl von Internet-Suizid-Foren (derzeit 30 in Deutschland) bemerkbar mache. !
Als möglichen Ausweg aus Depressionen und selbstverletzendem Verhalten bei Jugendlichen sieht Essau das „Friends-Program“ – ein australisches Modell zur Prävention von Angst und Depressionen bei jungen Menschen. Mithilfe von Motivationsübungen zur Überwindung von Angst- und Selbstzweifeln sowie Karikaturen und Zeichnungen werden Kinder und Jugendliche an ihre Ängste herangeführt und sollen lernen, diese zu überwinden. „Erwartungsangst, Vermeidungsverhalten, Demoralisierung, Hilflosigkeit und Suchtverhalten von Jugendlichen als Vorboten einer Depression sollen auf diese Weise verhindert werden“, so Essau. Zurzeit wird das „Friends-Program“ im Rahmen einer Präventionsstudie an 14 Schulen in NRW getestet.
Über Gewalttaten schizophren Erkrankter referierte Prof. Dr. med. Ulrich Trenckmann, Leitender Arzt der Hans-Prinzhorn-Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie in Hemer. „Schizophrenen Gewalttaten nachzusagen ist in den meisten Fällen falsch“, kritisierte Trenckmann. Nur fünf Prozent aller an Schizophrenie Erkrankten begehen laut Trenckmann Gewalttaten, und das auch nur nach langem, ungünstigem Krankheitsverlauf und vielfachen stationären Aufnahmen. Bei diesen fünf Prozent handele es sich meist um eine paranoid-halluzinatorische Form der Schizophrenie bei fehlender Medikation. „Besteht bei solchen Fällen keine Rückzugsmöglichkeit oder Option für alternatives Handeln, verstärkt das die Gefahr eines gewaltsamen Übergriffs“, berichtete Trenckmann. In vier bis zehn Prozent der Fälle richte der Schizophrene die Gewalt gegen sich selbst, in den restlichen Fällen könne sie nähere Angehörige, professionelle Helfer und manchmal sogar Unbeteiligte treffen. Bei Schizophrenen im Alter bis 26 Jahre bestehe ein siebenfach erhöhtes Risiko hinsichtlich Gewalttaten. Alles in allem handelt es sich laut Trenckmann jedoch um ein überschätztes Phänomen.
Gewalt als Hilferuf, so der Tenor der Tagung, spiegelt in den meisten Fällen ein Phänomen psychiatrischer Störungen wider, das sich gegen den Betroffenen selbst und nur selten gegen die Bevölkerung richtet. Auswege gibt es – sie müssen nur umgesetzt werden. Martina Merten
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