ArchivDeutsches Ärzteblatt PP10/2003Vor hundert Jahren wurde Medard Boss geboren: Heilkunde als „neue Art von Geburtshilfe“

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Vor hundert Jahren wurde Medard Boss geboren: Heilkunde als „neue Art von Geburtshilfe“

PP 2, Ausgabe Oktober 2003, Seite 457

Goddemeier, Christof

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LNSLNS Der Psychiater assimilierte die Gedankengänge der Heideggerschen Seinslehre und machte sie für die Psychiatrie und Medizin nutzbar.

Medard Boss wurde am 4. Oktober 1903 im schweizerischen St. Gallen geboren. Die Familie übersiedelte bald nach Zürich. Während seines Medizinstudiums bewunderte Boss den Psychiater Eugen Bleuler und wählte daher als Spezialgebiet die Psychiatrie.
Anlässlich eines Studienaufenthaltes in Wien begab er sich 1925 zu Sigmund Freud in die Analyse und war überrascht, dass dieser als Therapeut viel menschlicher war, als es seine strenge Theorie erwarten ließ. Freud hatte zu den Perversionen bemerkt, dass „die Allgewalt der Liebe sich vielleicht nirgends stärker als in diesen ihren Verirrungen zeige“. In seiner Habilitationsschrift „Sinn und Gehalt der sexuellen Perversionen. Ein daseinsanalytischer Beitrag zur Psychopathologie des Phänomens der Liebe“ (1947) fordert Boss, sich auf die „Norm der Liebe“ zu besinnen und definiert diese als „Versuch der Daseinseinigung und Daseinsmehrung durch die Hingabe an ein Du“, wodurch Welt, Selbst und Mitmensch in der Fülle ihrer Möglichkeiten erfahren werden. Hier erweist Boss sich als Meister in der Darstellung von Krankenge-
schichten, die sich unversehens in prägnantes Anschauungsmaterial für seine daseinsanalytischen Theorien verwandeln.
Problem der „Organwahl“
Bereits Carl Gustav Jung und Wilhelm Stekel hatten auf die „Eigenbedeutung der Traumgegenstände“ hingewiesen. Boss will sie, so wie sie „als unmittelbare Traumgegebenheiten erfahren werden, bestehen lassen“ („Der Traum und seine Auslegung“, 1953). Jedes Traumdetail enthält wie das Traumganze eine Fülle von Verweisen und Bedeutungszusammenhängen, die freigelegt werden können. Boss’ „Einführung in die psychosomatische Medizin“ (1954) wendet die phänomenologische Betrachtungsweise souverän auf die Probleme der Psychosomatik an: Ihm zufolge wird der Mensch unmittelbar als Ganzheit erfahren, und dieses Ganzheitliche müsse auch unsere wissenschaftlichen Aussagen über ihn enthalten. Das in der Psychosomatik so bedeutsame Problem der „Organwahl“ versucht er auf originelle Weise zu lösen: Den wichtigen Organen können jeweils gewisse „Austragungsthemen“ der Existenz zugeordnet werden; scheitert das Individuum in einem Punkt, so äußert sich sein Lebensdefizit in einer bestimmten Form von „Leiblichung“, die dem Organ anhaftet, das thematisch „angesprochen“ ist.
In seinem Hauptwerk „Grundriß der Medizin und Psychologie“ (1971) weist Boss nach, dass das naturwissenschaftlich-materialistische Kausal- und Körperdenken kein zureichendes Krankheits- und Gesundheitsverständnis bieten kann. Mit anderen tiefenpsychologischen Schulen weiß er sich darin einig, dass Krankheit dem Menschen oft nicht einfach von außen zustößt, sondern als mitunter einzig möglicher Daseinsvollzug kompensatorisch für viele nicht gelebte Möglichkeiten eintritt. Mit seinem daseinsanalytischen Ansatz hat Medard Boss großen Anklang gefunden. Er wurde Ordinarius an der Universität Zürich und Präsident der Internationalen Föderation für Ärztliche Psychotherapie. Seit 1972 gibt es ein „Daseinsanalytisches Institut“ in Zürich. Am 21. Dezember 1990 ist Medard Boss in Zollikon am Zürichsee verstorben. Christof Goddemeier
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