ArchivDeutsches Ärzteblatt PP10/2003Jena und der „Fall Albrecht“: Eine finstere Geschichte

THEMEN DER ZEIT: Reportage

Jena und der „Fall Albrecht“: Eine finstere Geschichte

PP 2, Ausgabe Oktober 2003, Seite 460

Jachertz, Norbert

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Klinikchefin in Jena, Rosemarie Albrecht, in ihren besten Jahren Foto: Ärzteblatt Thüringen
Klinikchefin in Jena, Rosemarie Albrecht, in ihren besten Jahren Foto: Ärzteblatt Thüringen
Eine in der DDR „verdiente Ärztin des Volkes“ wird der
„Euthanasie“ in der NS-Zeit beschuldigt. Die Ermittler tun
sich schwer. Voreilige haben ihr Urteil bereits gefällt.
Die Kollegen warten ab, und die Beschuldigte besteht auf einem Gerichtsverfahren, weil sie sich unschuldig glaubt.

Jena ist eine deutsche Universitätsstadt, wie sie im Buche steht. Schmuck und überschaubar, mit ansehnlicher Tradition. Doch gleich zweimal wurde die kleine Welt in jüngster Zeit mit hässlichen Geschichten konfrontiert: Der verstorbene Pädiater Jussuf Ibrahim, ein Säulenheiliger der Stadt, wurde der „Euthanasie“ beschuldigt, zunächst 1993 in einer Habilitationsschrift. Es schien unfassbar. Eine Universitätskommission hat den Vorwurf schließlich geprüft und für zutreffend befunden: Mindestens seit 1943 habe er Kinder in die Anstalt Stadtroda nahe Jena überwiesen, und er habe gewusst, dass sie dort umgebracht wurden.
Nach Ibrahim ein neuer „Fall“
Das Kapitel Ibrahim schien 2000 gerade abgeschlossen, als ein weiterer Euthanasieverdacht gegen eine Respektsperson Stadt und Universitätsgemeinde aufstörte, der „Fall Albrecht“. Im März 2000 war der thüringische Beauftragte für die Stasi-Akten, Jürgen Haschke, auf den alten Operativvorgang „Ausmerzer“ gestoßen, und der handelte gleichfalls von „Euthanasie“ während des Dritten Reiches in Stadtroda. Dabei tauchte auch ein Frl. Dr. Albrecht auf. Haschke zeigte Albrecht an, weil er „seiner staatsbürgerlichen Pflicht nachkommen wolle“, wie die Staatsanwaltschaft in Gera notierte.
Rosemarie Albrecht, Professorin der Medizin, zu DDR-Zeiten „verdiente Ärztin des Volkes“, ausgezeichnet mit dem Nationalpreis, bis 1975 Chefin der HNO-Klinik und von 1965 bis 1967 Dekanin der Medizinischen Fakultät, ist heute 88 Jahre alt, rüstig, zupackend, von einigem Charme und durchscheinender früherer Schönheit. Und sie will es wissen: Ist sie nun schuldig, oder ist sie es nicht? Die Staatsanwaltschaft soll Anklage erheben und das Gericht entscheiden, fordert sie.
Der „Fall“, soweit er sich bis heute ermitteln lässt: Als junge Pflichtassistentin kam Albrecht am 1. Mai 1940 in die damalige Landesheilanstalt Stadtroda und blieb dort bis zum Mai 1942. Albrecht war gerade 25 Jahre alt und hatte zwei Wochen zuvor das Studium abgeschlossen. Für Stadtroda hatte sie sich freiwillig gemeldet. 1940 war Krieg. Auch aus der Heilanstalt waren die Ärzte weitgehend abgezogen. Albrecht wurde mit der Betreuung der psychiatrischen Frauenabteilung mit 200 Betten betraut, weitere Ärzte gab es in der Abteilung nicht, und Albrecht war ja noch nicht einmal voll approbierte Ärztin, sondern Volontärin. Die formale Verantwortung lag somit bei dem Leiter der 700-Bettenanstalt Stadtroda, Dr. Dr. Gerhard Kloos. De facto aber war es so, folgt man der Erzählung von Albrecht, dass das seit Jahrzehnten tätige Pflegepersonal auf der Station das Sagen hatte, angeführt von einer resoluten Oberschwester, die schon seit 1915 in der Abteilung waltete. Und sie, Albrecht, habe das nicht infrage gestellt, sie habe geglaubt, das sei nun einmal in solchen Abteilungen so.
200 Betten lassen sich von einem Pflichtassistenten nicht in einem regulären Stationsbetrieb versorgen. Und so hatte man sich in Stadtroda eine famose Teilung der Station ausgedacht. Die als therapiefähig angesehenen Patientinnen wurden in einer Art Behandlungseinheit therapiert, das waren etwa zehn Prozent der Patientinnen, und die übrigen 90 Prozent wurden auf der restlichen Station verwahrt. Albrecht arbeitete in der Therapieabteilung und hatte mit der Verwahrabteilung wenig zu tun, sagt sie. Das besorgten die Schwestern.
Station mit einer Art „eisernem Vorhang“
Glaubt man nun Albrecht, dann hat sie nicht so recht gewusst, was hinter dieser Art eisernem Vorhang vor sich ging. Von „Euthanasie“ sei nie die Rede gewesen, selbstverständlich nicht. Dass in Stadtroda überhaupt damals „Euthanasie“ vorgekommen sei, sei ihr unbekannt geblieben. Später, 1942/43, als in der Anstalt eine Kinderfachabteilung eingerichtet wurde, ja, das könne sein. Aber da sei sie ja schon weg gewesen, und die Kinderfachabteilung sei ohnehin in der Verantwortung der Ärztin Margarete Hielscher gestanden.
So weit, zusammengefasst, Albrechts Darlegung im Gespräch und in einer Schutzschrift eines ihrer Rechtsanwälte gegenüber der Staatsanwaltschaft in Gera. Ob sie eine Ahnung hätte haben müssen, ist strafrechtlich eher irrelevant, wohl aber menschlich interessant. Ein Versuch, den Hintergrund zu beleuchten:
Im September 1939 überließ Hitler es „namentlich bestimmten Ärzten“, unheilbar Kranken „den Gnadentod“ zu gewähren – die Aktion T4. Im Sommer 1941 ist T4 offiziell beendet worden. Nach T4 liefen die Tötungen weiter, die so genannte wilde Euthanasie, aber verdeckter. Mit dem Aufkommen der Kinderfachabteilungen wurde „Euthanasie“ wieder systematischer betrieben, die Abteilungen, so auch in Stadtroda, dienten der Kindestötung unter wissenschaftlicher Verbrämung.
Im Ort Stadtroda wurde, berichtet eine Zeitzeugin, über die Anstalt getuschelt: Man habe bei unheilbar Geisteskranken „nachgeholfen“. Die Beteiligung der leitenden Ärzte von Stadtroda kann heute nicht mehr bezweifelt werden. Gehörte aber die junge Volontärin zu den Wissenden?
Die von Albrecht ins Feld geführte Abschottung der Behandlungsabteilung von der eigentlichen Station hat auch die Ermittlungsbehörden beschäftigt. Ein Kriminalbeamter nahm die Anstalt, die heute eine angesehene Klinik ist, vor Ort in Augenschein, studierte alte Pläne und kam zu dem Ergebnis, dass es eine räumliche Trennung nicht gegeben habe. Das schließt freilich nicht aus, dass es eine organisatorische gab. Dennoch erscheint es unwahrscheinlich, dass ein hochintelligenter Mensch in einem Teil der Abteilung keinerlei Ahnung davon hatte, was im anderen Teil passierte, zumal Anstaltsleiter Kloos seiner Volontärin Albrecht bei deren Ausscheiden am 12. Mai 1942 bescheinigte, in ihrer Abteilung „straffe Ordnung“ gehalten zu haben. Auch eine frühere Angestellte in Stadtroda erinnert sich an das bestimmte Auftreten von Albrecht.
Damals in Stadtroda könnte der jungen Ärztin, die in Kobe als Tochter eines Deutschen und einer Japanerin geboren wurde, ihre Abstammung zu schaffen gemacht haben. Das waren ja „rassebewusste“ Jahre. Kloos beispielsweise rechtfertigte ihre Einstellung gegenüber dem Reichsstatthalter Thüringen damit, dass sie „kein störend fremdartiges Aussehen“ habe. Der Rektor der Universität Jena, Prof. Dr. med. Karl Astel, ein überzeugter Nazi und ständiger Gast bei Kloos in Stadtroda, ließ sich Albrecht nach der Einstellung vorführen und entließ sie mit dem Bemerken, man könne sie akzeptieren. Die Abstammung hatte schließlich Einfluss auf die Position von Albrecht. Das Reichsinnenministerium nämlich erklärte sich am 6. Juli 1940 lediglich einverstanden, dass sie „vorläufig als Volontärassistentin (nicht Volontärärztin) beschäftigt wird. Sie ist noch nicht als Arzt bestallt. Das vor kurzem eingereichte Bestallungsgesuch wird wegen der Abstammung der Albrecht noch einige Zeit zu seiner Erledigung bedürfen“. Dieser Bescheid spricht indirekt dafür, dass Albrecht zumindest anfänglich keine Weisungsbefugnis hatte und die unmittelbare Verantwortung beim Anstaltsleiter Kloos lag. Er lässt freilich auch darauf schließen, dass Stadtroda für Albrecht eine Bewährungsprobe war.
Wenn auch Albrecht nicht gewusst haben will, was in der Anstalt vorging, so ganz normal verlief auch nach ihrer Erinnerung der Alltag nicht. Albrecht weiß zum Beispiel von einer Verlegungsaktion mit 58 Patienten ins sächsische Zschadraß am 4. September 1940. Dort war gleichfalls eine Pflegeanstalt untergebracht. Sie diente in jenen Jahren als Zwischenstation für die Tötungsanstalt Pirna-Sonnenstein, in der Patienten vergast wurden. Albrechts Erinnerung ist ein wenig anders. Sie sei mit der Oberschwester eingeteilt worden, den Transport zu begleiten. Von der Anstaltsleitung hätten sie eine Liste bekommen mit Patientinnen, die mindestens fünf Jahre in der Anstalt waren, zwei Jahre nicht therapiert wurden und als nicht arbeitsfähig galten. Mit denen seien sie auf einem Lastwagen, sie an der Ladeklappe, losgefahren. In Zschadraß habe man die Patientinnen abgeliefert und sei wieder zurückgekehrt. Erst geraume Zeit später habe Kloos sicht-
lich verlegen mitgeteilt, die Patientinnen seien von der SS erschossen worden.
Das ist lange her, die Erinnerung kann bis heute schmerzen. Albrecht ist jedenfalls glücklich darüber, eine Patientin („mein Mariechen“), vor dem Transport nach Zschadraß bewahrt zu haben. Eine Ahnung über die Absichten, die mit der Verlegung verfolgt wurde, mag wohl mitgeschwungen haben.
Auch eine andere Verlegung haftet Albrecht im Gedächtnis, gleichfalls bezeichnend für die Zeit. Ein Jahr später, am 8. September 1941 traf in Stadtroda ein Transport mit behinderten Kindern aus der diakonischen Anstalt Bad Blankenburg ein. Die Kinder waren in erbärmlichen Zustand, wie sich Albrecht heute noch erinnert. Sie wurden in Stadtroda seltsamerweise auf die Erwachsenenabteilungen verteilt. In die psychiatrische Frauenabteilung, wo Albrecht tätig war, gelangten 18 behinderte Mädchen. Von diesen verstarben innerhalb von drei Monaten elf. Eine überlebende Blankenburger Zeugin erinnert sich freilich mit guten Gefühlen an die Behandlung durch Albrecht, mit schlimmen indes an die
Verhältnisse auf der Station. Noch heute erregt sie, dass des Morgens oft Kinder tot in den Betten gelegen hätten.
Die Vergangenheit wäre Vergangenheit geblieben, hätte nicht 1964 bis 1966 die Staatssicherheit der DDR nachgebohrt und wäre nicht 2000 jener Operativvorgang „Ausmerzer“ aufgetaucht.
Drechslers plötzliche Entdeckung
Auslöser der Stasi-Ermittlungen war im November 1964 eine Meldung des damaligen Leiters von Stadtroda, Prof. Dr. Erich Drechsler: Er habe zu seiner Überraschung Krankheitsgeschichten gefunden, die auf „Euthanasie“ in den Jahren 1941 bis 1943 hinwiesen. Es seien Personen „abgespritzt“ worden. Der Verdacht fiel unter anderem auf Dr. Gerhard Kloos. Drechslers Offenbarung ist umso merkwürdiger, als er wenige Zeit zuvor für Kloos, seinen Vorgänger, einen „Persilschein“ ausgestellt hatte: Es habe bei ihm keine „Euthanasie“ gegeben. Diese Bescheinigung dürfte entscheidend dazu beigetragen haben, dass 1963 Ermittlungen gegen Kloos in Göttingen eingestellt wurden.
Nunmehr war Drechsler, der in der NS-Zeit dem Erbgesundheitsgericht beisaß, „der festen Überzeugung, dass in Stadtroda Euthanasieverbrechen begangen wurden“. In der Akte „Ausmerzer“ werden 159 Todesfälle Albrechts Abteilung zugeordnet. Es wird freilich nicht genau unterschieden, ob es sich um gewöhnliche oder ungewöhnliche Todesfälle handelte. Die Staatsanwaltschaft in Gera ließ im Mai 2000 verlauten, es gäbe „gewichtige Hinweise, dass elf Kinder und vier erwachsene weibliche Patienten, die unterschiedlich schwer ausgeprägte geistige/körperliche Behinderungen aufwiesen, eines nicht natürlichen Todes gestorben sind“. Außerdem kündigte sie an, „die Überprüfung von weiteren, von der Beschuldigten geführten Patientenakten werde noch erfolgen“.
Ein Gutachter muss passen
Überprüft wurde zwar, doch seit kurzem ist nicht einmal mehr die Rede
von elf Kindern und vier Erwachsenen.
Eine vorläufige Begutachtung der Krankenakten hat ergeben, dass lediglich in fünf Fällen ermittelt werden kann. Durchweg geht es darum, ob Schlafmittelgaben zum Tod führten.
Ermittler und Gutachter stützen sich auf Krankenblätter, auf denen die Handschrift Albrechts zu erkennen ist. Die wurden in Stadtroda anscheinend nicht systematisch geführt. Das erschwert es, Kausalität im strafrechtlichen Sinne zwischen Dosis und Tod nachzuweisen. Gerade eben hat ein Gutachter das Handtuch geworfen, beziehungsweise die Staatsanwaltschaft musste ihm den Auftrag entziehen, weil er nicht zurande kam. Jetzt ist ein Neuer dran. Und das verlängert die Wartezeit einmal mehr. Die Staatsanwaltschaft wartet „fast verzweifelt“.
Albrechts Rechtsvertreter, der Koblenzer Rechtsanwalt Eberhard Neumann, hat unterdessen geprüft, ob die Taten, derer Albrecht beschuldigt wird, nicht verjährt sind. Die Frage ist kompliziert, weil DDR-Recht anzuwenden und dieses nicht eindeutig ist. Neumann hofft allerdings, Verjährung nachweisen zu können. Ein solcher Abschluss des Verfahrens wiederum wäre Albrecht nicht recht.
In Jena wird gemunkelt, die Staatsanwaltschaft würde das Verfahren am liebsten einstellen. Solche Absichten weisen freilich Oberstaatsanwalt Thomas Villwock und sein Chef, der leitende Staatsanwalt Raimund Sauter, unisono zurück. Man ermittle nach wie vor, berücksichtige dabei auch allgemeine historische Literatur zur „Euthanasie“ und zu Stadtroda, ziehe auch die Stasi-Akte zurate, aber die Beweislage sei halt mager. Zu berücksichtigen sei auch der subjektive Faktor: das jugendliche Alter von Albrecht, als sie in Stadtroda arbeitete, die Abhängigkeit von ihrem Chef Kloos. Jedenfalls beabsichtige man keine „biologische Lösung“. Sprich, man spekuliert nicht darauf, dass die betagte Dame vor Eröffnung des Verfahrens stirbt.
Die ist in der Tat gesonnen durchzuhalten. Vielleicht hält sie die Erwartung einer Gerichtsentscheidung sogar am Leben. Sie wolle wissen, ob ein Gericht sie für unschuldig erkläre oder sie eine Massenmörderin genannt werden dürfe.
Mummenschanz im Vorgarten
Tatsächlich kursieren in Jena solch böse Worte wie Massenmörderin oder Euthanasieärztin. Die Wogen der Empörung schlagen hoch. Albrecht traut sich kaum noch in die Stadt, um nicht scheele Blicke zu ernten. Im Frühjahr dieses Jahres hat gar ein Trupp vermummter Gestalten ihr Haus heimgesucht und Flugblätter gestreut, in denen eine gerade Linie von Haeckel und dessen Rassenlehre über Ibrahim bis zu Albrecht, allesamt Jenaer Wissenschaftler, gezogen wird.
Die wilde (und auch feige) Aktion hat einen alten Kollegen von Albrecht, Prof. Gerhard Klumbies (83), ehedem Chef der medizinischen Poliklinik, empört. Bei einem Treffen der Emeriti der medizinischen Fakultät versuchte er, eine Solidaritätsaktion zustande zu bringen. 22 Emeriti haben in der Tat daraufhin bekundet, man möge erst die Ergebnisse des Verfahrens abwarten, bis dahin bleibe „die Bezeichnung von Frau Prof. Dr. Albrecht als Euthanasieärztin eine nicht vertretbare Vorverurteilung“. Zu mehr wollte man sich nicht verstehen. Die einen hatten Angst, auch in ihren Vorgärten könnten womöglich Vermummte auftauchen, die anderen beriefen sich auf einen Ratschlag der Universitäts-Pressestelle, man solle sich aus der Sache heraushalten, andere bekundeten, über die Verhältnisse in Stadtroda und in der NS-Zeit nicht Bescheid zu wissen. Auffallend ist, dass unter den 22 Unterzeichnern Albrechts unmittelbarer Nachfolger als Leiter der HNO-Klinik, auch er emeritiert, nicht auftaucht. Da mögen persönliche Gründe eine Rolle spielen, dass er sich, wie es heißt, „der Stimme enthalten hat“. Man geht vorsorglich auf Distanz, bis auf einige wenige, wie den heutigen Chef der HNO-Klinik, Prof. Dr. Eggert Beleites, der zudem Präsident der thüringischen Ärztekammer ist. Er plädiert, wie schon im Fall Ibrahim, für eine differenzierte Beurteilung statt voreiliger Verurteilung.
Bezeichnend ist es, dass bei unserer Recherche eine Vielzahl der Befragten zwar bereitwillig Auskunft gab, aber darum bat, namentlich nicht genannt zu werden. So nebenbei ist der „Fall Albrecht“ somit auch eine Geschichte der sprichwörtlichen Freunde in der Not. Die sind rar. Albrecht war nach dem Bekunden von Schülern und Kollegen eine gestrenge Lehrmeisterin und Chefin, ein Vorbild. Sie hatte aber auch ihre Neider, ihr akademischer Aufstieg war tadellos, und das, ohne in der Partei gewesen zu sein. Sie war halt ungemein tüchtig in ihrem Fach und hat den Aufstieg aus eigener Kraft geschafft, wenn auch „ein Mitgrund war, dass sie eine Frau ist“, so jedenfalls begründete ein alter Kollege ihre Wahl zur Dekanin. Das habe mit den Zielen der SED übereingestimmt, sie sei somit eine Vorzeigeperson gewesen.
Das war wohl mit ein Grund dafür, dass die Staatssicherheit ihre Ermittlungen einstellte. Offiziell wurde die Akte „Ausmerzer“ im Mai 1966 mit dem Vermerk „zeitweilig gesperrt“ abgelegt, weil „das vorhandene Material die Einleitung eines Untersuchungsverfahrens nicht rechtfertigt“. Einer der Stasi-Ermittler erinnert sich heute freilich daran, dass das Ministerium für Staatssicherheit keinen Zweifel daran gehabt habe, dass Stadtroda in die Euthanasie eingebunden gewesen sei. Gegen Albrecht sei aber deshalb nicht konsequent weiterermittelt worden, weil „es nicht in die politische Landschaft der DDR gepasst hätte“. Albrecht versichert, ihr sei von den Stasi-Ermittlungen erst im Nachhinein beiläufig von einem Kreisarzt berichtet worden. Oberstaatsanwalt Villwock, der sich mit dem Strafrecht in der DDR einigermaßen beschäftigt hat, weist darauf hin, dass die Partei- und Staatsführung Verfahren beeinflusst habe, sowohl bei den Ermittlungen wie bei den Gerichten, und nach Opportunität entschieden habe. Er hält es aber auch für möglich, dass die Stasi ihr Ermittlungsergebnis unter der Decke gehalten habe, um es gegebenenfalls als Druckmittel in der Hinterhand zu haben. So etwas sei an der Tagesordnung gewesen, gerade bei derartigen Personengruppen.
Eine gewisse Tragik
Den Strich unter den Fall Albrecht können wir nicht ziehen. Unser Mitleid gilt den Opfern, diesen hilflosen Menschen. Die Wahrheit wird wohl nie herauskommen.
Eins freilich ist sicher. Die alten Geschichten, ob nun was dran ist oder nicht, überschatten das Leben der Beschuldigten und beeinflussen alle, die an sie geglaubt haben. Da hilft es auch nicht, dass Frau Professorin Dr. med. habil. Dr. h.c. Rosemarie Albrecht eine makellose akademische Karriere aufzuweisen hat, ihre Klinik tadelfrei organisierte, hunderten Patienten mit einer von ihr entwickelten Gehör verbessernden Technik half und ihr Leben lang hart gearbeitet hat. Selbst in Stadtroda. „Das waren wunderbare Jahre“, resümiert sie heute „ich konnte arbeiten, arbeiten, arbeiten“. Norbert Jachertz
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