ArchivDeutsches Ärzteblatt PP10/2003Prävention: Rauchverbot in Schulen ist überfällig

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Prävention: Rauchverbot in Schulen ist überfällig

PP 2, Ausgabe Oktober 2003, Seite 464

Gohlke, Helmut; Meinertz, Thomas; Gottwik, Martin G.; Becker, Hans-Jürgen

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Die Deutsche Gesellschaft für Kardiologie und die Deutsche Herzstiftung fordern Tabakprävention für Jugendliche.

Zigarettenrauchen ist der wichtigste Einzelfaktor für vorzeitigen Tod und frühzeitige Arbeitsunfähigkeit in den Industriestaaten. Diese Erkenntnis hat bereits – nicht nur in Deutschland – zu Rauchverboten in öffentlichen Gebäuden, in Flugzeugen und sogar auf Bahnhöfen geführt. In den Schulen hingegen erfolgt die Umsetzung des Nichtrauchergebotes nur sehr zögerlich. Teilweise bleiben Raucherecken oder -zimmer bestehen, oder das Rauchen ist in vielen Lehrerzimmern weiterhin gestattet. Weil gerade junge Mädchen früher und häufiger mit dem Zigarettenrauchen beginnen, zeigen junge Frauen bereits eine zunehmende Häufigkeit an Herz- und Krebserkrankungen. Die Umsetzung des Nichtrauchergebotes in der Schule erscheint deshalb, aber auch aus vielen anderen Gründen, besonders wichtig:
1. Ein rauchfreies Schulgelände ist ein Schlüsselelement, um den Einstieg in den Tabakkonsum zu verhindern und den Tabakkonsum bei Jugendlichen zu reduzieren. Dagegen sind begrenzte Rauchverbote, die älteren Schülern sowie Lehrern das Rauchen in ausgewiesenen Bereichen gestatten, unwirksam. Rauchverbote auf dem Schulgelände sollten gleichermaßen für Schüler, Lehrer, das gesamte Schulpersonal und für Besucher gelten, ebenfalls bei schulischen Veranstaltungen außerhalb des Schulgeländes.
2. Neuere medizinische Erkennisse unterstreichen diese Notwendigkeit: Es ist bekannt, dass jeder zweite chronische Raucher an den Folgen des Nikotinkonsums stirbt. Die heutigen Zigaretten sind jedoch noch schädlicher als die Produkte, mit denen diese Erkenntnisse gewonnen wurden: Sie sind zu malignen Designerdrogen umfunktioniert worden; um nur zwei Aspekte zu nennen:
- Durch den Zusatz von Ammoniak zum Rohtabak wird die Bioverfügbarkeit von Nikotin erhöht, sodass das Abhängigkeitspotenzial von Zigaretten verstärkt wird.
- Durch den Zusatz von Zucker und Kakao zum Rohtabak wird erreicht, dass die natürliche reflektorische Verengung der Bronchien bei Rauchinhalation so vermindert wird, dass neben dem Nikotin auch die über 50 (!) im Rauch enthaltenen krebserregenden Stoffe ungehindert tief in die Lunge vordringen können. Dies hat zur Folge, dass Bronchialkarzinome bereits früher auftreten, als dies bisher der Fall war.
Diese heimlich vorgenommene und lange Zeit von der Tabakindustrie geleugnete Veränderung des Zigarettendesigns ist in der Öffentlichkeit nicht ausreichend bekannt.
Inzwischen liegt das Einstiegsalter für den Zigarettenkonsum in Deutschland bereits bei 13,6 Jahren. Bis zum 18. Lebensjahr raucht fast die Hälfte der Jugendlichen. Kardiologen und Onkologen erleben täglich die Folgen des Zigarettenrauchens. Dagegen zeigen Tabakkontrollprogramme in Kanada, den USA und Australien ihre Wirkung; so rauchen in Kalifornien nur acht Prozent aller Jugendlichen.

Prof. Dr. med. Helmut Gohlke
Prof. Dr. med. Thomas Meinertz
Prof. Dr. med. Martin G. Gottwik
Prof. Dr. med. Hans-Jürgen Becker


Das Deutsche Krebsforschungszentrum hat ein Gesamtkonzept entwickelt, das in einer Publikation „Handlungsempfehlungen für eine wirksame Tabakkontrollpolitik in Deutschland“ zusammengefasst wurde. Diese Publikation kann unter www.aerzteblatt.de/plus3903 heruntergeladen werden.
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