ArchivDeutsches Ärzteblatt PP10/2003Behinderte: Zaghafte Fortschritte

THEMEN DER ZEIT: Kommentar

Behinderte: Zaghafte Fortschritte

PP 2, Ausgabe Oktober 2003, Seite 465

Clade, Harald

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LNSLNS Menschen mit Behinderungen, vor allem Schwerbehinderte und psychisch Gehandicapte, haben es in Wirtschaft und Gesellschaft doppelt schwer, anerkannt und beruflich wie gesellschaftlich integriert zu werden. Um das Schicksal und die Integration dieser sozial Benachteiligten kümmern sich nationale und supranationale Organisationen und Einrichtungen. Doch oftmals fehlt es am notwendigen Engagement, der Umsetzung und vor allem am Geld. Erste Fortschritte brachte die Neukodifizierung des Rehabilitations- und Schwerbehindertenrechtes im neu gefassten Sozialgesetzbuch IX, das am 1. Juli 2001 in Kraft trat. Allerdings ist es mit Aktionen und Kampagnen nicht getan, wie etwa der noch wenig bekannten Kampagne der Europäischen Union (EU), die das Jahr 2003 zum „Europäischen Jahr der Menschen mit Behinderungen“ ausgerufen hat – ohne dass bisher spektakuläre Taten gefolgt sind.
In Deutschland leben mehr als 6,6 Millionen Schwerbehinderte, die zumeist körperlich gehandicapt sind. Sie leiden beispielsweise an Erkrankungen der inneren Organe, des Skeletts oder anderen chronischen Erkrankungen (etwa multiple Sklerose oder Morbus Bechterew). Jeder siebte Schwerbehinderte hat wegen einer geistigen oder seelischen Erkrankung einen „Behindertenausweis“, der ihn zwar nicht stigmatisiert, aber ihm steuerliche und andere finanzielle und vor allem praktische Vorteile verschaffen soll.
Tatsache ist: In Zeiten hoher und lang anhaltender Arbeitslosigkeit haben es Behinderte schwerer als „Normale“, ihren Arbeitsplatz zu behalten oder beruflich reintegriert zu werden. Oftmals sind die Arbeitsplätze zu starr auf voll Erwerbsfähige und Gesunde ausgerichtet und zu inflexibel, um auch Behinderte in Arbeit und Brot zu halten und zu bringen. Allerdings ist die Schwerbehinderten-Arbeitslosigkeit in den letzten Jahren entgegen dem allgemeinen Trend rückläufig – trotz der Tatsache, dass jeder zweite arbeitslose Schwerbehinderte älter als 45 Jahre ist (bei allen Arbeitslosen gehören weniger als 30 Prozent dieser Altersgruppe an).
Nach jüngsten Statistiken besetzten im Jahr 2001 beschäftigungspflichtige Arbeitgeber rund 770 000 Arbeitsplätze mit schwerbehinderten Menschen – dies entsprach einer Quote von 3,8 Prozent. Knapp 130 000 Plätze blieben unbesetzt. Allerdings fand sich nicht einmal für jeden Schwerbehinderten-Arbeitsplatz ein passender Berufsaspirant. Im September 2002 suchten 148 856 Schwerbehinderte einen Job – fast 50 000 weniger als noch fünf Jahre zuvor. Wenngleich die Zahl in den ersten sieben Monaten 2003 im Vergleich zum Vorjahreszeitraum wieder angestiegen ist, wurde die Arbeitslosigkeit der behinderten Berufsfähigen längerfristig deutlich reduziert.
Nicht getan ist es damit, dass die beschäftigungspflichtigen Arbeitgeber per Gesetz veranlasst werden, eine Mindestquote für Behinderte zu reservieren – andernfalls ist eine Ausgleichsabgabe fällig, die solche Firmen zahlen müssen, die zu wenig Behinderte eingestellt haben. Diese Abgabe beträgt – je nachdem, wieweit die erforderliche Quote verfehlt wurde – 105 bis 160 Euro je Monat und nicht besetztem Pflichtarbeitsplatz. Für die beschäftigungsverpflichteten Firmen kommt dies teuer zu stehen: Sie haben (Straf-)Abgaben in dreistelliger Millionen-Euro-Höhe zu entrichten. Zudem: Der Aufwand der Sozialleistungsträger ist enorm und expandiert Jahr für Jahr. Allein die Rentenversicherungsträger geben für Maßnahmen der medizinischen Rehabilitation mehr als 3,6 Milliarden Euro aus, oftmals eine lohnende Investition in das Humankapital und gewiss ein wichtiger Beitrag zur Humanisierung der Gesellschaft. Dr. rer. pol. Harald Clade
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