ArchivDeutsches Ärzteblatt PP10/2003Flüchtlinge: Fehlender politischer Wille
Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS
Foto: KNA
Foto: KNA
Der Autor hat die Praxis der Abschiebung von traumatisierten Flüchtlingen sehr gut dargestellt und die wissenschaftlichen Erkenntnisse zusammengefasst. Es sollen dennoch hier weitere Punkte erwähnt werden:
Die immer wieder dargestellten Vorwürfe, dass Ärzte oder Psychologen für die Patienten beziehungsweise Traumatisierten Gefälligkeitsgutachten ausstellen würden, kann ich nicht nachvollziehen. Wenn so genannte „Amtsärzte“ in einer Zelle und nach höchstens fünf bis zehn Minuten zum Entschluss kommen, dass der Betroffene reise- und haftfähig wäre, ist das dann nicht ein Gefälligkeitsschreiben beziehungsweise Feststellung für die Behörden?!
Amtsärzte, die ausführliche Gutachten durchführen und die Traumatisierung dann auch letztendlich feststellen, werden von den Ausländerbehörden boykottiert oder erst recht nicht beauftragt. Soll man das nicht auch als ein Gefälligkeitsschreiben beziehungsweise Gefallen betrachten?!
Ärzte, die den Flüchtlingen schon von Anfang an sagen, „Sie werden abgeschoben, auch wenn Sie hier Theater machen (weinen)“, ist das nicht eine Gefälligkeitstat für die Behörden?!
Untersuchungen, die absichtlich in Anwesenheit mehrerer Personen durchgeführt werden, wie zum Beispiel Arzt, AiP, Schwester et cetera, ist das nicht auch eine Gefälligkeitsabsicht?!
Zu der Problematik der Zusammenarbeit mit Dolmetschern:
Es gibt sehr wenige Dolmetscher, die nebst Sprache auch die Kultur übersetzen beziehungsweise dolmetschen. Seitens der Behörden werden überwiegend Dolmetscher beauftragt, die mehr Erfahrung und Kenntnisse über das Dolmetschen vor Gericht oder bei der Polizei besitzen. Aus eigener Erfahrung wissen wir, dass das Dolmetschen während einer psychologischen Begutachtung oder therapeutischen Gesprächen einen großen Unterschied zu den Gesprächen beziehungsweise Verhandlungen bei Ämtern oder vor Gerichten darstellt. Hierzu möchte ich auch als Beispiel das Psychosoziale Zentrum in Düsseldorf nennen, das schon seit Jahren Dolmetscher für die Zusammenarbeit mit Therapeuten und Psychologen ausbildet. Nur durch solche Kenntnisse ist man in der Lage, auch kulturelle Besonderheiten oder Hintergründe (wie von Dr. med. Gierlichs bereits festgestellt) in Verbindung mit Gestik, Mimik oder Körpersprache zu vermitteln. Demnach können wir die Dolmetscher, die solche Erfahrung und Spezialisierung besitzen, eher als Sprach- und Kulturvermittler bezeichnen.
Das Geschäft mit „Begutachtung“ von Flüchtlingen boomt! Es werden in letzter Zeit GmbHs gegründet, um die vielen Gutachten zu bewältigen, und Daten werden vorab festgelegt, damit auch weitere Aufträge seitens der Behörden eingehen.
Das Problem ist meines Erachtens das Fehlen des „Willens“, auch in der Politik, diese Praxis zu ändern.
Dipl.-Psych. Dr. Khalil Al-Jaar, Gerichtsstraße 5, 51379 Leverkusen
Anzeige

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige