ArchivDeutsches Ärzteblatt46/1996Seehofers Schirmherrschaft

POLITIK: Die Glosse

Seehofers Schirmherrschaft

Dtsch Arztebl 1996; 93(46): A-3001 / B-2417 / C-2177

Grote, Wolfgang

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LNSLNS Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter Horst Seehofer übernimmt gerne die Schirmherrschaft zum Festakt: "200 Jahre Homöopathie." Dr. Hahnemann sei es gedankt! Der Minister befindet sich damit in guter Gesellschaft. Wie die Epigonen Hahnemanns, die Homöopathen, so zeichnet auch die Politik eine bemerkenswerte Begabung aus: das Stigma der Fähigkeit der Heiler, der Schamanen, den Unwissenden, Leichtgläubigen, Hoffenden und insbesondere den Hoffnungslosen vorzugaukeln, Hilfe und Heilung bringen zu können.
Prometheus brachte die Hoffnung als geistiges und das Feuer als materielles Überlebensprinzip in die Welt. Hoffnung hilft, die Qual von Leid, Trauer und Angst zu überwinden. Feuer ist die Quelle materieller Überlebensfähigkeit. Hoffnung aber hat nur beständige Wirkung auf der Basis materieller Wirklichkeit. Ohne diese Basis ist sie eine Fata Morgana – und damit todbringende Vorspiegelung irrealer Wirklichkeit.
Diese Hoffnung, ohne materielle Wirklichkeit, ist Symbol von Homöopathie und jeder Politik, die das Subsidiaritätsprinzip mißachtet.
Die Homöopathie verliert den Bezug zur Wirklichkeit, zur wirkenden Materie in der Verdünnung. Sie verspricht Heilung aus leeren Händen.
Die nicht subsidiär angewandte, sondern die jedes und alles regelnde Politik maßt sich Wirkung auf das Leben an, die ordnungspolitische Wirkung in der Verdünnung verliert und die die Menschen in Funktionslosigkeit führt.
Nehmen wir Dr. Samuel Hahnemann beim Wort und ins Gebet seiner vier Wirkprinzipien: Das erste Grundprinzip, die Verwendung von Einzelmitteln (modern: von Heilmitteln bekannter Molekularstruktur), die Verurteilung von Gemischen verschiedener Arzneimittel, ist eine Erkenntnis, die der der modernen Wissenschaft entspricht. Das bedeutet aber auch, daß der phytotherapeutische Extrakt, ein Gemisch vieler, meist unbekannter, pflanzlich synthetisierter Moleküle als Behandlungsmethode ausgeschlossen ist.
Die Arzneimittelprüfung am Gesunden ist nur als Methode zur Abklärung unerwünschter Nebenwirkungen sinnvoll, zur Abklärung helfender Wirkung, zur Heilung von Erkrankungen aber völlig ungeeignet. Das Ähnlichkeitsprinzip ist ein Trugschluß. Aber: Nur wer groß denkt, kann auch groß irren.
Soweit dieser Gedanke auf der Assoziation von E. Jenner beruht, durch eine Vakzination mit Kuhpocken eine Wildpockeninfektion zu verhindern, ist anzumerken: Hierbei wird nicht nach dem Simile-Prinzip Ähnliches mit Ähnlichem behandelt, sondern einer Wildvirusinfektion durch die Vakzination mit Kuhpocken vorgebeugt. Auf keinen Fall ist eine Wildviruspockenerkrankung mit Kuhpocken, insbesondere nicht in der Verdünnung von C 12, zu heilen. Auch die Heilung einer Äthylalkoholintoxikation ist zum Beispiel mit Methylalkohol nicht möglich.
Ähnlichkeit bedeutet nicht Gleichheit oder Gleichwertigkeit; der Verlust einer Doppelbindung im Steroidmolekül kann Unwirksamkeit bewirken, der Ersatz einer Aminosäure im Oligo- oder Polypeptidmolekül Wirkung aufheben.
Die Verwendung kleinster Arzneimittelgaben, die die Hahnemann-Jünger zum Verdünnungszirkus mutierten, erinnert an den Film: "Der dritte Mann." Hier sterben Kinder, erkrankt an einer bakteriellen Meningoenzephalitis infolge der Unwirksamkeit extrem verdünnter Antibiotikagaben, infolge von Habgier.
Nun verdünnt mal schön, Liebhaber des merkantilen Verdünnungsopportunismus bis hin zu C 12 gleich
D 24, zur perfekten personifizierten Verdünnung, der jegliches Wirkmolekül fehlt, dem Verdünnungswahn, der befriedigt wird vom Verdünnungs-Wirkungsbetrug . . .
Dr. med. Wolfgang Grote, Köln
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