ArchivDeutsches Ärzteblatt PP10/2003Versorgungszentren: Schönes Utopia

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Versorgungszentren: Schönes Utopia

PP 2, Ausgabe Oktober 2003, Seite 469

Philipps, Bernhard

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LNSLNS Wunderbar: kurze Wege für den Patienten, alles inklusive, moderne Medizin und keine Wartezeiten – ich bin begeistert von der Idee, überall Polikliniken einzuführen, und alle jungen Kollegen werden mit Freuden nach der Facharztausbildung in solchen Zentren arbeiten wollen. Schönes Utopia. Aber jetzt mal im Ernst: Welcher Kollege möchte nach etwa zwölf Jahren Ausbildungszeit einen vollen Praxisbetrieb am Laufen halten (und wie schon im Artikel dargestellt, mal auch locker etwas über der gesetzlich erlaubten Arbeitszeit malochen, denn der Patient wartet ja), und das Ganze für ein Angestelltengehalt nach BAT (na, was soll’s denn werden, BAT I oder gar nur II?)?
Dafür, liebe Frau Ge­sund­heits­mi­nis­ter, besuche ich nicht jedes Jahr mehrere Fort- und Weiterbildungskurse, aus eigener Tasche finanziert. Dafür versuche ich nicht, in meinem Fachgebiet ein echter Spezialist zu werden, um so Patienten eben nicht sagen zu müssen: „Das ist nicht Standard, das gibt es nicht.“
Vergleiche man doch bitte mal die Gehälter anderer Berufsgruppen nach Studium und sechs Jahren Spezialisierung – sicher nicht „BAT was auch immer“. Ich will auch nur mal unschuldig fragen: Werden Überstunden an der Poliklinik etwa bezahlt? Oder wird eine Opferbereitschaft des angestellten Arztes impliziert?
Die DDR ist tot, es lebe die DDR . . . Wie schnell sind doch die katastrophalen Zustände in der damaligen DDR vergessen.
Die Kassen haben für die Arztpraxen im Budget kein Geld für sinnvolle, aber eventuell teure Medikamente (z. B. Osteoporoseprophylaxe), aber in der Poliklinik soll dann das Geld dafür plötzlich da sein? Woher denn? Der Topf wird nicht größer. Das schöne Bild der Poliklinik – und alles ist da, und alles wird für den Patienten finanziell möglich – U-topos (der Ort, der nicht ist; man lese Thomas Morus). Und viele Kollegen machen es uns jungen Assistenten bereits jetzt schon vor: Arzt ist ein toller Beruf, aber nicht in Deutschland – oder gibt es bald wieder den Straftatbestand der Republikflucht, Frau Minister?
Dr. med. Bernhard Philipps, Annostraße 41, 41462 Neuss
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