ArchivDeutsches Ärzteblatt PP10/2003Offenheit in der Therapie: Wesentliches häufig ungesagt

WISSENSCHAFT

Offenheit in der Therapie: Wesentliches häufig ungesagt

PP 2, Ausgabe Oktober 2003, Seite 471

Sonnenmoser, Marion

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS Obwohl Selbstoffenbarung maßgeblich für den Therapieerfolg ist, sprechen Patienten wichtige Themen häufig nicht an. Auch die Offenheit des Therapeuten kann hilfreich sein.

Unabdingbar für jede Psychotherapie ist es, dass der Klient offen und ehrlich über seine Gefühle, Gedanken, Erinnerungen, Erfahrungen und Probleme spricht. Trotzdem geben die meisten Klienten längst nicht jedes Geheimnis preis. Schätzungsweise zwei Drittel der Klienten, die sich einer Langzeitpsychotherapie unterziehen, lassen etwas Wesentliches ungesagt. „Zu den Themen, die am meisten verschwiegen werden, gehören sexuelle Erfahrungen, Gefühle und Fantasien“, sagt der Psychologe Barry Farber vom Teachers College an der Columbia University, der zusammen mit Kollegen zwei Studien zur Selbstoffenbarung durchgeführt und außerdem einschlägige Literatur ausgewertet hat.
Unangenehm, von negativen Gefühlen zu berichten
Absolut tabuisiert werden vor allem das Thema Selbstbefriedigung und das Interesse an pornographischen Büchern, Zeitschriften, Filmen und Videos. Selten geäußert werden außerdem Fantasien, die sich auf die Sexualität des Therapeuten oder auf Intimitäten zwischen Klient und Therapeut beziehen. Auch Affären, Seitensprünge, Verlust der Jungfräulichkeit, Gewalt, Missbrauch, Vergewaltigung, Einnahme von Drogen und Medikamenten, fantasierte Verbrechen und andere intimste Themen werden verschwiegen. Wider Erwarten sind Geld und finanzielle Angelegenheiten hingegen keine Tabuthemen.
Für das Geheimhalten oder Schweigen der Klienten gibt es mehrere Gründe. Beispielsweise befürchten Klienten, dass der Therapeut nichts von ihren negativen Gefühle wissen will. Es ist ihnen unangenehm, davon zu berichten, dass sie sich missverstanden, verängstigt, durcheinander oder hilflos fühlen. Stattdessen hoffen sie, dem Therapeuten eine Freude zu machen und von ihm angenommen zu werden, wenn sie nur von positiven Reaktionen berichten. Schweigen wird verursacht durch Angst, Befürchtungen, Scham- und Schuldgefühle. Für Klienten ist es oft sehr schmerzvoll, etwas zu erzählen, an dem sie schuldig sind, das ein schlechtes Licht auf sie wirft oder das ihnen peinlich ist. Außerdem verhindern sie damit, von Ängsten, Stress und von unangenehmen und aufwühlenden Erinnerungen überwältigt zu werden. Ein weiterer Grund, warum Klienten etwas nicht erzählen, ist der, dass sie es nicht für wichtig erachten. „Die meisten Klienten haben einen oder zwei Grundkonflikte in ihrem Leben, die sie extensiv behandeln wollen“, erklärt Farber. Alles andere erscheint ihnen nebensächlich. Diese Wertung kann aber auch Ausdruck von Widerstand sein. Diesen zu erkennen ist wiederum Aufgabe des Therapeuten.
Es gibt aber auch Themen, die die Klienten sehr häufig ansprechen. Dazu zählen beispielsweise die Gefühle, die sie gegenüber sich selbst haben. Meistens sind es negative Gefühle wie Enttäuschungen, Verzweiflung und Frustrationen. Die Klienten sprechen dar-
über, was sie an sich nicht mögen, wor-
über sie besorgt sind und was sie als Hindernis betrachten. Häufig angesprochen werden auch Beziehungen zu anderen. Hier sind es vor allem negative Aspekte, wie beispielsweise Enttäuschungen über andere, Charakterfehler von Eltern und Partnern sowie Ärger und Rachegefühle.
Während einige Studien ergeben, dass Frauen in der Therapie mehr und andere Dinge über sich offenbaren als Männer, geht Farber aufgrund eigener Untersuchungen von einem Gleichstand aus. Frauen halten jedoch beispielsweise sexuelle Erfahrungen und Gedanken stärker zurück. Männer schweigen sich mehr über Gewalterfahrungen aus. Frauen sprechen häufiger über Gefühle der Enttäuschung und Verzweiflung, wohingegen Männer öfter Persönlichkeits-
aspekte, die ihnen Sorge bereiten, ansprechen. Ein Tabuthema, vor allem für Frauen, ist ihr Interesse an Pornographie und ihre sexuellen Fantasien über den Therapeuten. Frauen haben außerdem große Probleme damit, ihre sexuellen Erlebnisse, ihre Erfahrungen mit der Menstruation und dem prämenstruellen Syndrom zu offenbaren. Ungern zugegeben wird außerdem die Angst, keine Kinder bekommen zu können.
„Fremder-im-Zug-Phänomen“
Es gibt verschiedene Faktoren, die es den Klienten erleichtern, sich in der Therapie zu öffnen. Dazu zählt erstens das „Fremder-im-Zug-Phänomen“. Das heißt: Es fällt uns leichter, einem völlig Fremden Geheimnisse anzuvertrauen als einem Menschen aus dem Umfeld. Klienten sehen in ihrem Therapeuten bisweilen einen Fremden, dessen Meinung oder Gefühle sie nicht berücksichtigen müssen. Zweitens schafft es Erleichterung und Entlastung, sich zu offenbaren. Drittens hilft es Klienten, wenn sie nicht zu sehr ins Detail gehen müssen. Untersuchungen haben ergeben, dass Klienten bereitwilliger antworten, wenn sie allgemein gehaltenen Aussagen zustimmen sollen. Viertens spielt die Qualität der therapeutischen Beziehung eine Rolle. Eine vertrauensvolle Beziehung schafft eine Atmosphäre, in der die Offenbarungsbereitschaft der Klienten gefördert wird. Gleiches gilt für die Therapiedauer. Je länger eine Therapie dauert, desto mehr offenbaren Klienten von sich. Auch spielt die Ausprägung der Scham eine Rolle. Klienten, die sich schämen, sprechen weniger über etwas, das sie belastet. Einfluss auf die Offenheit hat auch die Wichtigkeit eines Themas. Es ist jedoch nicht selbstverständlich, dass Klienten über das, was ihnen wichtig ist, auch immer ausführlich sprechen. Für den Therapieerfolg ist es jedoch unerlässlich, dass wichtige Themen auch zur Sprache kommen. Denn wenn Klienten über Themen sprechen können, die für sie bedeutsam sind, nehmen sie Therapiefortschritte eher wahr und werten die Therapie eher als erfolgreich.
Dass Therapeuten sich gegenüber den Klienten offenbaren, kommt sehr selten vor. Das liegt unter anderem an den theoretischen Positionen der Therapieschulen. Die klassische Psychoanalyse vertritt die Ansicht, dass der Klient jeden Gedanken aussprechen muss. Der Therapeut muss hingegen neutral, anonym und verschlossen bleiben. Denn je mehr der Klient über den Therapeuten weiß, desto verschwommener wird die Übertragung. Progressive Vertreter der Psychoanalyse behaupten jedoch, dass völlige Neutralität nicht möglich ist. Schon allein die Einrichtung der Praxis oder die Kleidung verrät etwas über den Therapeuten. Psychoanalytiker sollten ihre Gefühle offenbaren, da dies unerlässlich für eine authentische Analyse sei.
Andere Therapieschulen haben weniger strenge Ansichten. In humanistisch orientierten Therapien wird die Selbstoffenbarung des Therapeuten als Gewinn gesehen. Sie zeigt dem Klienten, dass der Therapeut Anteil nimmt und macht den therapeutischen Prozess weniger mysteriös. Echtheit und Authentizität des Therapeuten fördern beim Klienten außerdem Offenheit, Vertrautheit, Vertrauen, Selbstverständnis und Veränderungsprozesse. Die Selbstoffenbarung bewirkt, dass der Therapeut menschlicher und realer wirkt. Therapieschulen mit existenzialistischer Orientierung sind in Bezug auf die Offenheit des Therapeuten weniger eindeutig. So soll der Therapeut zwar bei der Deutung auf persönliche Erfahrungen zurückgreifen, doch sollte er diese dem Klienten nicht offenbaren. Therapien mit kognitiv-behavioristischem Ansatz halten die Selbstoffenbarung des Therapeuten für eine Gewinn bringende Intervention. Sie gehen davon aus, dass Offenheit das Arbeitsbündnis festigt, Veränderungen fördert, die Motivation des Klienten verbessert und die Effektivität von Techniken erhöht. Zudem kann der Therapeut als Modell für Rollen, Problemlösungen und Copingtechniken dienen. Es gibt also eine große Bandbreite an Meinungen. In einem stimmen jedoch alle überein: Selbstoffenbarung durch den Therapeuten ist eine der seltensten Interventionen, aber eine mit großem Einfluss.
Umdenken gefordert
Die meisten Therapeuten werden dazu angeleitet, so wenig wie möglich von sich preiszugeben. „Angesichts der vielen Gewinn bringenden Effekte der Of-
fenheit sollte in diesem Punkt jedoch ein Umdenken einsetzen“, meinen die beiden US-amerikanischen Psychologinnen Sarah Knox und Clara Hill, die mehrere Forschungsarbeiten zur Selbst-
offenbarung ausgewertet haben. Sie
raten Therapeuten, sich gegenüber
Klienten zu öffnen, aber bedacht und
unregelmäßig. Das richtige Maß an Offenheit muss gefunden werden. Nur
angemessene Inhalte sollten offenbart werden, beispielsweise zum beruflichen Hintergrund oder zu ähnlichen Erfahrungen oder Reaktionen. Therapeuten sollten nicht zu persönliche und intime Dinge offenbaren. Die Offenbarungen sollten etwas mit dem zu tun
haben, was den Klienten beschäftigt.
Offenbarungen sollten spontan geäußert werden, dann werden sie als normaler Bestandteil der Interaktion verstanden. Therapeuten sollten den Klienten fragen, wie seine Offenbarungen auf ihn wirken. Dr. phil. Marion Sonnenmoser

Journal of Clinical Psychology. In session: Self-disclosure. 2003; 59: 5: 525–635.

Barry A. Farber, Program in Clinical Psychology, 525 West 120th Street, Teachers College, Columbia University, New York, NY 10027, Farber@tc.columbia.edu

Sarah Knox, Department of Counseling and Educational Psychology, School of Education, Marquette University, Milwaukee, WI 53210–1881, sarah.knox@marquette.edu
Anzeige

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema