ArchivDeutsches Ärzteblatt46/1996Kopfschmerzen bei Kindern: Indikation zur Therapie ist der Leidensdruck

POLITIK: Medizinreport

Kopfschmerzen bei Kindern: Indikation zur Therapie ist der Leidensdruck

Dtsch Arztebl 1996; 93(46): A-3004 / B-2561 / C-2372

Blaeser-Kiel, Gabriele

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LNSLNS Neunzig Prozent der Kinder zwischen acht und sechzehn Jahren haben bereits Erfahrung mit Kopfschmerzen gemacht. Das ist das Ergebnis einer Befragung von fast 7 000 Schülern aller Typen von Lehranstalten in Wuppertal und Mettmann. Eine Korrelation zwischen sozialer Schicht beziehungsweise familiären Lebensumständen und Kopfschmerz-Prävalenz gab es nicht. In Anlehnung an die Kriterien der "Internationalen Kopfschmerzgesellschaft" wurden die Beschwerden in der Hälfte der Fälle als Spannungskopfschmerz und in elf Prozent als Migräne mit oder ohne Aura klassifiziert.
Die Fokussierung auf einen bestimmten Kopfschmerz-Typ spiele eigentlich eine untergeordnete Rolle, betonte Dr. Raymund Pothmann (Oberhausen) bei einem internationalen Symposium in Hamburg. "Vielmehr sollte man sich mit dem Leidensdruck der Kinder beschäftigen, der letztendlich auch die Indikation für die Therapie darstellt." Wichtige Merkmale sind beispielsweise Fehlzeiten in der Schule oder Einschränkungen bei Freizeitaktivitäten. Sieben Prozent der befragten Kinder brachen bei Auftreten der Kopfschmerzen ihre Beschäftigung ganz ab, 30 Prozent machten eine Pause, und 35 Prozent mußten sich hinlegen. Der Einsatz von Analgetika nahm mit dem Alter zu – von 18 Prozent bei den Dritt- auf 28 Prozent bei den Neuntkläßlern. Bei der Diagnostik stellen die ausführliche Anamnese mit den Eltern sowie die körperliche, speziell neurologisch ausgerichtete, Untersuchung die wesentliche Basis dar. Apparative Zusatzuntersuchungen sind nur dann nötig, wenn sich fokale neurologische Auffälligkeiten ergeben. Unerläßlich ist das Führen eines "Kopfschmerz-Tagebuchs". Darin dokumentieren die Kinder über eine Zeitspanne von vier bis sechs Wochen Häufigkeit, Anfallsdauer, Lokalisation und Stärke ihrer Kopfschmerzen sowie Begleitsymptome, Medikation und Konsequenzen für ihren Tagesablauf. Allein durch das sorgfältige Ausfüllen dieses Tagebuchs gelangen einige Kinder zur vollständigen Schmerzfreiheit.
Zur Akuttherapie empfehlen sich allgemeine Maßnahmen wie Reizabschirmung, Hinlegen, Kühlen der Stirn; wenn das nicht ausreicht, sind peripher wirksame Analgetika wie Paracetamol oder Acetylsalicylsäure indiziert. Alternativen sind Ibuprofen oder Naproxen. Erfahrungsgemäß liegt die Ansprechrate bei etwa 90 Prozent. Nur wenn diese Substanzen nicht zum gewünschten Erfolg führen, empfiehlt sich die Verordnung von Ergotamintatrat. Eine Prophylaxe sollte laut Pothmann erst dann erwogen werden, wenn hinreichend dokumentiert wurde, daß mehr als zwei Migränefälle pro Monat auftreten, die Schmerzstärke sehr hoch ist beziehungsweise die Anfälle länger als achtundvierzig Stunden anhalten und häufig die Schule versäumt wird. Mittel der Wahl sind die Betarezeptorenblocker Metoprolol und Propanolol. Als Alternativen stehen der Kalziumantagonist Flunarizin oder niedrigdosierte Acetylsalicylsäure zur Verfügung. Sprechen die Kinder auf keines der Medikamente ausreichend an, bringen möglicherweise die Kombination mit verhaltenstherapeutischen Maßnahmen wie EMG-Biofeedback oder Vasokonstriktionstraining beziehungsweise die progressive Muskelrelaxation nach Jacobsen oder autogenes Training eine Hilfe. Prüfen sollte man auch, ob eventuell eine Nahrungsmittelallergie besteht und sich die Kopfschmerzen durch eine entsprechende Ernährungsumstellung bessern lassen. Gabriele Blaeser-Kiel

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